Vielleicht erklärt sich die Annahme, der Osten habe beim NSU-Prozess eine Chance verpasst, aus einem Missverständnis. Die Verhandlung sollte die Schuld oder Unschuld der fünf Angeklagten klären. Aber sie taugte nicht als ostdeutsche Selbstvergewisserungsübung.

Am 11. Juli 2018, nach fünf Jahren und zwei Monaten, erging das Urteil im NSU-Prozess. Alle Plätze auf der Pressetribüne im Münchner Schwurgerichtssaal waren besetzt, dies hatte es zuletzt nur selten gegeben. Zuvor hatte auch ich an vielen der 437 Verhandlungstage versucht, für meine Zeitung, die Thüringer Allgemeine, mit einem – ja – Thüringer und ostdeutschen Blick von diesem Prozess zu berichten.

Aber direkt nach Prozessende veröffentlichte die ZEIT einen Essay von Jana Hensel mit der Überschrift "Unsere Leerstelle" (Nr. 30/18), der mit einer Frage begann: "Wieso hat der Osten nicht auf diesen Prozess geblickt, wie er es hätte tun sollen?" Der gesamten Berichterstattung, so stand es im Text, habe die "plurale Perspektive" gefehlt; eine Sicht, die "dezidiert ostdeutsch" sei. Jana Hensel fragte: "Warum aber hat kein ostdeutscher Journalist oder Beobachter, als explizit ostdeutscher Beobachter, an dem Prozess teilgenommen?" Es habe zwar ostdeutsche Journalisten im Saal gegeben, das ja. Aber sie hätten das, was sie sahen, nicht in die ostdeutsche Gesellschaft zurückgespiegelt. Nun schien sich die Autorin ihrer These selbst nicht ganz sicher zu sein, sonst hätte sie vielleicht nicht immerzu rhetorisch gefragt: "Hat niemand den Ostdeutschen ein irgendwie geartetes eigenes Erkenntnisinteresse zugestanden? Oder haben wir Ostdeutschen nicht darauf bestanden?"

Und deshalb frage ich rhetorisch zurück: Meint sie also damit, dass die Wessis den Ossis die NSU-Berichterstattung weggenommen hätten? Und dass die Ossis wieder einmal so schafsdumm gewesen seien, dies geschehen zu lassen? Oder so borniert? Nachdem ich mich über Jahre mit dem NSU beschäftigt habe – als Thüringer, geboren 1971 in Jena (also gut drei Jahre vor Beate Zschäpe) –, bin ich umso mehr der Überzeugung: Es war schon immer falsch, den NSU als ostdeutsche Freakshow zu betrachten. Er ist eine gesamtdeutsche Angelegenheit. Er behandelt ein gesamtdeutsches Problem.

Trotzdem hat der Osten sich explizit interessiert. Es waren etliche ostdeutsche Journalisten im Saal. Die Kollegen arbeiteten für den Mitteldeutschen Rundfunk, für sächsische Zeitungen oder den alternativen Sender Radio Lotte aus Weimar. Für die Thüringer Allgemeine berichteten Kai Mudra und ich von mehr als 300 Prozesstagen. Und ausgerechnet ein Wessi hat einen der besten Jobs gemacht: Frank Jansen, der sich seit der Wende beim Tagesspiegel mit Ostdeutschland und Rechtsextremismus beschäftigt und der an fast jedem Verhandlungstag im Saal A101 auf seinem Platz in der ersten Reihe saß. Ich vermisste in den Berichten des gebürtigen Rheinländers Jansen, von denen auch einige in der ZEIT erschienen, nie das "genuin ostdeutsche Erkenntnisinteresse", das Jana Hensel einfordert.

Es mag sein, dass der Prozess nicht die Aufmerksamkeit bekam, die er verdiente – im Osten wie im Westen. Vermutlich war jenseits der Kriminalgeschichte, die der NSU auch ist, eine gefühlte Mehrheit in der Republik nie ernsthaft an den gesellschaftlichen Implikationen interessiert. Viele Menschen wirkten vielmehr ermüdet von den unzähligen Berichten über die Terrorgruppe. Im Osten kam hinzu, dass man sich über eine Stigmatisierung durch den Westen beschwerte; dass man das Problem also geradezu von sich wies.

Vor allem stört mich, dass Jana Hensels Perspektive die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem "Nationalsozialistischen Untergrund" willkürlich auf den NSU-Prozess verengt. Die Verhandlung in München begann erst eineinhalb Jahre nach jenem Novembertag, an dem Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos in dem Wohnmobil in Eisenach starben.

