Acht Betten, vier Zimmer, zwei Bäder und ein großer Tisch – alles für ein bisschen Frieden. Silke und Christian haben ein Ferienhaus weit weg ihrer norddeutschen Heimat gemietet, 160 Quadratmeter neutraler Boden und viel Platz für alle fünf Kinder. Drei hat Silke mit in die Beziehung gebracht, zwei Christian. Doch Urlaub mit der Patchworkfamilie – das war bisher selten Entspannung, immer gab es Stress und Streit. Ob sich die Kinder das noch einmal antun? Womöglich bleiben am Ende viele Betten leer.

Das Leben in einer Patchworkfamilie, es ist ein ständiges Hoffen und Bangen. Wer sich darauf einlässt, mit einem neuen Partner, den eigenen und den fremden Kindern eine Gemeinschaft zu gründen, tut das aus dem unverwüstlichen Glauben an die Kraft der Liebe, an die Kraft der Familie. Was wirklich bemerkenswert ist, denn fast jeder, der in eine Patchworkfamilie eintritt, hat schon erlebt, wie es sich anfühlt, wenn alles zerbricht.

Wie viele Familien in Deutschland Patchwork leben, das können auch Experten nur schätzen. Unterschiedliche Studien kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen, heißt es selbst im Monitor Familienforschung des zuständigen Bundesministeriums: Mal rechnet man mit 7 Prozent Patchworkfamilien, mal mit 13 Prozent. Vermutlich ist die Zahl höher. Die Scheidungsfälle waren 2017 zwar auf dem niedrigsten Stand seit 25 Jahren, doch bei der Hälfte aller zerbrochenen Ehen sind Kinder betroffen. Laut einer Erhebung des Instituts für Demoskopie in Allensbach hat fast ein Viertel der Eltern in Deutschland Kinder aus einer früheren Beziehung. Und immer mehr Kinder werden unehelich geboren, 2017 waren es nach ersten Berechnungen des Statistischen Bundesamtes 35 Prozent. Statistiker beklagen: Unsere komplexen Lebens- und Familienformen sind mit den üblichen Messinstrumenten nicht mehr zu erfassen.

Gerade weil man so wenig über sie weiß, wird die Patchworkfamilie zur idealen Kulisse für Projektionen und Träume. Im Sound der Lifestyle-Magazine und Klatschblätter klingt Patchwork nach der besseren, der toleranten, der modernen und weltoffenen Familie. Hip und zwanglos, befreit aus der Enge der spießigen Kleinfamilie. Eine starke Gemeinschaft, in der mit großer Gelassenheit und Selbstverständlichkeit lästige Alltags- und Erziehungspflichten auf viele Schultern verteilt werden.

"Ein warmer Pool von mir nahestehenden Menschen" sei ihre Patchworkfamilie gewesen, sagt die Schauspielerin Karoline Herfurth in der Zeitschrift Eltern. In Gala und Bunte ist zu bestaunen, wie Heidi Klum mit Ex-Mann Seal und allerhand fremden und gemeinsamen Kindern ein "perfektes Patchwork-Idyll" lebt. Trotz häufig wechselnder Männer auf Mamas Seite. Und als sich der Fußballer Rafael van der Vaart 2013 von seiner Frau Silvie trennt, verfolgt die Bild-Zeitung jeden Schritt "des neuen Patchwork-Lebens". Van der Vaart, damals noch HSV-Spieler, erzählt im Interview, dass der sechsjährige Sohn Damian die Trennung "super" aufgenommen habe: "Er findet das gar nicht so schlimm. Er hat jetzt auch zwei Spielzimmer und zwei Playstations."

Wenn Stars von der "ganz anderen menschlichen Vielfalt", von "Lässigkeit und Freiräumen", von "großer Geborgenheit" schwärmen, wer möchte da noch Teil einer klassischen Vater-Mutter-Kind-Familie sein – eingeklemmt in Reihenhäuser und Vorstadtsiedlungen? Dann doch lieber alle rein in den großen VW-Bus oder gleich in die gemeinsame Villa Kunterbunt, in der immer jemand da ist und keiner mehr allein.

