Ich könnte vom Bett aus spülen. Oder vom Wohnzimmer aus kochen. Ohne App, ohne Roboter. Das hier ist nicht die Zukunft, noch nicht. Es ist die Gegenwart, und die ist beengt. Die Spüle stößt ans Bett, der Herd steht neben dem Wohnzimmersessel. Meine Tochter läuft immerhin 15 Schritte von der Couch bis zur Toilette, die größte Distanz in der Wohnung. Vor der Haustür erhebt sich die Gegengerade vom Millerntor. Man könnte sagen, wir wohnen im Stadion. Tatsächlich wohnen wir in einem Tiny House am Stadionvorplatz. 13,2 Quadratmeter. Wie es dazu kam?

Es beginnt mit unserer Wohnungssuche und der Frage, wie viel Platz eine dreiköpfige Familie braucht. Ob wir Jahre oder Jahrzehnte unser halbes Einkommen in Miete stecken möchten. Eigentum in Hamburg kann sich derzeit ja nur leisten, wer erbt – oder extrem gut verdient. Die Stadt denkt über allerlei Ideen für bezahlbaren Wohnraum nach. Über die Umwidmung leerer Bürogebäude, Veränderungen beim Vorkaufsrecht von Grundstücken, preiswerte Baulösungen. In Wilhelmsburg steht seit Kurzem ein Wohnhaus, das aus 371 Holz-Containern zusammengesetzt wird. Ein bis vier Einheiten bilden eine Wohnung, die Module können nach Bedarf umgebaut werden. Derzeit wohnten Studenten darin. Der Bund fördert solche Variowohnungen, wie sie in der Fachsprache heißen, mit bis zu 500 Euro pro Quadratmeter.

Der erste Eindruck: Alles gequetscht. Der zweite: Eigentlich ganz schön hier

Tiny Housing, platzoptimiertes Wohnen auf maximal 37 Quadratmetern, also das, was wir ausprobieren, ist in den USA entstanden und findet auch hierzulande immer mehr Fans. Van Bo Le-Mentzel, deutscher Tiny-House-Pionier, hat ein Tiny House mit nur 6,4 Quadratmetern gebaut, das schon für 100 Euro Miete nutzbar wäre. Tchibo verkaufte im Frühsommer drei Modelle ab 40.000 Euro. Ein Paar aus Altona ist in ein selbst gebautes, zweistöckiges Tiny House gezogen und muss ab jetzt nur ein wenig Pachtgebühr für das Grundstück zahlen, auf dem es wohnt. Dafür mussten sie allerdings ins Wendland umsiedeln.

Schließlich stieß ich auf zwei Studentinnen, die mit einem Hamburger Sozialunternehmen ein Tiny House bauten, das möglichst nachhaltig sein sollte, faires Holz, Seegras statt Isolierwolle, Komposttoilette, Solarzellen auf dem Dach. Sie gewannen einen Nachhaltigkeitswettbewerb der Uni Kiel und durften das Haus bei der Millerntor Gallery ausstellen. Hier wohne ich vorab mit Freund und Kind zur Probe.

Am Einzugstag brennt die Sonne. Wir steigen die improvisierte Treppe aus Getränkekästen hinauf, in Erwartung saunaähnlicher Temperaturen. Aber ich friere beim Eintreten. Das Seegras wirkt.

Das Interieur: pragmatisch. Man wolle erst austesten, was man wirklich brauche an Einbauten, Möbeln, Stauraum, erklären die Baufrauen und -herren. Rechts ein Etagenbett, mittig Spüle und ein winziger Gasherd, links das Wohnzimmer mit Couch und Sesseln aus Pressholz. Eine Schiebetür trennt die Komposttoilette ab. Erster Gesamteindruck: gequetscht. Zweiter: eigentlich ganz schön hier. Es riecht nach frischem Holz, hinter dem Wohnzimmerfenster tanzen die Türme der Reeperbahn im Nachmittagslicht.