Zu Prozessbeginn, im Mai 2013, beschäftigten sich unter anderem im Thüringer Landtag längst Untersuchungsausschüsse mit genau dem, was angeblich so wenig thematisiert wurde: dem Milieu, aus dem der NSU kroch. Insbesondere diesem Erfurter Ausschuss ging es nicht bloß um die Fehler von Ermittlern und Behörden, sondern um die Frage, wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass junge Menschen aus halbwegs soliden Verhältnissen zu Terroristen wurden. Die Debatte über den Rechtsextremismus im Osten, der den NSU möglich machte: Sie fand statt.

Dutzende Journalisten berichteten über die Ausschüsse, befragten Zeugen, studierten Akten, die sie sich teils noch vor den Abgeordneten besorgten. Nachdem die erste Aufmerksamkeitswelle vorüber war, recherchierten besonders die Ostdeutschen weiter.

Die Perspektive aus dem Osten

Die Kindheit und die Jugend von Böhnhardt, Mundlos und Beate Zschäpe wurden geradezu seziert. Das erste Buch dazu, Die Zelle, erschien 2012, mitverfasst war es von dem ostdeutschen Journalisten und ZEIT-Autor Christian Fuchs. An der Jenaer Universität wurde ein "Kompetenzzentrum Rechtsextremismus" eingerichtet. Nicht zu vergessen die zuweilen parteiische, aber wichtige Aufklärungsarbeit von engagierten Bürgern, politischen Aktivisten und Initiativen.

Wir alle haben uns mit diesen Fragen immer und immer wieder beschäftigt: Welche Rolle spielte der verordnete Antifaschismus in der DDR? Was hatte der NSU mit den Verwerfungen der Wende zu tun? Wie konnten sich die neonazistischen Strukturen in Thüringen mit tätiger Hilfe aus Bayern und Hessen etablieren? Es war, als hätte sich eine Zeitkapsel aus den 1990er-Jahren geöffnet, die nun nochmals untersucht wurde.

Schließlich blendet der Wunsch, die NSU-Aufarbeitung möge eine möglichst ostdeutsche Veranstaltung für den Osten sein, auch noch die Sozialisierung der Betroffenen aus.

Der NSU war eine rechtsextremistische Terrorbande aus dem Osten, ja. Aber eine, die ihre schwersten Verbrechen im Westen beging. Alle ihre Mordopfer lebten dort; selbst Mehmet Turgut, der in einem Rostocker Imbissstand exekutiert wurde, war nur aus Hamburg zu Besuch. Die beiden Sprengstoffanschläge mit Dutzenden Verletzten wurden in Köln und Nürnberg verübt. Allein die Polizistin Michèle Kiesewetter, die in Baden-Württemberg arbeitete und in Heilbronn erschossen wurde, stammte aus dem Osten, aus Thüringen. Ein Großteil der Ermittler, die in München aussagten, kam aus den Sonderkommissionen in München, Nürnberg oder Dortmund, die konsequent in die falsche Richtung ermittelt hatten. Mehrfach wurde ein Ex-Verfassungsschützer aus Hessen vernommen, der angeblich zufällig am Tatort in Kassel war.

Das alles war der Grund dafür, dass fast alle der nahezu 100 Nebenkläger und ihrer 60 Anwälte aus Westdeutschland stammten. Viele von ihnen besitzen einen Migrationshintergrund.

Und ich? Ich hätte den NSU-Prozess noch persönlicher, subjektiver begleiten können. Aber ich wollte nicht. Man sollte nicht so tun, als habe man schon etwas verstanden, nur weil man zufällig zur selben Zeit am selben Ort lebte. Deshalb habe ich mich mit Selbstreflexionen zurückgehalten, obwohl ich aus der Stadt der Mörder stamme. In den Hunderten Artikeln, die ich zum NSU verfasste, erwähnte ich nur zwei-, dreimal, wie mir in der Verhandlung in München das Jena meiner Kindheit und Jugend vorgeführt wurde. Denn, ja: Es wurde mir vorgeführt.

Wenn es eine Perspektive gibt, die wir aus dem Osten einbringen können, dann diese: Wir wissen, wie es ist, wenn eine Gesellschaft auseinanderdriftet. Wir wissen, wie es sich anfühlt, wenn sich Menschen, die wir kennen und mögen, plötzlich radikalisieren. Wir wissen, dass es immer wieder passieren kann, dass nichts mit einem Urteil erledigt ist.