Die Idealisierung von Patchwork hat auch zu tun mit der Sehnsucht nach der verloren gegangenen Großfamilie. Die war zwar mit all ihren Grausamkeiten, Abhängigkeiten und Hierarchien niemals so beschaulich, wie wir uns das heute einreden, aber die Verzweiflung über die Vereinzelung in unserer Gesellschaft lässt uns halluzinieren von einem Bund miteinander vertrauter Menschen, die einander unterstützen und in diesen unverbindlichen Zeiten Wärme und Sicherheit versprechen.

So weit das Ideal. Bloß hat es wenig mit der Realität zu tun.

Patchwork klingt hip und zwanglos. © Christiane Wöhler für DIE ZEIT

Eltern und Kinder zu finden, die ehrlich und unter dem eigenen Namen über das reden, was im großen Beziehungsgeflecht Patchwork tatsächlich passiert, ist fast so kompliziert wie der Alltag in den Familien selbst. Bei der Recherche für diesen Text haben wir Stiefmütter, Ex-Männer und Halbgeschwister erlebt, die erst reden wollten und dann lieber doch nicht. Mal drohte ein Ex-Partner mit rechtlichen Schritten, mal brachen durch unsere Fragen Konflikte wieder auf, die längst vernarbt schienen. Am häufigsten verweigerten sich die Kinder: die eigene Geschichte – zu persönlich, zu schmerzhaft. Trennung und Scheidung mögen heute gesellschaftlich akzeptiert sein, für Kinder und Heranwachsende sind es Tragödien. Einige schämen sich regelrecht dafür, in einer neu zusammengewürfelten Familie aufzuwachsen.

Die Geschichten, die Patchworker erzählen, handeln von Verletzungen und Tabus, von täglichen Zerreißproben und beißender Eifersucht, von Verlorensein und Überforderung, von Stress und fehlender Anerkennung. Und von der Angst, all dies offen an- und auszusprechen.

Auch in der Familie von Silke und Christian wollten oder durften nicht alle mit uns reden. Zugleich fanden wir ihre und auch die Geschichten all der anderen Mütter, Väter und Kinder, von denen dieser Text erzählt, so beispielhaft, dass wir uns auf etwas eingelassen haben, was auch das Leben in Patchworkfamilien bestimmt: auf Kompromisse. Wir nennen keine Nachnamen und auch nicht die Orte, an denen die Familien leben.

Wer gehört zu wem?

Patchworker berichten von täglichen Zerreißproben, von Überforderung und fehlender Anerkennung. © Christiane Wöhler für DIE ZEIT

So spannt Silke an einem Maisonntag den Sonnenschirm auf der Terrasse ihres irgendwo in Norddeutschland gelegenen Hauses auf. Die 52-Jährige, ihr Freund Christian und dessen Tochter Benita sitzen zusammen und wollen erzählen, wie es wirklich ist, so ein Patchworkleben. Nach einer halben Stunde fließen die Tränen. Bei allen dreien.

"Du hast uns alleingelassen", sagt Benita, die für sich und ihren kleinen Bruder spricht. "Du sagst immer, wir seien dir wichtig, aber sogar wenn du mal ein Wochenende mit uns verreist bist, hast du stundenlang mit Silke telefoniert." – "In deinem neuen Leben war nie Platz für uns. Wenn wir gekommen sind, hat dich das gestresst." Benita konfrontiert ihren Vater nicht zum ersten Mal mit diesen Vorwürfen. Mehrmals setzt Christian dazu an, der 18-Jährigen ins Wort zu fallen, lässt es aber bleiben.

Auch Silke wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. Ihre eigenen drei Kinder sitzen heute nicht mit im Garten. Aber sie trägt eine Kette, die sie von ihnen zum 50. Geburtstag bekommen hat. Auf dem Anhänger stehen die Namen. Wir drei, sagt diese Kette, sind deine Kinder. Für die beiden Stiefgeschwister ist auf dem Anhänger kein Platz.

Wer gehört zu wem? Über wessen Bedürfnisse wird hinweggetrampelt? Wer sitzt mit unterm Weihnachtsbaum, und mit wem feiern die Kinder ihre Geburtstage? Wer bekommt ein Zimmer, und wer muss auf die Luftmatratze? Ist die Aufforderung an das Stiefkind: "Räum endlich die Spülmaschine aus!" legitim oder schon übergriffig? Über solche Fragen wird in Patchworkfamilien gestritten. Mitunter jahrelang.

