ZEIT: Warum tun wir das?

Largo: Der Gedanke, dass es nicht ist, wie es sein sollte, ist unerträglich. Aber verlässliche, vertrauensvolle Beziehungen, die wir uns so wünschen, beruhen auf gemeinsamen Erfahrungen. Sich zweimal im Jahr sehen ist zu wenig. Und abends vor dem Fernseher sitzen ist keine Erfahrung, die Beziehungen stärkt.

ZEIT: Trennen wir uns deshalb heute leichter?

Largo: Früher waren viele Paare unglücklich, mussten aber aus sozialen, religiösen und existenziellen Gründen zusammenbleiben. Heute sind wir freier und unabhängiger, aber auch weniger bereit, Krisen durchzustehen oder Kompromisse zu schließen. Wir glauben: Wenn dieser Partner mich nicht mehr glücklich macht, kann es bestimmt ein anderer. Dem Primat eines imaginären Glücks wird alles untergeordnet.

ZEIT: Was geschieht dabei mit den Kindern?

Largo: Die Erwachsenen versuchen sich so zu beruhigen: "Wir lieben die Kinder, auch wenn wir uns trennen. Sie werden nicht leiden." Aber Liebe bedeutet: das Glück der Kinder in den Vordergrund stellen.

ZEIT: Was heißt gemeinsames Elternsein nach einer Trennung? Was braucht es, damit es gelingt?

Largo: Alle reden vom Kindeswohl, aber keiner sagt, was er darunter versteht. Eltern müssen sich fragen: Was braucht mein Kind? Dafür gibt es keine allgemein gültige Lösung, schon gar nicht das derzeit so beworbene Wechselmodell ...

ZEIT: ... bei dem die Kinder eine Hälfte der Zeit bei der Mutter, die andere beim Vater verbringen.

Largo: Kinder versetzt der ständige Wechsel in große Unruhe, und sie fragen sich: Wer ist eigentlich für mich da? Was wir brauchen, ist ein Perspektivwechsel: Das zukünftige Zusammenleben muss auf die Grundbedürfnisse der Kinder ausgerichtet sein.

ZEIT: Und wie sehen die aus?

Largo: Erstens geht es um die körperliche Integrität: Jedes Kind will seine körperlichen Bedürfnisse wie Durst und Hunger befriedigt haben, was zumeist gewährleistet ist. Zweitens will es sich geborgen und angenommen fühlen. Dafür muss es jederzeit Zugang zu einer vertrauten Person haben. Drittens die soziale Anerkennung. Schon Kleinkinder verlangen danach, sie wollen eine Stellung in der Gruppe, die ihnen entspricht. Und nicht herumgeschoben werden. Viertens will das Kind die notwendigen Erfahrungen machen, die es für seine Entwicklung braucht. Es macht einen großen Unterschied, ob der Vater am gemeinsamen Wochenende telefoniert und vor dem Computer sitzt oder ob man zusammen (und mit anderen) an den See baden geht. Fünftens will das Kind selbstbestimmt Leistungen erbringen – und ist stolz, wenn ihm etwas gelingt, etwa vom Turm ins Wasser zu springen. Sechstens ist existenzielle Sicherheit nötig. So können seine Eltern ihre Grundbedürfnisse befriedigen, was sich positiv auf das Kind auswirkt.

ZEIT: Das bedeutet auch, es hängt nicht vom Familienmodell ab, ob es dem Kind gut geht. Wann verkraften Kinder Trennungen unbeschadet?

Largo: Wenn beide Eltern ausreichend Zeit mit dem Kind verbringen, sodass eine vertrauensvolle und tragfähige Beziehung erhalten bleibt. Quality time genügt nicht. Und die Eltern müssen darauf achten, dass ihr Kind in einem stabilen Beziehungsnetz aufwachsen kann.

ZEIT: Und gelingt das den Eltern?

Largo: Vielen Kindern geht es leider nicht gut – das ist enormer gesellschaftlicher Sprengstoff. Man geht davon aus, dass 25 Prozent der Kinder körperliche oder psychische Probleme haben. Dazu gehören etwa Ess- und Schlafstörungen. Das Burn-out-Syndrom ist früher nur bei Erwachsenen beobachtet worden, dann auch bei den Jugendlichen, jetzt ist es bei den Kindern angekommen. Diese Jungen und Mädchen stehen buchstäblich still. Dazu trägt auch der Leistungsdruck in der Schule bei.