DIE ZEIT: Herr Keel, 1998 haben Sie ein Buch voller Fragen herausgebracht, All About Me, ein Millionenbestseller. Beginnen wir doch mit einer Frage daraus: Was ist das beste Wort, das Ihre Arbeit im Moment beschreibt?

Philipp Keel: Dass ich machen darf, was ich will.

ZEIT: Das sind sieben Wörter ...

Keel: Unabhängigkeit – obwohl, man ist immer abhängig. Dann halt Humor.

ZEIT: Warum?

Keel: Weil ich jeden Tag mit Menschen lachen kann. Ohne das konnte ich meine Arbeit noch nie machen.

ZEIT: Der Börsenverein hat kürzlich eine Studie zum Buchmarkt veröffentlicht. Für die schlechten Zahlen der Branche muss man schon sehr viel Humor aufbringen. Gab es Ergebnisse, von denen Sie überrascht waren?

Keel: Nein, nicht wirklich, auch wenn die darin zu beklagenden sechs Millionen weniger Leser einem allerdings einiges an Humor abverlangen – gerade wenn man Bücher verkaufen möchte. Andererseits braucht es solche Umfragen gar nicht, man muss sich nur in seiner Umgebung umsehen. In dieser überforderten Ära bleibt für gewisse Dinge scheinbar keine Muße mehr. Lesen gehört leider dazu.

ZEIT: Weniger Leute kaufen Bücher, einzelne Käufer jedoch umso mehr. Und E-Books laufen nicht so richtig.

Keel: Das mit den E-Books hat mich insofern überrascht, weil ein Reader zwar nicht so sinnlich ist wie ein echtes Buch, dafür aber sehr praktisch. Kaum einer wird heutzutage mehr mit zehn Hardcovern in den Urlaub fahren. Dennoch sagen mir Menschen immer wieder, wenn sie schon einmal ein Buch lesen, dann soll es sich auch gut anfühlen.

ZEIT: Seit sieben Jahren gehen die Verkaufszahlen zurück, seit sieben Jahren sind Sie Verleger. Wünschen Sie sich manchmal, zu einem anderen Zeitpunkt angefangen zu haben?

Keel: Es wäre nicht weniger kompliziert geworden. Die Kunst ist es, die Leute nicht verrückt zu machen: die Mitarbeiter hier, die Autoren, den Buchhandel, die Leser. Ich empfinde es, wenn ich das so sagen darf, als kleines Wunder, dass es diesen Verlag 2018 so noch gibt. Wenn ich morgens ins Büro gehe, gleicht das einem Kasinobesuch: Man kann das Geschäft mit Büchern etwas steuern, aber den Erfolg nicht planen. Dadurch werden wir jedoch sportlicher. Wir wollen gesehen und gelesen werden, wir wollen, dass Diogenes Diogenes bleibt.

Ihr Duft? – Ist das wirklich eine Frage aus dem Buch? Lavendel.
Etwas Besonderes auf Ihrem Schreibtisch? – Ein Stift, der auf der einen Seite rot und auf der anderen Seite blau ist.

Sie sammeln? – Vieles, ohne es zu merken.
Wovon Sie wenig haben? – Zeit.
(Fragen aus "All About Me")

ZEIT: Früher unterhielt man sich noch über Literatur. Heute scheinen Bücher aus dem öffentlichen Diskurs verschwunden.

Keel: Wenn weniger gelesen wird, kann man sich auch nicht darüber unterhalten. Schauen Sie sich Einrichtungskataloge an, da sind keine Bücher in den Regalen mehr. Alles ist leer, vielleicht steht noch eine Vase da und Stühle, die aussehen wie Cartoonmonster. Überhaupt fehlt es vielerorts an einem gewissen Geist.

ZEIT: Die Studie des Börsenvereins kritisiert die mangelnde Orientierung auf dem Buchmarkt. Menschen wollten umworben werden, das Buch müsse zum Kunden kommen. Sie haben auch mal in der Werbung gearbeitet, was ist Ihre Strategie?

Keel: Es wird doch seit Jahren viel unternommen, um Leser und Jugendliche, die kaum mehr lesen, zu erreichen. Auf allen Kanälen, natürlich auch digital, versucht man, Autoren und Titel durchzusetzen und ein Interesse für Bücher zu wecken. Aber wenn der Empfänger keine Antenne dafür hat, dann können Sie werben, wie Sie wollen, und die besten Strategien nutzen nichts.