Acht Betten, vier Zimmer, zwei Bäder und ein großer Tisch – alles für ein bisschen Frieden. Silke und Christian haben ein Ferienhaus weit weg ihrer norddeutschen Heimat gemietet, 160 Quadratmeter neutraler Boden und viel Platz für alle fünf Kinder. Drei hat Silke mit in die Beziehung gebracht, zwei Christian. Doch Urlaub mit der Patchworkfamilie – das war bisher selten Entspannung, immer gab es Stress und Streit. Ob sich die Kinder das noch einmal antun? Womöglich bleiben am Ende viele Betten leer.

Das Leben in einer Patchworkfamilie, es ist ein ständiges Hoffen und Bangen. Wer sich darauf einlässt, mit einem neuen Partner, den eigenen und den fremden Kindern eine Gemeinschaft zu gründen, tut das aus dem unverwüstlichen Glauben an die Kraft der Liebe, an die Kraft der Familie. Was wirklich bemerkenswert ist, denn fast jeder, der in eine Patchworkfamilie eintritt, hat schon erlebt, wie es sich anfühlt, wenn alles zerbricht.

Wie viele Familien in Deutschland Patchwork leben, das können auch Experten nur schätzen. Unterschiedliche Studien kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen, heißt es selbst im Monitor Familienforschung des zuständigen Bundesministeriums: Mal rechnet man mit 7 Prozent Patchworkfamilien, mal mit 13 Prozent. Vermutlich ist die Zahl höher. Die Scheidungsfälle waren 2017 zwar auf dem niedrigsten Stand seit 25 Jahren, doch bei der Hälfte aller zerbrochenen Ehen sind Kinder betroffen. Laut einer Erhebung des Instituts für Demoskopie in Allensbach hat fast ein Viertel der Eltern in Deutschland Kinder aus einer früheren Beziehung. Und immer mehr Kinder werden unehelich geboren, 2017 waren es nach ersten Berechnungen des Statistischen Bundesamtes 35 Prozent. Statistiker beklagen: Unsere komplexen Lebens- und Familienformen sind mit den üblichen Messinstrumenten nicht mehr zu erfassen.

Gerade weil man so wenig über sie weiß, wird die Patchworkfamilie zur idealen Kulisse für Projektionen und Träume. Im Sound der Lifestyle-Magazine und Klatschblätter klingt Patchwork nach der besseren, der toleranten, der modernen und weltoffenen Familie. Hip und zwanglos, befreit aus der Enge der spießigen Kleinfamilie. Eine starke Gemeinschaft, in der mit großer Gelassenheit und Selbstverständlichkeit lästige Alltags- und Erziehungspflichten auf viele Schultern verteilt werden.

"Ein warmer Pool von mir nahestehenden Menschen" sei ihre Patchworkfamilie gewesen, sagt die Schauspielerin Karoline Herfurth in der Zeitschrift Eltern. In Gala und Bunte ist zu bestaunen, wie Heidi Klum mit Ex-Mann Seal und allerhand fremden und gemeinsamen Kindern ein "perfektes Patchwork-Idyll" lebt. Trotz häufig wechselnder Männer auf Mamas Seite. Und als sich der Fußballer Rafael van der Vaart 2013 von seiner Frau Silvie trennt, verfolgt die Bild-Zeitung jeden Schritt "des neuen Patchwork-Lebens". Van der Vaart, damals noch HSV-Spieler, erzählt im Interview, dass der sechsjährige Sohn Damian die Trennung "super" aufgenommen habe: "Er findet das gar nicht so schlimm. Er hat jetzt auch zwei Spielzimmer und zwei Playstations."

Wenn Stars von der "ganz anderen menschlichen Vielfalt", von "Lässigkeit und Freiräumen", von "großer Geborgenheit" schwärmen, wer möchte da noch Teil einer klassischen Vater-Mutter-Kind-Familie sein – eingeklemmt in Reihenhäuser und Vorstadtsiedlungen? Dann doch lieber alle rein in den großen VW-Bus oder gleich in die gemeinsame Villa Kunterbunt, in der immer jemand da ist und keiner mehr allein.

Die Idealisierung von Patchwork hat auch zu tun mit der Sehnsucht nach der verloren gegangenen Großfamilie. Die war zwar mit all ihren Grausamkeiten, Abhängigkeiten und Hierarchien niemals so beschaulich, wie wir uns das heute einreden, aber die Verzweiflung über die Vereinzelung in unserer Gesellschaft lässt uns halluzinieren von einem Bund miteinander vertrauter Menschen, die einander unterstützen und in diesen unverbindlichen Zeiten Wärme und Sicherheit versprechen.

So weit das Ideal. Bloß hat es wenig mit der Realität zu tun.

Eltern und Kinder zu finden, die ehrlich und unter dem eigenen Namen über das reden, was im großen Beziehungsgeflecht Patchwork tatsächlich passiert, ist fast so kompliziert wie der Alltag in den Familien selbst. Bei der Recherche für diesen Text haben wir Stiefmütter, Ex-Männer und Halbgeschwister erlebt, die erst reden wollten und dann lieber doch nicht. Mal drohte ein Ex-Partner mit rechtlichen Schritten, mal brachen durch unsere Fragen Konflikte wieder auf, die längst vernarbt schienen. Am häufigsten verweigerten sich die Kinder: die eigene Geschichte – zu persönlich, zu schmerzhaft. Trennung und Scheidung mögen heute gesellschaftlich akzeptiert sein, für Kinder und Heranwachsende sind es Tragödien. Einige schämen sich regelrecht dafür, in einer neu zusammengewürfelten Familie aufzuwachsen.

Die Geschichten, die Patchworker erzählen, handeln von Verletzungen und Tabus, von täglichen Zerreißproben und beißender Eifersucht, von Verlorensein und Überforderung, von Stress und fehlender Anerkennung. Und von der Angst, all dies offen an- und auszusprechen.

Auch in der Familie von Silke und Christian wollten oder durften nicht alle mit uns reden. Zugleich fanden wir ihre und auch die Geschichten all der anderen Mütter, Väter und Kinder, von denen dieser Text erzählt, so beispielhaft, dass wir uns auf etwas eingelassen haben, was auch das Leben in Patchworkfamilien bestimmt: auf Kompromisse. Wir nennen keine Nachnamen und auch nicht die Orte, an denen die Familien leben.