Übernimmt ein Löwenmännchen ein Rudel, dann beißt es die Jungen seines Vorgängers tot – das ist meist die erste Amtshandlung des neuen Chefs, der so Platz schafft für die eigenen Nachkommen. Und die Weibchen lassen es geschehen. Es ist ein Naturgesetz.

Eltern in Patchworkfamilien sind Meister im Runterschlucken. © Christiane Wöhler für DIE ZEIT

Eltern in Patchworkfamilien verfahren praktisch gegenteilig: Sie sind Meister im Runterschlucken, akzeptieren ständig Dinge, die den eigenen Wünschen und Bedürfnissen widersprechen. Ein Kind, das die Stiefmutter demütigt und schikaniert? Ein Mann, der die eigenen Kinder verwöhnt, die der Partnerin aber links liegen lässt? Jeden Tag werden in Patchworkfamilien Schlachten geschlagen, gewonnen – und verloren.

Silke und Christian arbeiten als Coach und Personalberater. Sie wissen schon durch ihre Profession, wie man mit Menschen umgeht. Doch als sie sich vor sieben Jahren Hals über Kopf ineinander verliebten, waren sie ihren Kindern gegenüber "nicht besonders rücksichtsvoll". Dem Paar konnte es gar nicht schnell genug gehen: Nach einem guten Jahr zog Christian bei Silke ein. "Mit uns Kindern hat damals niemand gesprochen", erinnert sich Silkes Tochter Jule, 20 Jahre alt, später am Telefon: "Christian schlich sich peu à peu mit seinen Taschen in unser Leben. Nach sechs Monaten hatte er sich in unserem Haus eingenistet."

Alltag bedeutete fortan: Streit zwischen Silkes Kindern und Christian, die ihm schnell erklärten, dass sie keinen Ersatzvater brauchen. Verunsicherung, vor allem bei Silkes Tochter Jule, die gerade in die Pubertät kam und plötzlich mit einem fremden Mann zusammenleben sollte. Ein schlechtes Gewissen bei Christian, weil er weniger Zeit mit den eigenen als mit den Stiefkindern verbrachte. Und Erschöpfung bei Silke, die versuchte, es allen recht zu machen, und es doch nicht konnte. Immer wieder flogen die Fetzen – auch zwischen Silke und Christian. Achtmal warf sie ihn aus dem Haus, sechsmal hat er selbst seine Koffer gepackt.

Bis nicht mehr jeder Streit eskaliert, bis jeder in der neuen Gemeinschaft seine Rolle gefunden hat, dauert es in der Regel sieben Jahre, so die amerikanische Familienforscherin Patricia Papernow. So lange ist Krise die Regel – und die Gefahr einer Trennung groß. Je nach Studie haben Patchworkpaare ein um zehn bis zwanzig Prozent erhöhtes Trennungsrisiko gegenüber Paaren, die nur gemeinsame Kinder haben.

Weil sie zu schnell zu viel wollen – auch deshalb brechen Patchworkfamilien so oft auseinander. Nach einer gerade erschienenen Gemeinschaftsstudie der Hertie School in Berlin und der Universitäten Rostock und Magdeburg haben bereits zwei Jahre nach einer Trennung oder Scheidung mehr als die Hälfte aller Männer und Frauen mit Kindern eine neue Beziehung. Ein gutes Drittel lebt dann schon mit dem neuen Partner zusammen.

"Die klassischen Rollenbilder greifen nicht mehr"

Die Kinder fühlen sich in der neuen Gemeinschaft oft bevormundet. © Christiane Wöhler für DIE ZEIT

Doch auch in der neuen Familie sitzt die alte immer mit am Küchentisch, in Gestalt der Kinder und Ex-Partner. "In Patchworkfamilien greifen die klassischen Rollenbilder von Vater, Mutter, Kind nicht mehr", sagt Katharina Grünewald. "Es kommen so viele verschiedene Interessen und Beziehungen zusammen, dass man als Elternteil unmöglich alle Bedürfnisse im Blick behalten und schon gar nicht befriedigen kann." Die Kölner Therapeutin hat sich auf die Beratung von Patchworkfamilien spezialisiert und beobachtet, dass sich Menschen in diesem Flickwerk schnell verloren fühlen. Statt Gemeinschaft erfahren sie Unverbindlichkeit.

