I. Böse gegen Gute?

Die Börse braucht sie, schätzt sie aber nur bedingt: die Flipper. Besonders bei Neu-Emissionen sind sie zur Stelle. Sie kaufen junge Aktien in der Hoffnung, dass sie erst einmal steigen, um sie dann sofort wieder mit Gewinn loszuschlagen. Das kann den Markt beunruhigen, setzt jedoch zugleich den Handel in Gang. Und meist redet man nur dann über sie, wenn sie einen ordentlichen, schnellen Gewinn einfahren konnten. Das ist auf dem Kunstmarkt beim Art-Flipping nicht anders. Weil es aber um Kunst geht, wird dabei so getan, als sei hier der schnöde Mammon der Belzebub, der die hehren Ideale der Branche verrate. Denn Galeristen, Kunsthändler, Auktionatoren – und erst recht die Museumsleute und Kuratoren – erwecken gern den Eindruck, alles Kommerzielle führe ins Fegefeuer, wenn nicht gar in die Hölle. Sie verstehen sich als die Guten, die der zeitgenössischen Kunst zu dem Ansehen verhelfen, das sie verdient. Die Art-Flipper aber seien die Bösen, die mit Kauf und schnellem Wiederverkauf den Kunstmarkt gewinnträchtig zu manipulieren trachteten. "Selling, buying, flipping" sei ihr Motto, "verkaufen, kaufen, weiterverkaufen".

II. Ein neues Phänomen?

Das sei ein ziemlich neues Phänomen auf dem Kunstmarkt, sagen Kritiker. Verdrängt wird dabei, dass es schon immer gewitzte Männer gab – Frauen sind in diesem Gewerbe erst in jüngster Zeit aktiv –, die einen Blick und die Kennerschaft besaßen, bei Händlern oder bei Auktionen Kunstwerke ausfindig zu machen, die sie für unterschätzt hielten. Also investierten sie in diese "Schläfer", um sie bald – finanziell und oft auch wissenschaftlich aufgewertet – wieder in den Kreislauf des Marktes einzuspeisen. Nichts anderes tun die Art-Flipper.

III. Eine Frage der Moral?

Dass das Kunstwerk dabei weniger "Kulturgut" als Ware ist, war damals so und ist es noch heute. Mögen Händler wie der schillernde Jeffrey Deitch auch erklären: "Wir platzieren ein Werk, anstatt es zu verkaufen." Damit soll der Eindruck erweckt werden, nicht das Geld, nicht der Preis beflügele die Entscheidung des Galeristen, sondern jener überlasse ein Bild oder eine Skulptur stets nur dem Museum oder der Sammlung, in dem oder in der es am besten zur Geltung komme. Für die Art-Flipper sei dagegen die Kunst lediglich ein Spekulationsobjekt. Und spekulieren dürfe man allenfalls mit Gold, Silber, Diamanten oder Aktien. Mit Kunst sei das unanständig und unmoralisch.

IV. Störung der Etablierten?

"Bedrohen Barbaren die Kunstauktionen?", überschrieb die New York Times vor ein paar Jahren einen Artikel zum Art-Flipping – um direkt selbst zu antworten: "Not to worry", "keine Sorge". Denn nach Untersuchungen von Fabian Bocart, dem Gründer der Kunstberatungsagentur Tutela Capital, betreffe das Art-Flipping nämlich nicht einmal zwei Prozent des Kunstmarktes. Trotzdem ist das Wehgeschrei der Branche verständlich. Denn die Art-Flipper unterhöhlen das Bemühen des etablierten Kunsthandels, Angebot und Preise von "gefragten" Künstlern allein bestimmen zu können.