Große Künstlerinnen und Künstler der aktuellen Kunstszene stellten ganz am Anfang ihrer Karrieren hier aus, etwa der Kanadier Jeff Wall, der Japaner On Kawara, die US-Amerikanerin Jenny Holzer oder die Deutschen Candida Höfer und Thomas Schütte. Dass München neben dem Rheinland im internationalen Markt für zeitgenössische Kunst mitmischen konnte, ist vor allem Rüdiger Schöttle zu verdanken. Der Grandseigneur blickt mittlerweile auf fünf Jahrzehnte erfolgreiche Trüffelsuche zurück, an wechselnden Standorten in München, angefangen einst in der Prinzregentenstraße bis zu seinem heutigen Quartier in der Schwabinger Amalienstraße.

Sein Wirken hat Spuren in der Museumslandschaft hinterlassen. Die Pinakothek der Moderne und das Lenbachhaus kauften bei ihm ein, von Thomas Struth über Thomas Zipp bis zu James Coleman. Die Sammlung Brandhorst griff zuletzt bei Anri Sala oder David Claerbout zu. Und die Großsammlerin Ingvild Goetz mit dem besonderen Fokus auf Video-Arbeiten ließ sich für Rodney Graham und Goshka Macuga begeistern. Sie alle vertrauen dem Urteil des Galeristen Schöttle. Viel zu oft schon lag er richtig, so auch bei dem heutigen Superstar Andreas Gursky, den er 1991 in Paris den Franzosen als Neuentdeckung schmackhaft machen wollte und von dem er keine einzige Fotografie verkaufte. Zwanzig Jahre später knackte Gursky auf einer Auktion die 3-Millionen-Dollar-Marke.

Schöttle hat immer wieder bewiesen, dass sein Beruf für ihn mehr ist als das merkantile Verschieben einer dekorativen Ware. Zeitgenössische Kunst zu vermitteln ist schließlich eine Disziplin, die eigenen Regeln gehorcht. Es reicht nicht aus, ein Gespür für die Vorlieben der Käufer zu haben. Man muss sich auf die Produzenten einlassen und ihr oft noch erratisches Suchen unterstützen. Man muss das Aufflackern neuer Richtungen erkennen. Besonders auf dem Gebiet der Konzeptkunst und Fotografie ist Schöttle ein Meister seines Fachs.

Wenn man ihn auf seine Anfänge anspricht, formt der zierliche Mann mit der auffälligen Brille Sätze, die an Lakonie nicht zu übertreffen sind. Ob ihn denn die Studentenumtriebe nicht interessiert hätten? Doch, das schon. 1968 "lief so mit. Es war Hintergrund", sagt er. Aber der Geist der Revolte machte sich doch sicherlich in den ersten Ausstellungen bemerkbar? Durchaus. Improvisation war die Haltung der Stunde. Punkt.

Andererseits war Schöttle schon immer ein Freund des gedruckten Wortes. Es gibt von ihm Bücher mit so wundersamen Titeln wie Psychomachia, Küchenzauber und Neondekorationen. Im Herbst erscheint sein neues Buch, das sich um Variationen über das Theater der Grausamkeit dreht. Schöttles philosophischer Bewegungsdrang führte ihn als Kurator in die Kunsthalle Zürich, wo er eine Ausstellung als eine Art begehbare Zeitmaschine konzipierte, in der die barocke Tanzwelt Ludwigs XIV. auf Gegenwartskunst traf. In einem von Schöttle verfassten Text über das Projekt findet man einen bemerkenswerten Satz: "Die Befreiung von der allseitigen Konsumption, von dem Dogma der unendlich ausgedehnten Identitätsgrenzen, wird uns die jeweils umfassendste und welthaltigste Möglichkeit ergreifen lassen."

Da ist es dann wieder, das Echo von 1968. Nur - wie passt Konsumabscheu mit der Profession eines Galeristen zusammen? Muss man in Schöttles Brust mit zwei Seelen rechnen? Nicht, wenn man sich sein Programm anschaut. Oft hinterfragen seine Künstler die Warenwelt und zertrümmern den herkömmlichen Kunstbegriff. Springt man in die Jetztzeit und fragt ihn nach der aktuellen Lage des global explodierenden Handels, erntet man nur ein gequältes Seufzen. Mit Mitte siebzig, in einem Alter, das andere Galeristen längst kürzertreten lässt, nimmt er regelmäßig an den wichtigsten Kunstmessen teil, an der Art Basel, auch ihren Ablegern in Hongkong und Miami, an der FIAC in Paris und der Frieze in New York. Scharfe Analysen bekommt man von ihm zu diesem Thema nicht. Es sei anstrengend geworden. Aber was solle man machen. Wachsen wie die anderen? Vor lauter Bewegung die Freude an der Kunst verlieren? Dann lieber mittelgroß bleiben. Und trotzdem immer mal wieder den einen oder anderen "Blue Chip" ins Rennen schicken.

Der Ruf eines Entdeckers stellt sich nicht von allein ein. Dafür braucht man Zeit. Und Neugier auf das Andere. Als die Kollegen nach der Wende gen Berlin stürmten, wozu auch sein ehemaliger Kölner Galerie-Partner Jörg Johnen gehörte, trieb es Schöttle über die nun gesamtdeutsche Grenze ostwärts nach Polen, Tschechien, Lettland, Rumänien. Damals lernte er die Polin Goshka Macuga kennen, den jungen Rumänen Alex Mirutziu und den Letten Janis Avotins. An diesem Punkt des Gesprächs verändert sich der Ton des zurückhaltenden Galeristen. Seine Augen leuchten hell auf, als er von seinen jüngsten Streifzügen durch die Kunstszene Asiens berichtet.

Viele langjährige Weggefährten finden sich in den Jubiläumsausstellungen, es mischt sich aber auch reichlich junges Blut darunter, etwa der Chinese Ma Ke, der seine farbenfrohen Gemälde als großes Theater menschlicher Überlebensstrategien begreift.

Auch der zehn Jahre jüngere Fotograf Chen Wei verhandelt die conditio humana, indem er Stadträume aufsucht, die ihre Bewohner verschluckt zu haben scheinen. Beide verströmen eine existenzielle Melancholie. Kein Grund für Schöttle, das Duo dessen Heimatmarkt vorzuenthalten. Auf der Art Basel Hong Kong hat er den dezenten Kritiker des "Chinese Way of Life" zwischen Werken der etablierten Künstler Ruff und Balkenhol eingeschleust. Die neu- reiche Klientel in Asien soll doch sehen, wie die Kehrseite des Turbo-Erfolgs aussehen kann. Es ist immer noch nicht zu spät, die "welthaltigste Möglichkeit zu ergreifen". Er hat es doch mit seinem Lebenswerk vorgemacht. Da erübrigt sich auch das Aussteigen. Das Leben nach der Galerie läuft doch schon längst so mit.