"Köttel", "nasser Sack", "Denkmal zur verlorenen Hundewurst" – das Kunstwerk auf dem Goldbergplatz erntet bei den Einheimischen nur Hohn. Schade eigentlich, denn für ortsfremde Feingeister ist das graue Metalltor mit dem amorphen Etwas über dem Querbalken ein echter Hingucker.

Beginnen Sie Ihre Tour genau dort, am Goldbergplatz im Norden von Gelsenkirchen. Der Stadtteil Buer eignet sich gut zum Abbau von Schwellenängsten. Schlendern Sie zum Kunstmuseum, einem Hybrid aus Gründerzeitvilla und Achtzigerjahre-Bau. Noch können Sie sich einbilden, in einer Stadt wie jeder anderen zu sein. Im Museum reflektieren gerade Gegenwartskünstler das Ende der Steinkohleförderung, die vergoldeten Briketts von Alicja Kwade sind hübsch anzusehen.

Im Gelato e Caffè gegenüber vom Museum holen Sie sich eine Kugel Pistazie oder Stracciatella. Das Kaufhaus an der Ecke hat dichtgemacht; damit das nicht so auffällt, wurden die leeren Schaufenster mit Fotos der städtischen Sehenswürdigkeiten beklebt. Auch in Buer, das Manuel Neuer mal als das "Monaco von Gelsenkirchen" bezeichnet hat, mehren sich die Anzeichen des Niedergangs, erste Ein-Euro-Shops wurden gesichtet. Gehen Sie zur Straßenbahn. Zwischen dem Rathaus und der Dauerbaustelle Busbahnhof startet die Linie 302 mit dem verlockenden Slogan "Alle fünf Minuten übern Kanal". An der dritten Station wird es überraschend grün. Linker Hand ruht hinter losem Baumbestand ein See, Schwanenboote gleiten darüber, am gegenüberliegenden Ufer leuchtet ein Herrenhaus. Sie könnten aussteigen und ein paar Ruhrpott-Klischees über Bord werfen, doch das wäre nur verwirrend.

Die Fahrt geht weiter über eine Autobahnbrücke. Majestätisch breit und schnurgerade liegt sie da, die A 2. Gelsenkirchen hat Auffahrten zu vier verschiedenen Autobahnen, der direkte Zugang zum Schnellverkehr ist hier Bürgerrecht. In der Straßenbahn füttern Mütter ihre Kleinkinder mit Pommes, am nächsten Stopp, Veltins-Arena, steigen Sie kurz aus. Eine Fußgängerbrücke führt zum Lebenswerk des Haudegens Rudi Assauer: dem Trainingsgelände des FC Schalke 04 mit altem und neuem Stadion, hübschen Spazierwegen im Grünen und einem Hotelturm, von dem man einen herrlichen Panoramablick auf, nun ja, Gelsenkirchen hat. Falls gerade Training ist, stellen Sie sich zu den Kiebitzen, die das Geschehen sachkundig kommentieren ("Der kannix", "Da is ja meine Omma schneller"), dann geht’s zurück zur Straßenbahn.

Sie fahren über den bei Freizeitsportlern beliebten Rhein-Herne-Kanal (alle fünf Minuten!). An der Station Schalker Meile beginnt der hässliche Abschnitt der Kurt-Schumacher-Straße. In puncto Feinstaubbelastung spielt man hier ganz oben mit, aber Sie steigen nicht aus und blicken durchs Fenster auf die Glückauf-Kampfbahn aus den Zwanzigerjahren. Es folgen Industriebrachen und ein Thyssen-Werk, doch kurz nach der Haltestelle Kennedyplatz kommt noch ein Highlight: das Musiktheater im Revier. Werfen Sie einen Blick ins Foyer, dort hat Yves Klein der Menschheit ein traumblaues Schwammrelief hinterlassen.

Danach wird es unterirdisch. An der Station Hauptbahnhof, wo Sie wieder ans Tageslicht kommen, haben Sie die Wahl zwischen Pest und Cholera: Neustadtplatz oder Bahnhofscenter. Letzteres eine Bausünde der Achtziger, Ersterer ein Areal mit Brunnen und Bundespolizei, wo soziologisch Interessierte die Folgen von Armutseinwanderung in eine arme Stadt studieren können.

Schnell weg, denken Sie bestimmt, ab in den nächsten Zug. Aber halten Sie noch durch. Trinken Sie ein kleines frisch gezapftes Pils in der Bahnhofskneipe Charly’s Bummelzug. Schauen Sie seine lebensgroße Pappfigur an. Niemand konnte so herzzerreißend über Abstiege und verpasste Chancen weinen wie Schalkes legendärer Mannschaftsbetreuer. Wie Gelsenkirchen verkörpert er den ewigen Loser. Doch sind es nicht die Verlierer, die unser Herz am stärksten berühren?