Hin und wieder fragt man sich, wie es gelingen kann, in einem Museum heimlich ein Bild abzuhängen, in die Tasche zu stecken und davonzuspazieren. Rein operativ sollte das unmöglich sein: Elektronische Lichtschranken, Kameraüberwachung, Garderoben, bei denen größere Gepäckstücke abgegeben werden müssen. Niemand kommt mit einem Koffer an Wärtern vorbei. Es gibt natürlich die brutale Variante. Im Jahr 2004 rissen zwei schwer bewaffnete und maskierte Männer die Gemälde Der Schrei und Madonna von den Wänden des Osloer Munch-Museums und stürmten davon. Norwegen stand unter Schock. Die auf 100 Millionen Euro geschätzten Bilder tauchten glücklicherweise wieder auf.

Nun ist aus dem Klappentext des neuen Romans von Susanne Falk zu erfahren, die Hauptfigur namens Anatol würde ein Bild von Marc Chagall aus einer Ausstellung stehlen. Ehrlich gesagt, habe ich den Roman nur gelesen, weil ich neugierig war, wie Anatol das hinkriegt und ob die Schriftstellerin Anatols Kunstdiebstahl plausibel schildert. Ich hatte Zweifel: Lichtschranke, Kameraüberwachung, Wärter. Romane bestehen ja nicht nur aus Poesie und Fantasie, sondern auch aus empirisch verlässlicher Darstellung der Welt. Wenn eine Romanfigur ein Dieselauto fährt, kann sie nicht Benzin tanken. Wenn sie von Hamburg nach Indien trampt, sollte sie sich wenigstens einen Absatz lang darüber Gedanken machen, dass die Route durch Afghanistan führt.

Susanne Falk findet eine einleuchtende Lösung für den Chagall-Klau. Entscheidend ist zunächst Anatols Berufswahl. Der verschlafene Sprössling einer großbürgerlichen, reichlich anachronistischen Wiener Familie soll Jura studieren. Darauf hat er keine Lust. Stattdessen bewirbt er sich als Museumswärter, weil man für diesen Job nichts können muss außer herumstehen und auf Leute mit Koffern aufpassen. Während einer Chagall-Ausstellung verknallt er sich in eine junge Frau, die stundenlang vor dem Bild Traum der Liebenden steht. Er ist zu schüchtern, sie anzusprechen, bald darauf wird die Ausstellung abgebaut.

Am Abend des Abbaus stehen die Chagall-Bilder im Hof und sollen in einen Laster eingeladen werden. Anatol und sein Kollege Gerhard sind abkommandiert, die Verladung zu bewachen. Gerhard muss mal, und Anatol ist für paar Minuten mit den Chagalls allein. "Da ergriff er das Bild, hielt es mit beiden Händen am leichten Rahmen fest und marschierte los." Klingt simpel, aber machbar.

Zwei Dinge müssen noch erwähnt werden. Erstens: Der Traum der Liebenden misst 61 x 60 Zentimeter. Zweitens: Der Inhalt von Romanen ist nicht als Handlungsanweisung im Sinn der Nachahmung zu verstehen.

Susanne Falk: Anatol studiert das Leben
Roman; Picus Verlag, Wien 2018; 359 S.; 18,– €