Frauen, so erlebt es Grünewald in ihrer Arbeit, holten sich gewöhnlich schneller Hilfe, sie stecken in der Kümmerer-Rolle und fühlen sich für alles verantwortlich – nicht selten bis zum Burn-out. Die Männer hingegen erlebt sie extrem passiv: "Ich staune immer wieder, dass erfahrene, im Job erfolgreiche Männer mit Konflikten in der Familie komplett überfordert sind."

Noch immer leben in fast 90 Prozent aller Trennungsfamilien die Kinder hauptsächlich bei der Mutter. Und wenn die sich mit einem neuen Partner zusammentut, werden die alten Väter schon mal aussortiert. So fröhlich-bunt das Bild von der großen Flickendecke sein mag, zur Patchwork-Wahrheit gehört, dass Fäden reißen, Nähte brüchig werden und manchmal nur Fetzen übrig bleiben. Dass im Patchwork alle gleichberechtigt ihren Platz finden, bleibt meist eine Illusion.

Nach einer Untersuchung des Deutschen Jugendinstituts lebt ein Viertel aller Trennungskinder eine Stunde Reisezeit und mehr von einem Elternteil entfernt. Wenn sich an Freitagnachmittagen die Karawane der Wochenendpendler in Bewegung setzt und Autobahnen, Bahnsteige und Flixbusse füllt, befinden sich darunter auch viele Väter auf dem Weg zu ihren Kindern. Einer von ihnen ist der Schauspieler und Musiker Andy aus dem Ruhrgebiet. Sein vierjähriger Sohn Aaron ist mit der Mutter vor einem Jahr in den Osten Deutschlands gezogen, 570 Kilometer weit weg.

Andy ist ein Vater, der sich nicht aussortieren lassen will. Auch wenn es in der neuen Stadt eine neue Familie für seinen Sohn Aaron gibt, mit einem neuen Mann, den der Junge schon Papa nennt, und einer kleinen Schwester, die vor einem Jahr geboren wurde. Andy fühlt sich hier unerwünscht. Jeder einzelne Umgangstermin mit dem Sohn muss derzeit vom Familiengericht festgelegt werden. "Ich liebe Aaron über alles, deshalb nehme ich diesen ganzen Irrsinn auf mich", sagt Andy, als er in seinem Renault Twingo mit offenen Fenstern durch die Hitze rast. Den Wagen hat er gebraucht gekauft, ohne Klimaanlage. Die Fahrten, die ständigen Übernachtungen in Hotels und Jugendherbergen werden für ihn auf Dauer zur Existenzfrage. Der kleine Aaron fragt ihn oft: "Warum kannst du nicht einfach bei uns wohnen?"

Der Junge strahlt, als ihn sein Papa auf den Schultern aus dem Kindergarten trägt, und Andy ist erleichtert, dass das Wiedersehen nach drei Wochen so unkompliziert verläuft. Eine Viertelstunde später parkt er den Twingo vor einem fremden Haus. "Hier wohnt Sigrid", sagt Andy. "Bei der können wir heute bleiben." Aaron hat von Sigrid noch nie etwas gehört und stapft neugierig die Stufen hoch. Im vierten Stock steht eine alte Dame in der Tür und sagt: "Hier bist du richtig." Der Junge schlüpft an ihr vorbei in die Wohnung, sieht eine Murmelbahn auf dem Wohnzimmertisch und fängt an zu spielen. Sigrid, 83, nickt dem Vater zu, als wolle sie sagen: Das wird schon.

Gefunden haben sich die drei, die jetzt gemeinsam im Wohnzimmer sitzen, über Flechtwerk, einen gemeinnützigen Verein, der seit zehn Jahren getrennt lebenden Vätern bundesweit dabei hilft, ihre Kinder trotz großer Entfernung zu treffen – in Wohnungen oder Zimmern, die Menschen unentgeltlich zur Verfügung stellen. 1200 Gastgeber verzeichnet das Netzwerk. Rund 600 Väter hat es bereits vermittelt.

