Was ist Rassismus? Und was ist keiner? – Seite 1

Natürlich wäre es fantastisch, wenn man es ganz genau wüsste: was Rassismus ist. Am besten, es gäbe einen Lackmustest: Man zapft dem Verdächtigen ein Tröpfchen Blut ab, bringt es auf einen Streifen auf, und wenn dieser sich braun verfärbt, steht fest: "Sie sind leider Rassist, bitte stellen Sie sich an den Schandpfahl!"

Doch so einfach ist es nicht. Auch hier gilt die Unschärferelation: Der Akt der Beobachtung beeinflusst das Testergebnis.

Die Journalistin Mithu Sanyal, indischer Phänotyp, hat das dieser Tage in ihrer Kolumne in der taz illustriert. Dabei geht es um eine Szene in Wales auf einem Amt, auf dem ihr etwas verweigert wird, das man ihrem weizenblonden Freund zuvor umstandslos zugestanden hatte. "Ämter", schreibt Sanyal, "sind zu mir deutlich weniger zuvorkommend als zu ihm mit seiner milchweißen Haut und seinem Haar wie gesponnenem Honig. Und er beweist, dass er der Mann meines Lebens ist, indem er nicht fragt: 'Bist du sicher, dass das Rassismus war?' Denn natürlich bin ich mir nicht sicher." Die Geschichte ist so gut, weil sie die Ambivalenz offenhält.

Die Frage, wer darüber entscheiden darf, wann Rassismus vorliegt, hat etwas mit gesellschaftlicher Deutungsmacht zu tun. Um diese wird und muss gestritten werden; schon deshalb, weil Streit die produktivste Form ist, um neues Erfahrungswissen in den gesellschaftlichen Großrechner einzupflegen.

#MeTwo jedenfalls ist genau das: eine Art epische Volkszählung, die überhaupt erst einmal vor Augen führt, was alles an Erfahrung zu Deutschland gehört. Wie die vielen Geschichten dann im Einzelnen zu bewerten sind, darüber darf man sich gern Interpretationsgefechte liefern. Manche beziehen alles, was ihnen widerfährt, auf ihre ethnische Herkunft, andere tendieren eher dazu, sich auch andere Gründe für Zurückweisung vorstellen zu können. Es wird am Ende auch gar nicht darum gehen, den mustergültigen Rassismus-Maßstab zu definieren – so was braucht es nicht, und so etwas gibt es nicht in dem unendlichen Echoraum sozialer Interaktionen, wo jeder Beobachter seinen eigenen blinden Fleck hat.

Das Problem der Unschärferelation löst man jedenfalls nicht durch den Grundsatz, der oft zu hören ist: Wer von Rassismus betroffen ist, darf darüber entscheiden, ob es Rassismus ist. Das würde zu einer Asymmetrie im Diskurs führen, in der die eine Seite, die der Betroffenen, immer recht hat, und die andere nur schuldbewusst nicken kann.

Eines aber ist sicher: Es ist immer gut, wenn die Dinge auf den Tisch kommen. Über Erfahrungen des Zurückgesetztwerdens zu sprechen ist nie einfach, manchmal braucht es eben ein Hashtag, also ein motivierendes Framing, um die Zungen zu lösen. Dafür muss man Ali Can, der #MeTwo initiiert hat, dankbar sein.

Dann aber ist etwas passiert, was sein Erfinder gewiss nicht geplant hatte: Die Reaktionen auf #MeTwo führten einen viel grobschlächtigeren Rassismus vor, als ihn die Ausgangsposts zu illustrieren beabsichtigt hatten. Der Blick in manche Threads kann einen melancholisch stimmen. Eine Art performative Überbestätigung.

Es stimmt schon: Mancher #MeTwo-Post erscheint einem ein bisschen dünnhäutig. In den entsprechenden Threads indes finden sich so wütende Gegenreaktionen, dass auch echten Dickhäutern anders wird. Am besten zeigt das vielleicht folgender Post: "#MeNot. Ich bin kein Rassist! Ich bin Realist! #AfD". Der rassistische Blick auf die Welt wird da gar nicht mehr bestritten, sondern zur höheren Einsicht erklärt.

Noch etwas anderes kommt in manchen der beleidigten Gegenreaktionen zum Ausdruck, was schon der Fall Özil vorgeführt hatte: Wir Deutschen sind gerne gegen Rassismus und pflastern unsere Innenstädte mit entsprechenden Plakaten voll, aber wo Rassismus anfange und wo er aufhöre, da habe man wirklich keine Nachhilfe nötig. Das ist der Fall bei Heiko Maas, den man immer auf der Seite der umarmenden Integration finden wird, aber er will schon selbst entscheiden dürfen, wer Anspruch auf sein Mitempfinden hat – und ein Millionär mit Wohnsitz in London gehört da eher nicht dazu.

Aus anderen Kommentaren zu #MeTwo gewinnt man den Eindruck, als würden die Leute sagen wollen: "Wären die Ausländer nur besser integriert, dann würden sie Deutschland auch nicht als so rassistisch empfinden!" Dass #MeTwo solche paradoxen Gefühlslagen ans Licht befördert, kann nur fruchtbar sein.

