Was für die Armee eine Übung ist, ist für die Kühe auf der Alp Oberchäseren bei Amden ein Ernstfall: Sie drohen zu verdursten. Weil die Vorräte aufgebraucht sind, hilft die Schweizer Luftwaffe und fliegt mit ihren Helikoptern das ersehnte Wasser in die Höhe. Das tut sie in diesen trockenen Tagen und Wochen nicht nur im Kanton St. Gallen, sondern auch in Appenzell-Innerrhoden und Glarus.

Die Schweiz, das Wasserschloss Europas, der Quell der Flüsse Rhone, Rhein, Tessin und Inn, trocknet aus – schon wieder. Nach dem Jahrhundertsommer 2003, dem trockenen Frühsommer 2011 und dem Hitzesommer 2015 erlebt das Land heuer erneut eine Extremsituation, wie sie eigentlich nur alle paar Jahrzehnte auftreten sollte.

Seit Monaten hat es zu wenig geregnet. Die Pegel der Flüsse und vieler Seen sind zu niedrig, die Wassertemperaturen teilweise so hoch, dass ein Fischsterben droht. Zudem herrscht im nördlichen Alpenraum sowie im Wallis große bis sehr große Waldbrandgefahr, mit Feuerverboten in fast allen Kantonen.

Das Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie (MeteoSchweiz) spricht von "extremer Regenarmut" und "Rekordwärme". Die Schweiz erlebe die "niederschlagsärmste April-Juli-Periode seit fast 100 Jahren". Im Nordosten des Landes fehlt die Regenmenge von zwei ganzen Monaten.

"Wenn der Regen noch länger ausbleibt, dann erleben wir eine Extremsituation wie im Hitzesommer 2003", sagt Massimiliano Zappa. Er ist Hydrologe an der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL). Der Sommer vor 15 Jahren gilt mit seinen Rekordtemperaturen, den Dürren und den Zehntausenden Hitzetoten als eine der größten Naturkatastrophen Europas.

Früher schützten sich die Schweizer vor Wasser, heute kämpfen sie gegen Dürren

Ein trockener Sommer wie dieses Jahr, sagen Schweizer Klimaforscher wie Reto Knutti von der ETH Zürich, sei ein Vorbote dessen, was in einigen Jahrzehnten hierzulande normal sein wird. Laut den Klimamodellen nimmt in der Schweiz zwar der winterliche Niederschlag zu; er fällt dann meist als Regen, nicht als Schnee. Im Sommer aber regnet es künftig seltener – und weil gleichzeitig die Gletscher verschwinden, fehlt deren Schmelzwasser. Es wird noch trockener.

Lange konnte sich in der Schweiz niemand vorstellen, dass Quellen versiegen oder Bäche austrocknen würden. Hier, wo die Grundwasservorräte groß, die Seen zahlreich und selbst im Sommer die Flüsse voll sind. Sechs Prozent der Süßwasservorräte des Kontinents liegen in der Schweiz. Wasser war stets im Überfluss vorhanden. Ein Überfluss, der häufig zur Gefahr wurde. Seit Jahrhunderten wappnet sich das Land gegen Überschwemmungen und Hochwasser. Bereits im 15. Jahrhundert sind erste Gewässerkorrekturen zum Schutz vor Überschwemmungen dokumentiert, etwa bei der Engelberger Aa. Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts begradigten die Schweizer fast alle Flüsse, legten die Sumpflandschaften trocken, bauten Stauseen und Wehre. In erster Linie, um Strom zu erzeugen, aber auch, um der Fluten besser Herr zu werden. Noch immer fließen Milliarden in den Hochwasserschutz.

An Trockenheit und Dürre dachte kaum jemand im Land. Dieses fehlende Bewusstsein war wohl der Grund, weshalb die Schweiz erst relativ spät damit begann, sich auf die wasserlosen Sommer einzustellen. Das glaubt der Wasserexperte und Chemiker Klaus Lanz vom unabhängigen Forschungsinstitut International Water Affairs in Evilard bei Bern. Lanz forscht seit Jahrzehnten zu Wasserthemen und sagt: "Über viele Jahre haben sich die Verantwortlichen in falscher Sicherheit gewiegt. Man hatte die Vorstellung, dass in der Schweiz das Wasser nie ausgeht."

Das Umdenken geschah erst, als das Wasser langsam knapp wurde, wie im Sommer 2003. "Das war der Warnschuss", sagt Wasserexperte Lanz. Bis dahin fehlten Maßnahmen gegen die Trockenheit.