DIE ZEIT: Herr Largo, mit Ihren Büchern Babyjahre und Kinderjahre waren Sie für unzählige Eltern ein Ratgeber und Begleiter. Nun fordern Sie das Ende von Vater-Mutter-Kind. Was haben Sie gegen die Kleinfamilie?

Remo Largo: Sie ist eine permanente Überforderung. Alles muss gelingen, Karriere, Kind, Partnerschaft. Das war schon in den 1990ern so, seither ist der Druck noch gewachsen. Man kann als Vater und Mutter oder gar allein kein Kind großziehen.

ZEIT: Millionen Eltern versuchen genau das ...

Largo: Weil sie keine Alternative haben. Die Familie war in der ganzen Menschheitsgeschichte nie eine Insel, auf der die Eltern ihre Kinder allein aufzogen. Sie war eingebettet in eine Gemeinschaft von bis zu 300 Personen, die eng miteinander vertraut waren und sich gemeinsam um die Kinder kümmerten.

ZEIT: Es braucht also ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen?

Largo: Ja, die Gemeinschaft entlastet die Eltern, weil es weitere Bezugspersonen gibt, die als Vorbilder dienen. Und, ganz entscheidend, die Kinder leben mit anderen Kindern zusammen. Sie sind einander die wichtigsten Lehrmeister. Das hat die Natur so vorgesehen.

ZEIT: Kinder in Deutschland besuchen immer früher Krippe und Kita, später gehen sie zur Schule. Das ist doch ein Ausgleich.

Largo: Dafür müssten die Kinderbetreuungsstätten eine hohe Qualität aufweisen, mit viel Kontinuität und Stabilität. Wir neigen in der Diskussion aber vor allem dazu, über die Bedürfnisse der Eltern zu reden: Wie können Eltern Familie und Beruf vereinbaren? Wie die Betreuung finanzieren? Dabei geht es doch um die Kinder, um ihre Entwicklung!

ZEIT: Sie sagen, die Überforderung der Kleinfamilie sei in den vergangenen Jahren gestiegen. Wodurch?

Largo: Der wichtigste Grund ist die Emanzipation der Frau. Sie hat heute dieselben Bildungschancen wie der Mann. Sie kann für sich selbst sorgen, es wird nicht mehr diskriminiert, wenn sie sich scheiden lässt. Und, einmalig in der Menschheitsgeschichte: Sie kann mit der Antibabypille selbst bestimmen, ob sie Kinder will oder nicht.

ZEIT: Verteufeln Sie gerade die Emanzipation?

Largo: Im Gegenteil – ich bin Vater von drei Töchtern! Bloß: Die Gesellschaft hat sich nicht auf die neue Rollenverteilung eingestellt. Bis zu 60 Prozent der Mädchen besuchen heute in der Schweiz das Gymnasium, aber nur etwa 40 Prozent der Jungen. Unsere Arbeitswelt wird von Dienstleistungen bestimmt, bei denen soziale und sprachliche Kompetenzen eine große Rolle spielen. Und die sind bei Frauen besser ausgebildet als bei Männern. Fakt ist: Die Veränderungen haben enorme Ängste bei den Männern erzeugt – über die sie allerdings kaum reden.

ZEIT: Aber zum Ausgleich können sich die Väter doch stärker in den Familien einbringen ...

Largo: Ja, das versprechen sie. Dafür müssen sie aber ausreichend Kraft und Zeit aufbringen, und das gelingt nicht allen. Engagieren heißt: Der Vater kennt die Bedürfnisse und die Eigenheiten seines Kindes so gut, dass er es problemlos eine Woche lang allein versorgen kann. Auch im ersten Lebensjahr. Dafür muss ihm die Mutter den notwendigen Freiraum lassen, etwa dass er mit dem Kind anders umgehen darf als sie. Die Erwartungen mancher Mütter überfordern die Väter aber oft. Und dann brechen Familien auseinander.

ZEIT: Dass vier von zehn Ehen in Deutschland geschieden werden, können Sie aber nicht den Frauen in die Schuhe schieben.

Largo: Dafür gibt es viele Gründe. Partnerschaft wird heute mit Erwartungen überfrachtet. Aber ein Einzelner kann unmöglich alle Bedürfnisse befriedigen, die früher von einer Gemeinschaft abgedeckt wurden. Wir sind nicht für ein Leben in Kleinfamilie und anonymer Massengesellschaft gemacht. Deshalb fehlt es überall an emotionaler Nähe und sozialer Anerkennung.

ZEIT: Die Menschen finden keine Nähe in der Familie?

Largo: Gerade war ein guter Freund bei mir zu Besuch, und wir haben über unsere Familien gesprochen. Er sagte, er habe eine sehr enge Beziehung zu seinen Kindern und Enkeln. Fakt ist aber, sie wohnen Hunderte Kilometer voneinander entfernt und sehen sich ein- bis zweimal im Jahr. Wir belügen uns selbst.