Gleich geht es um Gott, aber erst kommt die Band. Schlagzeug, Bass, Klavier eröffnen den Sonntagsgottesdienst in Hendersonville. Die Frauen schwenken die Arme wie im Rockkonzert, die Männer mit den Rauschebärten könnten auch Metalfans sein. Dann startet Pastor Bill Campbell seinen Aufruf zum frommen Widerstand. Es ist ein heller Augustmorgen, draußen die nordamerikanischen Wälder, drinnen der hagere Pastor, er läuft vorm Altar auf und ab wie ein Boxer vorm Kampf. Campbell spricht über die Ursprünge des Christentums auf dem Gebiet der heutigen Türkei. Er spricht über Gott, der nicht nur gut Wetter macht, sondern auch Sturm, über Gott, der dich nicht nur erlöst, sondern auch prüft. "So wie Andrew! So wie in der Türkei!" Laut ruft Pastor Campbell ins Mikro: "Doch Gott gibt ihm Kraft! Geben auch wir ihm Kraft! Beten wir für ihn! Holen wir Andrew aus dem Gefängnis!"

Die presbyterianische Kirche von Hendersonville, North Carolina, liegt sonst weit weg von der Politik. 13.000 Einwohner, 500 Gemeindemitglieder. Die Berge hier reichen bis zum Horizont. Jetzt ist das Städtchen jedoch Bühne für einen internationalen Konflikt: Es geht um Sanktionen Washingtons gegen Ankara, es geht um Religionsfreiheit, es handeln Präsidenten und Außenminister. Und nebenbei wird der evangelikale Pastor Campbell, 61, der nie politisch sein wollte, zum politischen Aktivisten. Denn im Zentrum des Konflikts steht sein Amtsbruder Andrew Brunson, 50, Pastor desselben evangelikalen Verbandes. Seine Heimatgemeinde Montreat liegt nur wenige Kilometer von Hendersonville entfernt.

Brunson verließ die USA vor über 20 Jahren, um eine kleine "Auferstehungskirche" zu gründen, in Izmir, der türkischen Metropole am Meer. Die Kirche hatte nur zwei Dutzend Mitglieder, aber Brunson galt daheim beinahe schon als Türke, als er 2016, kurz nach dem Putschversuch gegen Erdoğan, in der Türkei verhaftet wurde. Auch seine Frau wurde verhaftet, doch sie kam nach gut zwei Wochen frei. Er selbst blieb monatelang in einer überfüllten Zelle, sein Prozess wurde verschleppt, obwohl Washingtons Diplomaten hinter den Kulissen intervenierten.

Das Gericht in Izmir blieb hart: Pastor Brunson sei ein Spion und ein Putschist mit Verbindungen zur Arbeiterpartei PKK (die von den USA als terroristisch eingestuft wird) und zur islamischen Bewegung des Predigers Fethullah Gülen (der in den USA Schutz genießt). Brunson bestreitet alle Vorwürfe. Sollte er dennoch verurteilt werden, drohen ihm bis zu 35 Jahre Haft. Deshalb hat Washington den Konflikt jetzt eskaliert. 71 Senatoren schrieben zunächst noch einen Brief an Erdoğan, er möge den Pastor freilassen. Senator Thom Tillis aus North Carolina flog zweimal persönlich nach Ankara, saß im Prozess. Doch nichts half. Im Juli 2018 beschloss der US-Senat Sanktionen gegen die Türkei: Es wurden etwaige amerikanische Vermögen des türkischen Justiz- und des Innenministers eingefroren. Die US-Vorstände von Weltbank und Europäischer Bank für Wiederaufbau und Entwicklung wurden angewiesen, keine Kredite mehr an die Türkei zu vergeben, es sei denn zu humanitären Zwecken. Außerdem soll die Türkei keine F-35-Kampfjets von den USA mehr kaufen dürfen, Grund: der türkische Ankauf des russischen S-400-Raketenabwehrsystems und die Inhaftierung Brunsons.

