Als Daniel Ortega vor elf Jahren zum Präsidenten in Nicaragua gewählt wurde, lag das auch an einem Wahlplakat. Auf pinkem Hintergrund stand in gelben Lettern: "Ein Hoch auf die Armen der Welt!"

Mit diesem Satz traf Ortega den Nerv vieler, die ihn später wählten: Nicaragua ist eines der ärmsten Länder weltweit, das zweitärmste in Lateinamerika. Es gab nur wenige, die sich von dem Plakat nicht angesprochen fühlten.

Auch später als Präsident inszenierte Ortega sich stets als Retter der Benachteiligten. Er ließ sich mit Bauern ablichten und hielt Lobreden auf die Arbeiter. So mancher kaufte ihm das ab, auch hier in Europa. Selbst in der aktuellen Krise im Land gilt dieses Image einigen noch als Argument, um die Regierung zu verteidigen.

Zeit, endlich einzusehen: Das ist eine Illusion. Weder half Ortegas Politik, die Armut nachhaltig zu bekämpfen. Noch scheint er ein ernsthaftes Interesse zu haben, dass es den Menschen besser geht. Im Gegenteil: Der Präsident nutzt ihre Not aus, um seine eigene Macht zu sichern.

Dass das pinke Plakat damals so einschlug, hat auch damit zu tun, dass es an einen alten Traum erinnerte: den der sandinistischen Revolution. Ortega war schon einmal als Kämpfer für die Armen bekannt geworden: Er gehörte zu den Guerilleros, die in den Siebzigerjahren einen rechten Diktator vertrieben und danach das Land regierten. Ihr Ziel war nichts Geringeres, als eine neue Welt zu schaffen. Eine, in der kein reicher Machthaber die Armen ausbeutet. In der die Armen die Mächtigen sind.

Inzwischen ist die Revolution fast 40 Jahre her. Vom alten Traum ist nichts mehr übrig geblieben. Zumindest nicht in der Politik von Ortega.

Er machte den Armen zwar Geschenke, vor allem mit Geld aus Venezuela. Sie bekamen Hühner oder Kühlschränke. Das linderte kurzfristig manche Not – und sicherte Ortega ihre Treue, besonders zu Wahlkampfzeiten. Wirklich nachhaltige Reformen, zum Beispiel im Bildungssystem, setzte er aber nicht durch.

Die Wirtschaft wuchs dennoch, zuletzt etwa um fünf Prozent pro Jahr. Das lag unter anderem an den Touristen, die vermehrt nach Nicaragua reisten. Bei der breiten Bevölkerung kam von dem Geld aber wenig an: Viele Hostels gehören Ausländern. Statt Nicaraguaner einzustellen, beschäftigten sie oft Backpacker – für Kost und Logis.

Während Ortega seine Show für die Armen abzog, machte er vor allem Politik für die Reichen. Er verbündete sich mit dem Unternehmerverband Cosep und machte den Firmenchefs Geschenke im Steuer- und Arbeitsrecht. Auch das ließ die Wirtschaft wachsen – ins Sozialsystem floss aber ebenfalls wenig.

Am meisten geschadet hat Ortega den Armen, indem er sich und seine Nächsten bereicherte. Kaum etwas steht der Armutsbekämpfung mehr im Weg als Korruption. Und die hat Ortega ins Unermessliche getrieben: Während Staatsangestellte gut verdienen und sich manche gar auf Kuba von Ärzten behandeln lassen dürfen, haben die allermeisten kaum Zugang zur Gesundheitsversorgung. Ortega selbst, der einmal arm war, ist heute Milliardär. Seiner Familie gehören Energiekonzerne, Tankstellen, Medienhäuser. Er, der versprach, die Armen zu ermächtigen, hat sich in einen reichen Machthaber verwandelt, der sein Volk ausbeutet.

Spätestens seit drei Monaten gibt es daran keinen Zweifel mehr: Seitdem missbraucht Ortega die Ärmsten als Waffe im Kampf gegen Oppositionelle. Sie sollen als Paramilitärs angeworben werden, um in Demonstrationen zu schießen und ihr eigenes Leben zu riskieren. Für ein paar Dollar am Tag. Oder für ein Stück Land von Landwirten, die sich gegen die Regierung gewandt haben, das im Staatsauftrag von ihnen besetzt wird.

Derweil lässt Ortega die Armen weiter hochleben. Ihnen wird das kaum helfen, ihr Leben zu verbessern. Ihm aber, an der Macht zu bleiben.