Der Ton im Land hat sich geändert

Aber es gibt natürlich auch Nerviges am #MeTwo-Diskurs. Grob lassen sich drei Personengruppen identifizieren: Die, die von eigenen Rassismuserfahrungen berichten. Die, die aufgrund ihres biodeutschen Echtheitssiegels zum Zuhören verdammt sind, und eine dritte Gruppe, die der zweiten gerne genussvoll unter die Nase reibt, dass sie vor lauter Privilegien gar nicht mehr sehe, was es bedeute, nicht so privilegiert zu sein. Die letzte Gruppe ist die unangenehmste, denn demografisch gehört sie meist zur Gruppe zwei, setzt sich von ihr aber moralisch ab, indem sie sich zum Fürsprecher von Gruppe 1 macht und Gruppe 2 des Rassismus zeiht.

Andere des Rassismus zu zeihen (und damit gleichzeitig auf der sicheren Seite zu stehen) scheint nämlich seelisch mindestens so erfrischend zu sein, wie andere rassistisch zu beleidigen. Hier jedoch sind wir bei einem Wendepunkt in der deutschen Mentalitätsgeschichte angekommen: Lange Zeit gab es in diesem Land mehr Deutsche, die andere Deutsche als Rassisten beschimpften, als Deutsche, die andere rassistisch beschimpften. Das hat sich geändert in den letzten Jahren. Seit Akif Pirinçcis Buch Deutschland von Sinnen, einer Anleitung zum Enthemmtsein, gibt es Ich-Aufwertung nicht mehr nur über den Weg des Moralisierens, sondern auch über den Weg des Herunterputzens von Fremden – wie man diese jeweils definiert, schwankt, spielt aber für die Affektabfuhr keine Rolle.

Während die Neue Rechte noch immer mit dem Narrativ arbeitet, wonach vor lauter Rücksichtnahme auf Minderheiten die Deutschen selbst nur noch zum Schämen in der Ecke stehen dürften, hat sich die Stimmung längst gedreht. Das ist aus vielen der #MeTwo-Postings herauszuhören: eine wirkliche Überraschung darüber, wie sich der Ton im Land geändert hat.

Die neuen Rassisten sind laut, aber sind sie auch mächtig? Sie erscheinen größer, als sie sind, weil die Sitte und Affektbeherrschung immer leiser auftritt als die Enthemmung.

Noch einmal zurück zu #MeTwo und der Frage, wie rassistisch Deutschland ist. Auch hier empfiehlt sich Affektbeherrschung. Es gibt ja wiederkehrende Erfahrungsmuster. Die meisten Beiträge handeln von Vorfällen mangelnder Sensibilität, meistens in der Form, dass vom Äußeren zu schnell auf etwas Inneres geschlossen wird. Dazu gehört der Dauerbrenner, dass jemand so aussieht, als wäre Deutsch nicht seine Muttersprache, und deshalb für seine mustergültige Sprachbeherrschung ein Kompliment erhält. Das nervt, wächst sich aber auch aus.

Dann gibt es den Themenkomplex Schule. Wer aus einer deutschtürkischen Familie stammt, hat offenbar sehr oft trotz exzellenter schulischer Leistungen nur eine Hauptschulempfehlung bekommen, weil es sozial einfach besser zu passen schien – im Sinne von: "Da sind die unter sich ..."

Das ist allerdings etwas, was möglicherweise viel mehr mit Fragen der Klasse als mit solchen der ethnisch-kulturellen Herkunft zu tun hat. Das deutsche Schulsystem war noch nie dafür berühmt, ein Motor der sozialen Mobilität zu sein. Vielen "Rassenfragen" (um es verboten auszudrücken) liegen in Wahrheit Klassenstrukturen zugrunde.

Und dann gibt es noch einen dritten Aspekt: Offensichtlich gibt es im Leben permanent Irritation, die durch Anderssein ausgelöst wird. Das Nicht-Ähnliche muss sich seinen Gruppenzugang stets unter erschwerten Bedingungen erkämpfen. Man muss aber nicht zu einer ethnisch-kulturellen Minderheit gehören, um diese Erfahrung zu machen. Vieles spricht dafür, dass die Gesellschaft sozial unerbittlicher sortiert als ethnisch.

Und noch ein letzter Punkt, nennen wir ihn 'fröhlichen Pessimismus': Vieles, was bei #MeTwo zur Sprache kommt, hat eher mit Xenophobie als mit Rassismus zu tun. Xenophobie indes ist eine anthropologische Konstante. Es hat sie immer gegeben, es wird sie immer geben. Der Mensch muss sich an Neues, an alles, was anders ist als er selbst, immer erst gewöhnen, er muss sich das Fremde vertraut machen, um sich nicht bedroht zu fühlen. Das ist keine schöne Charaktereigenschaft, aber Futterneid ist auch hässlich und doch aus der Evolution nicht wegzudenken.

Wir empfehlen also einen restriktiven Gebrauch des Begriffs "Rassismus". Man sollte ihn sich für krasse Fälle aufbewahren. Erst jüngst erklärte Alice Weidel ganze Menschengruppen zu "alimentierten Messermännern und sonstigen Taugenichtsen".