Ich bin in Turkmenistan, einer isolierten Diktatur in Zentralasien mit vergoldeten Statuen und einem obsessiven Hang zur Pferdezucht. Es vergehen vier Tage, bis ich einem Turkmenen begegne, dessen Englischkenntnisse ausreichen, um sich mit mir zu unterhalten. Er ist 16 Jahre alt und wohnt in der ärmlichen Kleinstadt Köneürgenç, die vor Urzeiten mal das Zentrum der islamischen Welt war, ehe Dschingis Khan sie zerstörte. Und er ist der Einzige im Ort, der nach 20 Uhr noch Essen serviert, im Imbiss seiner Eltern, in dem nur ein Gericht auf den Tisch kommt: Futschi, eine Art Hackfleischkuchen. Im Fernseher läuft ein turkmenisches Rap-Video.

Ich: Weißt du, wann heute Abend die Nachrichten kommen?

Er: Es ist gleich so weit. Wieso fragst du?

Ich: Ich würde die gerne mal sehen. Aus Neugier. Kannst du vielleicht umschalten?

Er: Na klar.

Er schaltet um, rechtzeitig zum Vorspann. Pferde galoppieren durchs Bild, untermalt von dramatischer Musik. Ein Moderator spricht drei Sätze in die Kamera, dann folgt minutenlang eine Rede des turkmenischen Präsidenten.

Ich: Magst du ihn?

Er: Ja, sicher. Er ist ein guter Präsident. Ein starker Mann.

Ich: Verstehe. Kommen denn da gleich noch Nachrichten aus anderen Ländern?

Er: Was meinst du?

Ich: Na ja, ob da im Fernsehen noch gezeigt wird, was gerade in Russland oder Amerika passiert, zum Beispiel.

Er: Nein, wieso denn? Es sind doch turkmenische Nachrichten.

Ich: Wo hast du eigentlich Englisch gelernt? Das spricht doch sonst keiner hier.

Er: Ich besuche nach meiner richtigen Schule noch eine Förderschule. Ich kann dir auch mein Englischbuch zeigen, wenn du willst.

Er läuft in die Küche und kommt mit einem Buch zurück.

Er: Hier, das machen wir gerade.

Er schlägt eine Doppelseite auf. Es sind zwei Texte abgedruckt, einer über Exilfranzosen in London und einer über das britische Königshaus.

Ich: Weißt du denn, was diese Frau hier macht? Die Königin von Großbritannien?

Er: Ich bin mir nicht so sicher.

Ich: Und wenn ich das fragen darf: Hast du eigentlich eine Freundin?

Er: Ja. Ich kann dir ein Foto zeigen, wenn du willst.

Er kramt sein Handy heraus.

Er: Findest du sie hübsch?

Ich: Ja, sie ist wirklich schön. Ist deine Freundin Russin?

Er: Nein, sie ist Turkmenin. Wie kommst du darauf?

Ich: Ich dachte nur, weil sie irgendwie ein wenig russisch aussieht.

Er: Kannst du mir auch ein paar Fotos von Deutschland zeigen?

Ich: Gerne, wenn du willst. Ich schau mal, was ich in letzter Zeit mit meinem Handy fotografiert habe. Ich kann hier leider nichts googeln, weißt du?

Er: Ach so.

Ich: Schau mal, hier bin ich als Ente verkleidet. Das machen wir jeden Februar. Es heißt Karneval. Alle ziehen sich ein Kostüm an und betrinken sich für ein paar Tage.

Er: Okay.

Ich: Und das hier habe ich vor der Reise gespeichert. Ein Foto von deinem Präsidenten mit unserer, na ja, Präsidentin.

Er: Warte kurz, das muss ich meinem Vater zeigen. Papa!

Er nimmt mein Handy mit zum Tresen, wo sein Vater gerade Gläser spült. Der murmelt unbeeindruckt etwas auf Turkmenisch. Sein Sohn setzt sich zurück zu mir.

Ich: Das Foto hier ist interessant: Diese Menschen mit den Fahnen, siehst du?

Er: Ja, was ist mit denen?

Ich: Die demonstrieren, weil sie mit unserer Präsidentin unzufrieden sind. Die wollen, dass sie zurücktritt.

Er: Aha.

Ich: Und das hier ist unser Parlament.

Er: Moment! Darf man sich bei euch einfach so auf diese Wiese setzen? Direkt vors Parlament?

Ich: Na klar darf man das.

Er: Merkwürdig. Bei uns darf man das nicht.

Ich: Ich weiß. Ich war vor ein paar Tagen in eurer Hauptstadt und hab’s versucht.

Er: Da fahre ich demnächst auch wieder hin.

Ich: Schön, wieso denn?

Er: In Urlaub mit meiner Familie.

Ich: Warst du eigentlich je in einem anderen Land?

Er: Nein.

Ich: Macht man das überhaupt bei euch?

Er: Ich kenne ein paar, die mal in Russland waren. Aber ich glaube, es ist nicht so leicht.

Ich: Auch nicht Usbekistan? Die Grenze ist nur zehn Minuten entfernt.

Er: Ich weiß nicht.