Kinder in Patchworkfamilien fühlen sich oft bevormundet und ausgeliefert. Psychologen und Kinderärzte sprechen von enormen Anpassungsleistungen, die sie vollbringen müssten. Was in all den Jahren, in denen Kinder und Heranwachsende die Trennung und Neuorientierung der Eltern verarbeiten und akzeptieren müssen, in ihnen vorgeht, zeigt seine Wirkung mitunter erst viel später. Die Forschung ist sich einig, dass sich die familiäre Situation auf Wohlbefinden und Gesundheit der Kinder auswirkt. Wie sehr sie schon unter Streit in der Familie leiden, zeigt das LBS-Kinderbarometer, das regelmäßig rund 10.000 Kinder zwischen 9 und 14 Jahren befragt. Mehr als die Hälfte der Kinder sagen, sie fühlten sich bei Streit ziemlich oder sehr schlecht. Ob Trennungskinder später eher zu Depressionen neigen, Suchtverhalten oder Bindungsängste entwickeln, all das lässt sich bisher nicht eindeutig belegen.

Wie unterschiedlich Heranwachsende die Patchwork-Idee schon in ein und derselben Familie erleben, kann man bei Christian und Silke beobachten. Christians Tochter Benita fühlte sich vom Vater alleingelassen – und gleichzeitig verantwortlich für das Glück ihres kleinen Bruders. Dass das zu viel war für ein Kind in ihrem Alter, konnte sie nicht in Worte fassen und trat die Flucht an: Mit 14 verbrachte sie ein Schuljahr im Ausland und meldete sich in dieser Zeit kaum bei ihren Eltern. Nach ihrer Rückkehr brach sie den Kontakt zum Vater ab. Erst durch die Vermittlung zweier Therapeuten haben sich die beiden wieder angenähert.

Benitas zwei Jahre ältere Stiefschwester Jule wäre auch gern weggelaufen. Denn zu Hause saß nun Christian, der neue Freund ihrer Mama Silke, der ihr in allem "zu viel, zu doll, zu anstrengend" war. Ihr leiblicher Vater aber war ins Ausland gezogen, zur neuen Freundin. "Hier hält mich nichts mehr", hatte er gesagt. Dieser Satz klingt Jule noch heute im Ohr. Denn "hier" war doch sie selbst! "Ich wurde neulich gefragt, ob ich mich als Patchwork-Opfer sehe", sagt Jule. "Das mag hart klingen, aber ich fühle mich mit diesem Begriff gut beschrieben."

Blind für die Schmerzen ihrer Kinder waren Christian und Silke nie. Sie wollten ein gutes gemeinsames Leben für alle und haben viel "Arbeit" hineingesteckt. "Einmal im Urlaub haben wir gleich am ersten Tag ein Flipchart aufgestellt und gefragt: Wie wollen wir miteinander leben? Und wie kommen wir dahin?", erinnert sich Christian. Statt am Strand zu liegen oder Muscheln zu sammeln, diskutierten und kämpften sie zwei Tage lang.

Silke und Christian wissen, dass sie ihren Kindern viel abverlangt haben. Aber auch sie selbst haben – um ihrer Kinder willen – auf etwas Großes verzichtet: ein weiteres, ein gemeinsames Kind. "Das hätte uns alle überfordert", sagt Silke. "Und doch weine ich noch heute darüber, dass es so einen kleinen Menschen nicht gibt."

Paare, die eine neue Familie gründen, nehmen sich fest vor, die alten Fehler nicht zu wiederholen. Sie hoffen, nun in der zweiten Runde glücklicher zu werden. Doch das Gegenteil ist der Fall: Nach Befragungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung ist die Lebenszufriedenheit nach einer Trennung deutlich niedriger. Und in ihrem Unglück fühlen sich viele isoliert.

An einem Freitagabend sitzen sechs Mütter und Väter im Stuhlkreis. Manche kennen einander, andere sehen sich zum ersten Mal. Groß ist das Bedürfnis, sich auszutauschen. Über die Verzweiflung in den Familiengerichten, wo gemeinsame Zeit mit eigenen Kindern in Prozente umgerechnet wird. Über die Wut auf die verflossenen Partner, die sich nicht an Absprachen halten oder mit Kindesentzug drohen. Über Stiefkinder, die einem das Leben zur Hölle machen. Und über die Momente der totalen Ohnmacht.

"Das Gefühl, nicht selbstbestimmt entscheiden zu können, setzt den Menschen in Patchworkfamilien am allermeisten zu", sagt Claudia Hillmer. "Hier sprechen wir darüber, wie man wieder handlungsfähig wird." Die Hamburger Familientherapeutin ist selbst Patchworkerin und hat diese Gruppe vor zwei Jahren gegründet. Es macht sie wütend, dass die deutschen Familien ausgerechnet in Krisen so alleingelassen werden. Eine Stunde Beratung bei Therapeuten wie Hillmer kostet etwa 100 Euro. Geld, das viele Paare, gerade nach einer Trennung, nicht haben. "Wir brauchen eine begleitende Familienberatung, die auch von den Krankenkassen übernommen werden kann", fordert Hillmer.

Die Familie steht in Deutschland laut Grundgesetz unter besonderem Schutz. Für ihr Scheitern und Zerbrechen fühlt sich die Politik aber nicht zuständig. Und was gar nicht wahrgenommen wird, ist der große Dienst, den Patchworkfamilien auch allen anderen erweisen: Mit dem Versuch, Trennungskinder aufzufangen und ihnen ein neues Zuhause zu geben, leisten sie einen entscheidenden Beitrag gegen die weitere Zersplitterung der Gesellschaft.