Am 25. Juli immerhin wurde Brunson in Izmir in den Hausarrest entlassen. Doch er trägt eine Fußfessel, und der Streit der Politgiganten geht weiter: Präsident Trump twitterte, der Pastor werde "als Geisel gehalten". Präsident Erdoğan blaffte, Amerika müsse ihm erst den Prediger Gülen ausliefern. Die Außenminister Mike Pompeo und Mevlüt Çavuşoğlu trafen sich ohne Ergebnis: Man bleibe "im Dialog". Heißt: Brunson bleibt ein Gefangener der Türkei.

Deshalb gibt seine Familie daheim in Montreat keine Interviews, zu riskant. In Hendersonville dagegen beten und lobbyieren sie umso lauter. Pastor Campbell hat Geld gesammelt, nach dem Gottesdienst lädt er die Gemeinde in den Gesprächsraum: die Stühle im Kreis angeordnet, sonst legen sie hier die Bibel aus, aber heute geht es wieder um Brunson. "Der Pastor hat ein Opfer gebracht, als er in die Türkei ging, um unseren Glauben zu verkünden", sagt ein alter Herr, "jetzt in Haft opfert er sich ein zweites Mal." Die Gemeinde bemitleidet den Gefangenen nicht nur, sie bewundert ihn auch als Missionar. Nach seiner Verhaftung fasteten sie zwei Tage, und nun tragen sie Armbänder mit der Aufschrift "Pray for Andrew Brunson". Sie singen ein Lied, das er im Gefängnis geschrieben hat: "Du bist alles, alles wert. / Meine Tränen, meinen Schmerz – ich biete sie dir dar, / nun lehre mich dir nachfolgen im Leid! / Du Lamm Gottes, das mir alles, alles wert." Dann danken sie Gott für das Wunder der Sanktionen, und zum Schluss beten sie: nicht nur für Brunson, auch für Vizepräsident Pence und für Präsident Trump.

Die evangelikale Kirche, die Campbell führt und die der von Brunson nicht unähnlich sein dürfte, ist aus europäischer Sicht exotisch. Im Bible-Belt im Südwesten der USA, wo sich Gotteshaus an Gotteshaus reiht wie sonst nirgends im Land, ist sie aber typisch. Die Gläubigen, die man hier trifft, erzählen von Engeln, die ihnen erschienen seien, von bösen Geistern, die von ihnen Besitz ergriffen hätten. Die Evolutionstheorie halten die meisten für ein Ablenkungsmanöver gottloser Linker. Fast alle hier haben 2016 für Donald Trump gestimmt, viele sehen in ihrem Präsidenten ein Werkzeug Gottes: rüpelhaft, aber segensreich. Brunson gehört zur "Eco"-Bewegung innerhalb der presbyterianischen, also reformierten Kirchen der USA. "Eco" integriert Merkmale der stark wachsenden charismatischen Bewegung in traditionelle Gemeinden. Man glaubt an Geistheilungen und daran, dass durch das Gebet übernatürliche Kräfte frei werden. "Eco" ist konservativ, hält die Bibel für unfehlbar, doch ordiniert auch Frauen. So leitete Brunson seine Gemeinde in Izmir zusammen mit Ehefrau Norine.

Sein wichtigster geistlicher Unterstützer daheim, Pastor Campbell, ist verheiratet und hat drei Kinder. Die beiden Männer kennen sich nicht persönlich, Campbell kam erst vor 17 Jahren nach North Carolina, als Brunson schon weg war. Campbell sagt, aus Rücksicht auf Frau und Kinder habe er erst nicht in die Türkei reisen wollen. Doch eines Morgens gab Gott ihm ein: Bill, fahr los, du wirst gebraucht! Also reiste er in ein Land, von dem er nur wusste, dass es wunderschön, aber für Amerikaner alles andere als sicher ist, vor allem nicht für Freunde eines "Staatsfeindes". Die Regierung Trump hatte sich da noch nicht zu Brunson geäußert, stattdessen hielt Senator Thom Tillis eine Rede im Senat und kündigte an, jede Woche wieder aufzutreten. Brunsons Tochter verlas auf der nationalen Versammlung der Evangelikalen in Memphis Briefe ihres Vaters.