Mit einer Milliarde Euro kann man etwa 17.000 Lehrer ein Jahr lang bezahlen, 100 Kilometer Autobahn bauen oder 7000 Sozialwohnungen. Oder man kann das Geld den Bauern überweisen. Die fordern Hilfe wegen der anhaltenden Dürre. Weil Kartoffeln nicht mehr wachsen, weil das Gras verdorrt, der Raps verödet – und weil den Landwirten damit Einnahmen fehlen.

Geht es einer mächtigen Gruppe von Unternehmern schlecht, erschallen die Rufe ihrer Lobbyisten nach dem Staat. So ist das fast immer. Die Erfahrung lehrt, dass die Politik in aller Regel gut daran tut, der Forderung nicht nachzugeben, weil Nothilfen das Leiden nur verlängern, und das auf Kosten der Steuerzahler. In diesem Jahrhundertsommer aber stellt sich die alte Frage nach der Rolle des Staates in einer neuen Form: Sind Bauern überhaupt normale Unternehmer? Und haben wir es mit einer normalen Situation zu tun?

In Berlin bringt das Anliegen der Bauern jedenfalls höchst ungewöhnliche Koalitionen hervor: Die AfD ist für Finanzhilfen, die Linkspartei ebenfalls, die Grünen sind zumindest gesprächsbereit, und selbst die staatsskeptische FDP sagt, die Regierung dürfe die Landwirte "nicht alleine lassen", wie es der landwirtschaftspolitische Sprecher der Bundestagsfraktion formuliert. Knausrig zeigt sich hingegen ausgerechnet die SPD, die mit Staatshilfen sonst kaum Probleme hat. Bauern wählen eben selten sozialdemokratisch.

Die zuständige Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner von der CDU spielt auf Zeit. Erst Ende August – wenn endgültig klar ist, wie die Ernten ausfallen – will sie über Hilfen entscheiden. Was sich jetzt bereits abzeichnet: Es dürfte für viele Landwirte ein extrem schlechtes Jahr werden. Der Bauernverband rechnete zuletzt damit, dass 2018 rund 41 Millionen Tonnen Getreide geerntet werden – üblich sind 46 bis 48 Millionen Tonnen. Auch bei Kartoffeln, Mais und Zuckerrüben gehen die Erträge zurück. Und viele Viehbauern müssen Futter zukaufen, weil auf den Wiesen und Weiden nicht mehr genug Gras wächst.

Es gibt aber auch Gewinner der Hitzewelle. So hoffen die Winzer wegen der vielen Sonnenstunden auf einen Rekordjahrgang, und Äpfel, Kirschen, Erdbeeren und Pflaumen wachsen so gut wie selten zuvor. Hinzu kommt: Auch der Agrarmarkt ist ein Markt. Wenn das Angebot knapper wird, steigen die Preise. Die Tonne Weizen kostet heute zwanzig Prozent mehr als vor einem Jahr, Kartoffeln, Raps und Gerste haben sich ebenfalls verteuert. Für die Bauern bedeutet das: Sie verkaufen zwar weniger, bekommen aber je Tonne mehr Geld – wodurch zumindest ein Teil der Ausfälle kompensiert werden kann. Und schließlich haben viele Höfe in Jahren mit guter Witterung auch gutes Geld verdient.

Natürlich sind Bauern, so betrachtet, Unternehmer: Sie erwirtschaften Gewinne, tragen aber auch das Risiko, wenn es mal nicht so gut läuft. Und das Wetter, meint Rainer Spiering, der agrarpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, gehöre nun mal zu ihrem Geschäftsrisiko. Faktoren wie Sonne, Wind und Regen seien "nicht steuerbar", sagt der Parlamentarier, aber "diese Umstände treffen auch auf viele andere große Berufsgruppen zu, zum Beispiel auf alle witterungsabhängigen Fremdenverkehrsbetriebe". Mit anderen Worten: Die Bauern zu entschädigen passe nicht zur Marktwirtschaft. Schließlich hilft der Staat ja einem Tretbootverleiher auch nicht, wenn es Dauerregen gibt.

Allerdings ist es schon ein besonderer Markt, auf dem die Bauern unterwegs sind. Sie produzieren nicht nur Lebensmittel, sondern sorgen dafür, dass die Landschaft so aussieht, wie sie aussieht, mit Feldern, Wiesen und Wäldern. Dazu haben Landwirte nicht die gleichen Möglichkeiten, ihre Produktion kurzfristig an neue Verhältnisse anzupassen wie viele andere Unternehmer. Das räumen selbst Experten ein, die der Milliarden-Forderung der Landwirte kritisch gegenüberstehen, wie etwa der Göttinger Agrarwissenschaftler Oliver Mußhoff. "Wenn VW vorübergehend weniger Autos verkauft, kann das Unternehmen die Arbeitszeit in seinen Werken senken, es kann weniger Teile bei den Zulieferern einkaufen oder schon fertig produzierte Teile lagern und sie später verwenden." Das alles gehe in der Landwirtschaft nicht. "Bauern müssen ein halbes Jahr lang immer nur in Vorleistung treten, sie müssen Saatgut kaufen, es aussäen, ihre Felder düngen und bewässern, Unkraut bekämpfen – und am Ende kann ihnen doch das Wetter einen Strich durch die Rechnung machen." Insofern sei ihr Risiko schon besonders groß.

In diesem Jahr ist aus Sicht der Bauern mit dem extrem heißen Sommer ein Risiko eingetreten, das mehr ist als die übliche Wetterschwankung. Er gleicht eher einer Naturkatastrophe. In manchen Betrieben seien die Erträge sogar um 50 oder gar 70 Prozent eingebrochen, sagen die Funktionäre des Bauernverbands. Bei jeder anderen Katastrophe, etwa einem Erdbeben oder einer Überschwemmung, würde man den Opfern doch auch helfen – warum also jetzt nicht den Bauern? Das europäische Recht lasse Beihilfen ja explizit zu, wenn der Ertrag um mehr als 30 Prozent unter dem Durchschnitt der letzten drei Jahre liege, wie Udo Hemmerling, der Vizegeneralsekretär des Verbandes, sagt.