ZEIT: Ist die Patchworkfamilie da keine Lösung? Immerhin ist die Gemeinschaft dort größer ...

Largo: ... aber in einer Patchworkfamilie ist der Stress immer – wirklich immer – noch größer.

ZEIT: Auch Sie haben sich getrennt und in einer Patchworkfamilie gelebt.

Largo: Deshalb weiß ich, dass es gut gehen kann, aber extrem anstrengend ist. Meine drei Töchter waren bei der Trennung zwölf, zehn und sieben Jahre alt. Anfangs lebten sie bei ihrer Mutter, später bei mir und meiner zweiten Ehefrau. Entscheidend waren drei Dinge: Ich hatte die volle Unterstützung beider Frauen. Ich konnte mir die Arbeit im Kinderhospital ziemlich frei einteilen, was den meisten Vätern nicht möglich ist. Und: Meine zweite Frau und ich haben einen engen und guten Kontakt zu meiner Ex-Frau und deren Familie gepflegt. Festtage wie Weihnachten und Geburtstage haben wir immer zusammen gefeiert.

ZEIT: Viele Väter und Mütter sagen: Ich habe mich getrennt, damit ich eben nicht mehr mit diesen Menschen am Tisch sitzen muss.

Largo: Mir tut es weh, so was zu hören. Erwachsene sollten auf das Verbindende schauen und nicht ständig Grenzen ziehen. Es ist eine schreckliche Erfahrung für die Kinder, nahestehende Menschen hassen zu müssen. Man kann einem Kind nur wünschen, dass es enge Beziehungen zu den Eltern wie zu deren neuen Partnern hat. Die Patchworkfamilie steht ständig unter Hochspannung. Deshalb muss sich der neue Partner auf die Kinder einlassen, bereit sein, Kraft und Zeit zu investieren. Wer das nicht tut, dem sage ich: Ihr schadet den Kindern!

ZEIT: Wenn weder die Klein- noch die Patchworkfamilie in Ihren Augen Zukunft hat: was dann?

Largo: Ich erhoffe mir Gemeinschaften, in denen sich Menschen jeden Alters wohlfühlen, einander vertraut sind und füreinander Verantwortung übernehmen. Kinder können hier betreut werden, statt Kitas und Horte zu besuchen. Alte Menschen müssen nicht mehr in Heimen vereinsamen. Das wäre auch für die Familien und den Staat eine große finanzielle Entlastung.

ZEIT: Sollte sich der Staat da einmischen?

Largo: Er könnte die Gemeinschaft unterstützen, etwa mit niedrigeren Hypotheken, wenn sie eine Liegenschaft kaufen will. Die Kommunen könnten die Kinderbetreuung finanzieren. Mehrgenerationenprojekte sind keine Utopie, sie werden in immer mehr Ländern realisiert.

ZEIT: Trotzdem kann es dauern, bis sich solche Lebensgemeinschaften durchsetzen. Was kann die überforderte Kleinfamilie in der Zwischenzeit tun, damit es ihr besser geht?

Largo: Gartenzäune in der Reihenhaussiedlung abbauen, Beziehungen mit anderen Familien eingehen, gemeinsam die Zukunft planen. Die meisten, die das tun, erleben etwas unglaublich Befreiendes: Sie sind nicht mehr fremdbestimmt, nicht mehr Opfer gesellschaftlicher Umstände. Wir Menschen sind ausgesprochen soziale Wesen. Wir können nicht allein leben, ohne Schaden zu nehmen.