Entworfen hat das Haus Julia Wehdeking mit einer Kommilitonin. Wehdeking, 26, Masterstudentin der Architektur in Hannover, beschäftigt das Thema Wohnraum schon lange: "Bald weiß man nicht mehr, wo die ganzen Leute wohnen sollen in der Stadt. Unter der Autobahn? Über der Autobahn?" Im Bachelorstudium mietete sie in Cottbus ein großes Altbauzimmer für kleines Geld. Nun in Hannover hat sie gerade mal 14 Quadratmeter und musste Lösungen finden, um trotzdem alles zu verstauen. Es geht. Zwischen Bachelor und Master zeichnete sie an Entwürfen, irgendwann stand der Bauplan für das Tiny House. Ein Bekannter, Zimmermann, besorgte das Holz zum Einkaufspreis. 8000 Euro und 25 Arbeitstage später war das Tiny House fertig, nur die Duche und die Solarpanels auf dem Dach fehlen noch. Der Strom kommt derzeit über ein Verlängerungskabel.

Fürs Mittagessen koche ich Nudeln, die Sauce ohne Zwiebeln oder Fisch – am späten Abend im Etagenbett wollen wir uns ungern geruchlich wie auf dem Fischmarkt vorkommen. Wegen der zwei müden Kochplatten wird das Zubereiten zur meditativen Übung. Irgendwann ist es geschafft. Wir essen am Couchtisch, der eigentlich zu niedrig ist, mich aber an Tatort-Abende zu WG-Zeiten erinnert. Meist dinierten wir zu acht im kleinen Wohnzimmer, während auf dem Bildschirm Börne, Lindholm oder Batic ermittelten.

Herausfordernd wird es, auf 13,2 Quadratmetern mit einem Kind zu spielen, das sehr gern rennt. Drinnen stößt die Kleine sich ständig. Also spielen wir mit dem Besteck, trommeln, bauen, essen Luft. Dann wird es fad. Wir gehen raus.

Zwei Stufen, Tür zu, losrennen. Glück und Gefahr zugleich, wenn man mit einem Kind in der Stadt wohnt. Mit dem Minihaus könnten wir natürlich auf die grüne Wiese ziehen, das entspricht womöglich auch eher dem verklärten Bild, das von dieser Sorte Haus ständig reproduziert wird: Hippe Menschen, die in Türrahmen ihrer meisterhaft ausgebauten Minihäuser stehen, und ringsherum ist es grün, der Himmel blau, und vielleicht liegt sogar ein See hinterm Grundstück. Städter, die gegen die dreckige Enge rebellieren und ihr Glück auf dem Land suchen, wo Platz kein Problem ist und Kinder freien Auslauf haben. Dabei will der Städter ja eigentlich gar nicht aus der Stadt raus.

Die Problematik dieser Wohnform

Mein kleines Haus auf Rädern steht auf dem Parkplatz vom Millerntor, und das beschreibt die Problematik dieser Wohnform ganz gut. Tiny Houses müssen, sofern sie fahrbar sind, als Ladung angemeldet werden, oder sie gelten als Wohnwagen. Sie dürfen nicht höher als vier Meter und nicht breiter als 2,55 Meter sein, vor allem dürfen sie maximal 3500 Kilo wiegen. Wohnwagen dürfen höchstens zwei Wochen am Stück unbewegt im öffentlichen Raum stehen – dort, wo es nicht verboten ist. Übernachten darf man allerdings nur eine Nacht und dabei auch keine Möbel vor das Haus stellen. Wem ein täglicher Umzug zu stressig ist, der kann den Wagen mit Genehmigung auf ein Privatgelände wie das Millerntor stellen, darf aber maximal vier Monate im Jahr dort wohnen – oder muss seinen Erstwohnsitz dort anmelden.

Alternativ kann man das Tiny House vom Hänger heben und dauerhaft abstellen, dann gilt aber: Haus ist Haus. Und ein Haus muss sich an die Bauverordnung halten, muss also an Wasser und Abwasser angeschlossen sein, freie Rettungswege haben und mindestens einen Meter breite Treppen; um nur einige der Vorgaben zu nennen. Einziger Ausweg: offiziell nicht dauerhaft dort wohnen. Aber es soll ja um einen erschwinglichen Wohnsitz gehen und nicht um ein Domizil für Wochenendminimalismus, von Montag bis Freitag aber bitte wieder drei Zimmer, Küche, Bad.