Es kann vorkommen, dass sich Menschen in diesem Flickwerk schnell verloren fühlen. © Christiane Wöhler für DIE ZEIT

"Mein Mann hat uns bei Flechtwerk angemeldet, und dann ist er plötzlich verstorben", sagt Sigrid. Nun lebt die alte Dame allein in der 120 Quadratmeter großen Wohnung. Dass Aaron in seiner roten Hose, die er falsch herum trägt, durch die Zimmer hopst, macht Sigrid froh. Sie weiß, was Trennung heißt: Die drei Kinder ihres eigenen Sohnes leben abwechselnd bei Vater und Mutter. "Das ist doch Wahnsinn", sagt Sigrid. Andy holt sich ein Stück Ananas aus der Küche und sagt: "Mir rettet das hier wirklich den Arsch!"

Eine Befragung der Universität Rostock ergab, dass 23 Prozent der Jungen und Mädchen ihren Vater nach einer Trennung nicht mehr sehen. Ob er kein Interesse an seinen Kindern hat oder die Mutter den Umgang verhindert – die Gründe sind vielfältig und für die Kinder letztlich vollkommen irrelevant. Sie begreifen nicht, wie Papa sie verlassen konnte und warum sie Mama nun mit einem Fremden teilen müssen.

Die Schmerzen der Kinder

Kinder in Patchworkfamilien müssen enorme Anpassungsleistungen vollbringen. © Christiane Wöhler für DIE ZEIT

Kinder in Patchworkfamilien fühlen sich oft bevormundet und ausgeliefert. Psychologen und Kinderärzte sprechen von enormen Anpassungsleistungen, die sie vollbringen müssten. Was in all den Jahren, in denen Kinder und Heranwachsende die Trennung und Neuorientierung der Eltern verarbeiten und akzeptieren müssen, in ihnen vorgeht, zeigt seine Wirkung mitunter erst viel später. Die Forschung ist sich einig, dass sich die familiäre Situation auf Wohlbefinden und Gesundheit der Kinder auswirkt. Wie sehr sie schon unter Streit in der Familie leiden, zeigt das LBS-Kinderbarometer, das regelmäßig rund 10.000 Kinder zwischen 9 und 14 Jahren befragt. Mehr als die Hälfte der Kinder sagen, sie fühlten sich bei Streit ziemlich oder sehr schlecht. Ob Trennungskinder später eher zu Depressionen neigen, Suchtverhalten oder Bindungsängste entwickeln, all das lässt sich bisher nicht eindeutig belegen.

Wie unterschiedlich Heranwachsende die Patchwork-Idee schon in ein und derselben Familie erleben, kann man bei Christian und Silke beobachten. Christians Tochter Benita fühlte sich vom Vater alleingelassen – und gleichzeitig verantwortlich für das Glück ihres kleinen Bruders. Dass das zu viel war für ein Kind in ihrem Alter, konnte sie nicht in Worte fassen und trat die Flucht an: Mit 14 verbrachte sie ein Schuljahr im Ausland und meldete sich in dieser Zeit kaum bei ihren Eltern. Nach ihrer Rückkehr brach sie den Kontakt zum Vater ab. Erst durch die Vermittlung zweier Therapeuten haben sich die beiden wieder angenähert.

Benitas zwei Jahre ältere Stiefschwester Jule wäre auch gern weggelaufen. Denn zu Hause saß nun Christian, der neue Freund ihrer Mama Silke, der ihr in allem "zu viel, zu doll, zu anstrengend" war. Ihr leiblicher Vater aber war ins Ausland gezogen, zur neuen Freundin. "Hier hält mich nichts mehr", hatte er gesagt. Dieser Satz klingt Jule noch heute im Ohr. Denn "hier" war doch sie selbst! "Ich wurde neulich gefragt, ob ich mich als Patchwork-Opfer sehe", sagt Jule. "Das mag hart klingen, aber ich fühle mich mit diesem Begriff gut beschrieben."

Blind für die Schmerzen ihrer Kinder waren Christian und Silke nie. Sie wollten ein gutes gemeinsames Leben für alle und haben viel "Arbeit" hineingesteckt. "Einmal im Urlaub haben wir gleich am ersten Tag ein Flipchart aufgestellt und gefragt: Wie wollen wir miteinander leben? Und wie kommen wir dahin?", erinnert sich Christian. Statt am Strand zu liegen oder Muscheln zu sammeln, diskutierten und kämpften sie zwei Tage lang.

