Die Schafe von Henning Hinz haben Glück, denn immerhin ist die Nordsee noch nicht ausgetrocknet. Ein paar Hundert Meter vorm Deich, auf den Salzwiesen, die regelmäßig von der Flut überspült werden, wachsen Strandhafer und Andelgras – ein letzter, leckerer, grüner Streifen Futter. Die Deichflächen selbst hier an der Dithmarscher Küste sehen nach drei Monaten fast ununterbrochener Sonnenbestrahlung aus wie mit dem Flammenwerfer überzogen: Tote Heubüschel wehen in staubiger Erde. "Am 29. April hatten wir das letzte Mal Regen", sagt Schäfer Hinz, "dann am letzten Sonnabend gerade mal zehn Millimeter." Von den 330 Hektar Weideland für seine Schafe seien mittlerweile fast die Hälfte unbrauchbar.

Sollte auch in ein paar Wochen noch kein Gras sprießen, müsse er teuer zufüttern, wie es viele andere Schafzüchter jetzt schon täten. Oder eben schlachten. "Man hilft sich von Tag zu Tag", sagt der 56-jährige Hinz, Schäfer in vierter Generation und Vorsitzender des Landesverbandes der Schleswig-Holsteiner Schaf- und Ziegenzüchter. "Aber viele Kollegen sind mutlos."

Ihr Berufsstand sei eine aussterbende Art, warnen die Schäfer immer lauter. Sie seien ohnehin schon die Verlierer des deutschen Subventionswesens, und nun, angesichts einer Dürre in einem Ausmaß, an das sich nicht einmal Hinz’ 84 Jahre alter Vater erinnern kann, wolle man ihnen keine Nothilfen gewähren.

Er sei keiner dieser Bauern, die immerzu jammerten und nach dem Staat riefen, versichert Hinz. "Aber die Leute sind am Ende." Erst diese unselige Subventionsreform, dann die Wölfe, dann die Hitze.

In Großbritannien leben zehnmal mehr Schafe als in Deutschland.

Vor gut zehn Jahren hat es laut Zahlen des Schäfereiverbandes in Deutschland noch drei Millionen Mutterschafe gegeben. Mittlerweile sind es demnach nur noch 1,7 Millionen. In Großbritannien, zum Vergleich, gibt es rund 16 Millionen Muttertiere. Weil die Schäfer sich als schwindende Gruppe unter den deutschen Landwirten sehen, machen sie seit einigen Monaten besonders viel Druck auf die Bundesregierung. Sie fordern die Abkehr von einem, wie sie es sehen, deutschen Sonderweg in der Zuschuss-Wirtschaft, der ihrer Ansicht nach die ganze Misere verursacht hat.

Dieser Sonderweg besteht darin, dass die Bundesregierung 2005 damit aufhörte, Unterstützung pro Tier auszuzahlen. Ersetzt wurde die Pro-Kopf-Prämie durch feste Zahlungen für jeden Hektar bewirtschafteter Fläche, ob im Eigentum oder gepachtet. Seit 2013 gibt es ausschließlich diese Betriebsprämie. Damit ist Deutschland zwar nicht das einzige, aber doch eines der wenigen Länder innerhalb der EU, das überhaupt keine Pro-Kopf-Zahlungen pro Tier mehr leistet; in 22 EU-Staaten gibt es weiterhin Schafprämien. Das Ziel dieser neuen Förderpolitik – wie sie unter anderem auch Dänemark und Schweden umsetzten – war es, einerseits der Überproduktion von Tieren entgegenzuwirken, weil die Prämie für jedes Tier einen Anreiz setzte, viele zu züchten und zu halten. Außerdem sollte sie die Zähl-Bürokratie eindämmen und die Marktvorteile gegenüber Entwicklungsländern mildern.

Was aus marktwirtschaftlicher Sicht vernünftig klingt, habe ihnen eine gewaltige Ungerechtigkeit eingebracht, sagen die Schäfer. Denn ihre Herden grasen oft auf Flächen, für die es keine Hektarprämien gibt, weil sie nicht beihilfefähig sind – etwa Truppenübungsplätze oder Naturschutzgebiete. Durch die Ausbreitung des Wolfes sei die Schäferei zudem härter und teurer geworden, denn es müssten immer öfter Zäune gezogen werden. Dazu sind die Pachtpreise für privates Weideland in die Höhe geschossen. "Es fehlt nicht an jungen Menschen mit Schäferseelen", schrieb der Bundesverband der Berufsschäfer im März an den Bundestag. "Es fehlt an einer wirtschaftlichen Perspektive für unseren Beruf. (...) Unseren Kindern raten wir oft schweren Herzens davon ab, Betriebe und Beruf weiterzuführen."