2016 zogen fast 20.000 Menschen nach Hamburg, laut Prognosen könnte Hamburg schon 2035 knapp 1,9 Millionen Bewohner zählen. Da wird die Bescheidenheit irgendwann zur Notwendigkeit, man wird kaum noch zu zweit auf 90 Quadratmetern wohnen können. Sind Minihäuser also wirklich eine Option, um dem ungebrochenen Zuzug nach Hamburg gerecht zu werden und bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, gar bezahlbares Eigentum?

Stadtplaner André Poitiers baut an Großprojekten wie der Neuen Mitte in Altona mit. Er fragt sich immer wieder, wie das Hamburg der Zukunft seinen Bürgern bezahlbaren Wohnraum ermöglichen kann.

Im besten Fall sollte die Größe des Wohnraums mit der Anzahl an Menschen korrespondieren, die sie bewohnen, so wie es in der Genossenschaft häufig der Fall ist, erklärt Poitiers. Stattdessen fänden sich bei Airbnb riesige Wohnungen, in denen gleich mehrere Zimmer am Wochenende vermietet würden, weil sie nicht gebraucht würden. "Aber das 35-Quadratmeter-Wohnzimmer sollte eben nicht bei Airbnb vermietet werden, sondern eine Familie in diesen Räumen wohnen, die Platz braucht."

Statt für die Ewigkeit zu bauen – wieso nicht auf- und abbaubare Wohnmodule nutzen?

Poitiers ist dafür, für kurz- oder längerfristiges Wohnen modulare Systeme zu nutzen. Da, wo auf Jahre ohnehin keine anderen Bauprojekte verwirklicht werden, zum Beispiel im Hafen. Der soll umstrukturiert werden, bis dahin stehen viele Flächen leer. Gäbe es Module, die zu geringen Kosten seriell gefertigt, abtransportiert und an anderer Stelle problemlos wieder aufgebaut werden könnten, hätte man die Möglichkeit, neuen Wohnraum zu schaffen, aber ohne diese Ewigkeit im Nacken, die ein Hausbau in Deutschland ja immer suggeriert. "Stellen Sie sich so ein Haus vor wie einen Ford Transit. Erst ist da nur der Bus, dann baut man ein Bett, Schränke, Küche und ein Klappdach ein, je nach Bedarf", sagt Poitiers. Es gehe darum, dort Urbanität zu schaffen, wo langjährige Planungsverfahren die Stadt ausbremsen.

"Aber es bringt eben nichts, ein paar dieser Häuser besonders exklusiv in der Stadt zu platzieren, wie ein Manifest des politischen Protests", so der Stadtplaner. Größer denken ist seine Devise. Was wohl die Behörde für Stadtentwicklung dazu sagt?

Man beobachte das. Aber derzeit gebe es kein Bestreben, bestehende Regelungen umzuschreiben. Man erinnert mich auch nochmals ans geltende Baurecht.

Letztlich geht es um effiziente Raumnutzung. Dieses Versprechen kann ein einstöckiges Tiny House natürlich für den Einzelnen einlösen, für die Stadt könnte es schwierig werden.

Es wird spät in meinem Tiny House, die Dämmerung leuchtet alles blau aus. Tochter und Freund sind nach Hause gefahren. Im Etagenbett wollten wir dann doch nicht zu dritt schlafen. Als ich dort liege, fühle ich mich wie in der Jugendherberge. Am nächsten Morgen schaue ich aus dem Fenster auf die tanzenden Türme. Ich fühle mich klein, und das ist schön. Im Kopf richte ich das Tiny House nach meinen Ideen ein: Okay, ein Anbau für das Kind wäre schon nötig, ich möchte die Winterabende nicht flüsternd im gleichen Raum verbringen müssen. In den Urlaub würden wir das Haus mitnehmen – und nie wieder packen. Ich schließe ab und fahre zu unserer neuen Wohnung, die wir dann doch noch gefunden haben, viereinhalb Zimmer mit Garten.

Ich weiß: Ich bin das Problem. Aber vielleicht kann ich ja irgendwann Teil der Lösung sein.