Silke und Christian wissen, dass sie ihren Kindern viel abverlangt haben. Aber auch sie selbst haben – um ihrer Kinder willen – auf etwas Großes verzichtet: ein weiteres, ein gemeinsames Kind. "Das hätte uns alle überfordert", sagt Silke. "Und doch weine ich noch heute darüber, dass es so einen kleinen Menschen nicht gibt."

Paare, die eine neue Familie gründen, nehmen sich fest vor, die alten Fehler nicht zu wiederholen. Sie hoffen, nun in der zweiten Runde glücklicher zu werden. Doch das Gegenteil ist der Fall: Nach Befragungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung ist die Lebenszufriedenheit nach einer Trennung deutlich niedriger. Und in ihrem Unglück fühlen sich viele isoliert.

An einem Freitagabend sitzen sechs Mütter und Väter im Stuhlkreis. Manche kennen einander, andere sehen sich zum ersten Mal. Groß ist das Bedürfnis, sich auszutauschen. Über die Verzweiflung in den Familiengerichten, wo gemeinsame Zeit mit eigenen Kindern in Prozente umgerechnet wird. Über die Wut auf die verflossenen Partner, die sich nicht an Absprachen halten oder mit Kindesentzug drohen. Über Stiefkinder, die einem das Leben zur Hölle machen. Und über die Momente der totalen Ohnmacht.

Es dauert viele Jahre, bis jeder seine Rolle in der neuen Familie gefunden hat. © Christiane Wöhler für DIE ZEIT

"Das Gefühl, nicht selbstbestimmt entscheiden zu können, setzt den Menschen in Patchworkfamilien am allermeisten zu", sagt Claudia Hillmer. "Hier sprechen wir darüber, wie man wieder handlungsfähig wird." Die Hamburger Familientherapeutin ist selbst Patchworkerin und hat diese Gruppe vor zwei Jahren gegründet. Es macht sie wütend, dass die deutschen Familien ausgerechnet in Krisen so alleingelassen werden. Eine Stunde Beratung bei Therapeuten wie Hillmer kostet etwa 100 Euro. Geld, das viele Paare, gerade nach einer Trennung, nicht haben. "Wir brauchen eine begleitende Familienberatung, die auch von den Krankenkassen übernommen werden kann", fordert Hillmer.

Die Familie steht in Deutschland laut Grundgesetz unter besonderem Schutz. Für ihr Scheitern und Zerbrechen fühlt sich die Politik aber nicht zuständig. Und was gar nicht wahrgenommen wird, ist der große Dienst, den Patchworkfamilien auch allen anderen erweisen: Mit dem Versuch, Trennungskinder aufzufangen und ihnen ein neues Zuhause zu geben, leisten sie einen entscheidenden Beitrag gegen die weitere Zersplitterung der Gesellschaft.

Wie Patchwork gelingt

Wer eine Patchworkfamilie gründet, glaubt an die Kraft der Liebe. © Christiane Wöhler für DIE ZEIT

Wie wenig sich Väter und Mütter nach Trennungen geschätzt und unterstützt fühlen, zeigen die Ergebnisse der Allensbacher Meinungsforscher: 64 Prozent der Eltern fordern, der Staat müsse Trennungsfamilien mehr helfen; finanziell, aber auch in Form von psychologischer Beratung. Andere Länder sind da weiter. In Australien haben verpflichtende Mediationen für Trennungseltern innerhalb von fünf Jahren dazu geführt, dass die Streitigkeiten vor dem Familiengericht um ein Drittel sanken.

Franziska Giffey, SPD-Politikerin und seit März Bundesfamilienministerin, sagt auf Anfrage der ZEIT: "Die Politik kann die Verletzungen einer Trennung nicht verhindern, aber sie kann bessere Rahmenbedingungen für getrennte Eltern schaffen." Welche das konkret sein sollen, sagt Giffey nicht.

