Zeitungen! Kinder, kennt ihr das? Das waren große Seiten aus meist weißem Papier, darauf waren Nachrichten gedruckt, Meldungen, Fotos, vielerlei Wissenswertes, Kommentare, dazu tolle Schwänke aus aller Welt. Lange her, alte Geschichte, Presse hieß das. Opa hat es noch gekannt.

Kann man sich inzwischen gut vorstellen, diese Familienszene, in ein paar Jahrzehnten wird es vielleicht so weit sein. Da werden Nachrichten und Kommentare, auf weißes Papier gedruckt, eine Erscheinung aus der Vorzeit sein.

Und doch war die Presse mal Avantgarde, die Technik von morgen: Vor 400 Jahren wurde in Hamburg die erste Zeitung gedruckt. Nicht die welterste Zeitung überhaupt. Die kam schon 13 Jahre zuvor aus der Presse, 1605 in Straßburg. Aber die erste Hamburger Zeitung.

Damals, im Dreißigjährigen Krieg, den die Hansestadt rund und gesund überstand, begann der Aufstieg zur Pressemetropole. Die Blätter, die hier erschienen, machten Epoche. Das bekannteste, der Hamburgische Correspondent, 1712 gegründet, überrundete selbst die Times und meldete um 1800 die höchste Auflage in Europa. Erst zur Kaiserzeit verlagerte sich das deutsche Medienzentrum Richtung Berlin. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg war Hamburg wieder da und stieg in wenigen Jahren auf zur Pressehauptstadt der Republik.

Nachrichten, Meldungen, vielerlei Unerhörtes und Wissenswertes aus aller Welt, auf Papier gedruckt: Das war 1618 etwas ganz Neues. Bis dahin gab es "Zeitungen", das heißt "Neuigkeiten", nur als handgeschriebene Rundbriefe, mühsam kopiert für einen kleinen Kreis hochmögender Abonnenten. Der Frachtmakler Johann Meyer hatte mit seinem Schwiegervater Hans Schrenck schon einige Jahre solch Infopost verfertigt. Jetzt packte ihn das Start-up-Fieber. Wöchentliche Zeitung auß mehrerley Örther nannte er sein neues Blatt, für uns heute etwas umständlich, damals klar und wahr. Vier Seiten, straffes Layout und noch ganz ohne Hintergedanken an Zeitungsdesign- und Reporterpreisjurys ausschließlich für den wissenshungrigen Leser gemacht respektive zur "Ersettigung vieler Menschen Begirlichkeit".

Die Meldungen kommen per Schiff, per Post. Die Redaktion sind Herr Meyer und ein paar Helfer. Einmal in der Woche wird gedruckt, von 1630 an zweimal, seit 1646 erscheint das Blatt dann dreimal wöchentlich. Jeder kann es kaufen bei den Buchhändlern der Stadt.

Wer in den ersten Ausgaben blättert, der entdeckt Meldungen aus Rom, Venedig, Lyon, Den Haag und Köln. Vor allem aber das Neueste aus Wien und Prag, wo gerade, wenige Wochen nach dem Prager Fenstersturz, jene Krise hochkocht, die Europa in den Dreißigjährigen Krieg führen wird. Es gibt die bis heute üblichen Hofnachrichten aus der hohen Politik, Meldungen von Kriegsschauplätzen und zur Wirtschaft. Noch nicht vorhanden sind Feuilleton, Sportteil, Leitartikel und Schach-Ecke. Und schon damals "wird berichtet" und "verlautbart" und "bestätigt" (confirmiert), dass es alles stimmt!

Meyers Blatt wird zunächst von dem Drucker Paul Lange gedruckt, dann, nachdem Meyer 1000 Mark Lübisch in eine eigene Druckerei investiert hat, von ihm selbst. Bald schon muss er sich erster Konkurrenz erwehren: 1630 bringt der kaiserliche Postmeister Hans Jacob Kleinhans in Hamburg eine eigene Post-Zeitung heraus. Nach Meyers Tod führt seine Witwe Ilsabe für einige Jahre das Haus allein, Hamburgs erste Zeitungsverlegerin.

Heute sitzen die Verlagsherren der Hamburger Zeitungen und Zeitschriften in Köln und Essen, Gütersloh und Stuttgart. Vielleicht ist auch das ein Grund dafür, dass zum großen Jubiläum nicht die kleinste Feier steigt. Von der Stadt Hamburg selbst ist ohnehin nichts zu erwarten. Sie hat bekanntlich keinen Sinn für Geschichte. Das Hamburger Pressemuseum kam nie zustande, das wichtigste wissenschaftliche Institut, die "Deutsche Presseforschung", erblühte unter Holger Böning an der Universität Bremen, und das Land Bayern sicherte sich gerade die einzigartige Sammlung des Pressehistorikers Martin Welke – für Augsburg.