Mit dem Wetter ist es normalerweise so: Irgendwo schlägt es heftig aus, Hitze, Kälte, Regen, Wind. Aber kaum blickt man auf Mittelwerte für längere Zeiträume oder größere Gebiete, verschwindet das Außergewöhnliche im Durchschnitt – so ist das normalerweise.

Heiße Jahre

Abweichung vom Vergleichszeitraum

www.worldweatherattribution.org, NOAA/ESRL, NASA GISS, NOAA NCEI, DWD © ZEIT-Grafik

In diesem Sommer ist es anders. Nicht nur, weil die Höchsttemperaturen aus der Wettervorhersage es seit Wochen an den Anfang der Fernsehnachrichten und auf die Titelseiten schaffen. Nein, dieses Wetter ist von einer Außergewöhnlichkeit, die nicht ab-, sondern zunimmt, wenn man die Perspektive weitet.

Blick aus dem Fenster: Deutschland

Den "voraussichtlich fünftwärmsten Juli" seit Beginn regelmäßiger Temperatur-Messungen im Jahr 1881 meldete der Deutsche Wetterdienst (DWD) zu Beginn der Woche. Die Julis der Jahre 2010, 2006, 1994 und 1983 waren noch heißer, kein Rekord also, genauso wenig im Juni.* April und Mai hingegen waren die wärmsten seit Beginn der Aufzeichnungen, im Mai hatte der DWD "schon die erste Hitzewelle des Jahres" protokolliert. Das Frühjahr 2018 war "das zweitwärmste seit Aufzeichnungsbeginn".

Waldbrandgefahr

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Nicht einzelne Rekorde, sondern die Dauer machen das Sommerwetter also besonders – und die extreme Trockenheit. Im Juli hat es wieder nur halb so viel geregnet wie normal wäre. Das heißt in vielen Gegenden: gar nicht. Dort klagen die Landwirte.

"Die aktuelle Dürre in Deutschland hat bereits die Ausmaße des Dürrejahres 2003 mit seinen verheerenden Schäden erreicht", sagt Andreas Marx, Leiter des Mitteldeutschen Klimabüros am Umweltforschungszentrum Leipzig (UFZ). Die UFZ-Forscher erstellen aus Messungen der Bodenfeuchtigkeit einen "Dürremonitor". Aktuell zeigt Marx’ Karte weite Teile der norddeutschen Tiefebene, Schleswig-Holsteins und Mitteldeutschlands in Rot ("extreme Dürre") oder Dunkelrot ("außergewöhnliche Dürre"), genauso Gebiete am Niederrhein, auf der Schwäbischen Alb und in Ostbayern. Marx sagt: "Das Ausmaß der bisher größten Dürre im Jahr 1976 könnte erreicht werden."

Deutschlands Hitzesommer liegt deutlich außerhalb des Gewohnten. Für sich betrachtet, wäre das aber bloß exotisch.

Blick aufs große Ganze: die Nordhalbkugel

"Extremwetter einschließlich Rekordtemperaturen und Hitzewellen, Dürren und verheerender Niederschläge hat die erste Sommerhälfte in der nördlichen Hemisphäre gekennzeichnet", fasst die Welt-Meteorologie-Organisation zusammen. Und das Europäische Zentrum für mittelfristige Vorhersagen bezeichnet die Juli-Temperaturen "quer durch Asien (besonders in Japan), in Nordeuropa, den USA und Kanada" als "viel höher als im Durchschnitt".

Es ist also nicht nur in Deutschland zu heiß, sondern an auffällig vielen Orten auf der Nordhalbkugel. Der Grund sind Hochdruckwetterlagen, die lange reglos verharren und für kontinuierliche Hitze sorgen. Gewöhnlich wandern sie weiter nach Osten, doch in diesem Sommer fehlt ihnen der Antrieb. Meteorologen sagen dazu "Blockade"-Wetterlage.

Stabiles Muster

Abweichungen vom durchschnittlichen Luftdruck (Mai–Juli)

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Woran es mangelt, das zeigen die Daten jener fast 800 Wetterballons, die weltweit zweimal am Tag hoch aufsteigen, um Windgeschwindigkeiten zu messen. Aus ihren Daten setzen die Meteorologen ein Bild des "Jetstreams" zusammen, jenes einflussreichen Windes, der ab zehn Kilometer Höhe um den Nordpol herumjagt und dabei die Druckgebiete in tieferen Lagen vor sich hertreibt. Schwächelt dieser Höhenstrom, wie jetzt gerade, sitzen am Boden die Hochdruckgebiete fest. "Was an dieser Blockade-Lage wirklich ungewöhnlich ist, ist, dass sie so lange anhält", sagt Friederike Otto vom Environmental Change Institute der Universität Oxford. "Es ist ja im Prinzip seit Mai Hochdruck und warm, ja heiß, in ganz Nordeuropa."

Eine Ausnahme ist dieser Sommer also sicher, aber nicht die erste: Im vergangenen Jahr hatte der Geophysiker Dim Coumou vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung im Fachblatt Scientific Reports den Zusammenhang zwischen schwachem Jetstream und Extremwetterereignissen auf der Nordhalbkugel beschrieben. Er zeigte unter anderem, dass ein schwacher Jetstream den Hitzesommer von 2003 verursacht hat.

Blick aufs Extrem: die Arktis

Die entscheidende Erklärung für die Anomalien auf der gesamten Nordhalbkugel ist im hohen Norden zu finden. Ende Juli veröffentlichte Friederike Otto eine viel beachtete Auswertung: Sie hatte für mehrere Wetterstationen ausgerechnet, wie häufig dort Extremtemperaturen wie 2018 zu erwarten sind. Und je weiter nördlich sie schaute, desto außergewöhnlicher erschien die Hitze. So bescherte der Sommer dem Örtchen Sodankylä in Finnisch-Lappland, knapp nördlich des Polarkreises, fast schon eine Jahrhunderthitze: Nur alle 90 Jahre wären dort solche Werte zu erwarten – konstantes Klima vorausgesetzt.

Warme Arktis

Temperaturanstieg im Vergleich zum globalen Mittel

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Aber das ist genau der Punkt. Weiter nördlich, im arktischen Ozean, ging 2018 der wärmste Winter seit Beginn der Aufzeichnungen zu Ende. Auf Cape Morris Jesup, an der Nordspitze Grönlands, hatte das Thermometer im Februar mehr als 60 Stunden lang Temperaturen über dem Gefrierpunkt angezeigt. Das sei eher typisch für den Mai, sagte die zuständige Klimaforscherin am dänischen Meteorologie-Institut damals. Nördlich des 60. Breitengrades wird es inzwischen doppelt so schnell wärmer wie im globalen Durchschnitt. Der Temperaturunterschied zwischen Nordpol und Äquator schrumpft – und genau aus diesem speist sich normalerweise der Jetstream.

Die Beobachtungen der Meteorologen und die Berechnungen der Klimaforscher legen nahe, dass die Formel für diesen außergewöhnlichen Sommer so lautet: geringeres Temperaturgefälle gleich schwächelnder Jetstream gleich konstantes Hochdruckwetter. – So gesehen hat jener Sommer, der Deutschland bisher vier Monate Hitze und eine rekordverdächtige Dürre gebracht hat, im Winter am Nordpol begonnen.

*Anm. d. Red.: Nach Redaktionsschluss gab der Deutsche Wetterdienst bekannt, dass der Juli 2018 zusammen mit 2006, 1994, 1983 und 2010 einer der fünftwärmsten seit Messbeginn war. Mit durchschnittlichen 20,3 Grad Celsius pro Tag.