Dabei machen sich die neuen Lebensformen längst auch jenseits des Privaten bemerkbar. Lehrer haben es beim Elternabend nicht mehr nur mit Mama und Papa zu tun, da sitzt jetzt auch noch der Stiefvater mit am Tisch. In den Unternehmen fragen sich Personalvorstände, wie sie Arbeitsprozesse flexibler gestalten können, damit Väter und Mütter sich nach einer Trennung abwechselnd um ihre Kinder kümmern können. Denn wie soll das alles funktionieren mit Dienstreisen, Abendterminen, Schichtarbeit?

In die neuen Lebensgemeinschaften zu investieren lohnt sich für Politik und Wirtschaft auch deshalb, weil die Frage, wie Menschen miteinander leben und Kinder heute aufwachsen, am Ende mitentscheidet über den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Zukunft eines Landes. Und wenn Patchwork gelingt, das zeigen Studien, wachsen dort junge Menschen mit hohen sozialen Kompetenzen heran. Sie sind früh selbstständig, beweisen ein hohes Verantwortungsgefühl für sich und andere und sind später auch beruflich erfolgreich – so jedenfalls fasst es ein amerikanisches Forscherteam zusammen, das Trennungskinder über 25 Jahre hinweg begleitet hat.

Wer in einer Patchworkfamilie überleben will, muss Konflikte konstruktiv austragen und darf die Perspektiven der anderen nicht aus dem Blick verlieren. Nirgends lässt sich der Umgang mit komplexen Beziehungen besser trainieren als in diesem Flickwerk. Vorausgesetzt, man übersteht es unbeschadet.

Wer einen Nachmittag auf der Terrasse von Silke und Christian verbringt, der sieht zwar Tränen und hört von Verletzungen. Der erlebt aber auch Menschen, die sich umeinander sorgen und viel dafür tun, dass ihre Gemeinschaft nicht auseinanderbricht. "Was ich durch all den Stress hier verstanden habe: Beziehung ist ein ständiger Austausch. Man muss dauernd reden und ehrlich sagen, was man fühlt", sagt Benita. "Patchwork ist ganz viel Streit und Arbeit. Aber ich hab dabei viel gewonnen", sagt ihre Stiefschwester Jule: "Mich kann man jetzt in jede Situation werfen – ich komme klar."

Familie, das sollte heute alles sein – auch ein Paar, das sich nicht mehr liebt und trotzdem noch zusammen mit den beiden Söhnen in einer Wohnung lebt. "Krass!", sagen die Leute, wenn Christin und Sven von ihrem Leben erzählen. Vor fünf Jahren haben sie sich getrennt, wie so viele Paare mit Streit und Wut und Verzweiflung. Eines aber wussten beide: "Keiner von uns wollte auch nur ein Stück von den Kindern hergeben." Also teilten sie die Zimmer neu auf, machten Putzpläne, wuschen getrennt ihre Wäsche. Und fragten sich oft: Schaffen wir das? "Wir sind durch Matsch und Modder gewatet", sagt Sven. "So richtig durch die Scheiße." Nach zweieinhalb Jahren wollte Christin ausziehen. Heute ist sie froh, dass sie geblieben ist.

Abwechselnd kümmern sie sich nun um die Kinder, zwei Wochen übernimmt Sven die Verantwortung, zwei Wochen Christin. Aber immer ist der andere nicht weit. Und wenn sie Lust haben, gehen sie gemeinsam ins Kino, ins Restaurant, zu Ikea. Einfach so, ohne Terminkalender zu wälzen und komplizierte Absprachen zu treffen.

Christin und Sven sind den langen Weg der Versöhnung gegangen, für ihre Kinder und für sich selbst. Beide haben inzwischen neue Partner und können sich sogar vorstellen, "alle in ein großes Haus zu ziehen". Christin sagt: "Und wenn Sven mit seiner Freundin noch einmal ein Baby bekommt, wäre das doch für alle schön."

Raus aus den alten Mustern und Rollen, sich nicht mehr einengen und bevormunden lassen von Konventionen, das sei ihnen das Wichtigste gewesen. "Für mich fühlt sich Familie jetzt so an, wie ich sie immer wollte", sagt Christin. "Weil endlich der Druck weg ist."

An der Wand in der kleinen Küche hängt neben dem Fenster ein Kinderbild, das einer der Jungs vor zwei Jahren gemalt hat. Vier krakelige Menschen mit dünnen Ärmchen und langen Fingern halten sich an den Händen. Sie gehören zusammen. Immer noch.

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