Atheisten halten Christen für verrückt. Das schrieb Valerie Schönian letzte Woche an dieser Stelle. Ich verstehe das. Christen glauben an einen Gott, der die Welt, auf der wir leben, nicht nur erschaffen hat, sondern der nach wie vor ihren Lauf ordnet. Wirklich stichhaltige Beweise gibt es für diese Annahme nicht. Man kann Gott nicht mit bloßem Auge sehen, als Schöpfergott nicht und als Heiligen Geist schon gar nicht. Jesus Christus, Gott-Sohn, konnte man während eines kurzen Zeitfensters in der Geschichte der Menschheit durchaus sehen und anfassen. Für alle Nachgeborenen heißt es seit knapp 2000 Jahren: nicht sehen und doch glauben. Oder eben gar nicht glauben.

Ich finde es nachvollziehbar, dass man die Existenz eines solchen unsichtbaren Wesens für Humbug hält. Wie einem die Frage nach Gott allerdings dermaßen egal sein kann, dass man nicht wenigstens versucht, eine Antwort darauf zu finden, kann ich nicht verstehen. "Ein Agnostiker ist jemand, der nicht mal gläubig genug ist, um Atheist sein zu können", erklärte der französische Schriftsteller Emmanuel Carrère in seinem Katholizismus-Bestseller Das Reich Gottes. Eben darum streite ich lieber mit Atheisten als mit Agnostikern oder postmodernen Synkretistinnen, die ein bisschen an das Universum glauben, ein bisschen an Karma, die hie und da mal versuchsweise meditieren. Sie sind spirituell, aber auf keinen Fall religiös. Sie sagen: Es müsse jeder für sich selber wissen, was er glaubt. Bei Atheisten ist die Gesprächsgrundlage wenigstens klar. Wir gehen beide davon aus, dass es auf die Frage nach Gott nicht beliebig viele richtige Antworten geben kann, sondern nur eine: ja oder nein. Ich sage, es gibt ihn. Sie sagen, es gibt ihn nicht.

Wenn Sie, liebe Nichtgläubige, mir erklären wollen, warum es diesen Gott, an den ich glaube, keinesfalls geben kann, versuchen Sie es erst mit Vernunft und Esprit. Sie versuchen es mit allen anderen Argumenten, die Ihnen einfallen, bevor Sie das Vulgärargument schlechthin bringen – die Kreuzzüge und Hexenverbrennungen. Der Verweis auf kirchliche Gewaltexzesse vergangener Jahrhunderte kommt in Diskussionen mit Atheisten fast immer, oft begleitet von einem triumphierenden Lächeln. Gerne würde ich mir dann spaßeshalber fassungslos mit der Hand an die Stirn fassen und rufen: "Das wusste ich ja gar nicht, da trete ich sofort aus der Kirche aus!" Ich habe den Einwand "Aber die Kreuzzüge!" schon so oft gehört, denken Sie nicht, er komme unerwartet.

Die Kreuzzugkeule nervt mich, weil sie ein Symptom dafür ist, dass jemand übertrumpfen, aber nicht diskutieren will, und weil sie impliziert, dass Christen nur über die Untaten ihrer Kirche aufgeklärt werden müssten, um ihr den Rücken zu kehren. Kaum ein halbwegs historisch gebildeter Christ wird bestreiten, dass die Kirche, lange Zeit Hand in Hand mit dem Staat, in Gottes Namen grausame Verbrechen begangen hat. Die Existenz eines liebenden Gottes lässt sich allein durch das Handeln einer Institution jedoch noch nicht widerlegen. Christen tragen Verantwortung dafür, dass im Namen ihrer Religion Frieden verbreitet und Gerechtigkeit geschaffen wird. Sie haben keine Schuld an den Fehlern vergangener Jahrhunderte.

Von einem Theologieprofessor, der länger in den USA gelehrt hat, habe ich gelernt, dass man versuchen soll, das Argument des Gegenübers möglichst stark zu machen, bevor man es kritisiert. Es verschafft einem nicht nur Respekt, wenn man in der Lage ist, die Stärken des Gegners zu würdigen. Sondern es sorgt auch für eine konstruktive Atmosphäre. Für das christlich-atheistische Gespräch würde das bedeuten, dass Atheisten dem Christentum nicht nur vorwerfen, die Sklaverei oder die Apartheid theologisch begründet zu haben, sondern auch anerkennen, dass es vor allem Christen waren, die sich für ihre Abschaffung eingesetzt haben!

Neben all den Deutschen Christen, Mitläufern wie überzeugten Nazis, gab es auch christlich motivierten Widerstand gegen die Nationalsozialisten. Und die amerikanische Bürgerrechtsbewegung wurde von einem Baptistenpastor angeführt. Wenn Sie behaupten, dass die Welt ohne Religion eine bessere, friedlichere wäre, dann ist es einseitig, das Engagement von Christen für arme, unterdrückte oder verfolgte Menschen auszublenden. Auch, wenn Sie zu Recht darauf hinweisen, dass Christen zugleich unterdrückt und ausgebeutet haben. Das ist Differenzieren für Anfänger.

Für Atheisten mag es keine Rolle spielen, was auf der Kirche draufsteht, in der sich Christinnen und Christen zum Gebet versammeln. Sie alle sitzen aus ihrer Sicht dem Irrtum auf, an ein höheres Wesen zu glauben. Für die meisten gläubigen Menschen hingegen ist ihre Konfession oder Denomination entscheidend dafür, wie sie sich als Christ verstehen, allen postkonfessionellen Tendenzen zum Trotz. Ein nigerianischer Pfingstler und eine brasilianische Katholikin unterscheiden sich nicht nur in ihrer Frömmigkeitspraxis, sondern auch bezüglich der Glaubenssätze, die für sie unverhandelbar sind.

Hoffnung ist kein Zuckerschlecken

Vermutlich werden sie sich gegenseitig nicht einmal als vollgültige Christen anerkennen. Ägyptische Kopten und norwegische Lutheraner, Mennoniten, Mormonen und die anthroposophische Christengemeinschaft – sie alle glauben an den dreieinigen Gott, aber eben in höchst unterschiedlichen Traditionen. Das ist Differenzieren für Fortgeschrittene. Unterstellen Sie Ihrer Gesprächspartnerin nicht, dieses oder jenes für wahr zu halten, weil sie Christin ist. Fragen Sie nach! "Was glaubst du?" Was ist für dich an deinem Glauben zentral? Wie wirkt es sich auf diesen Bereich deines Lebens aus, dass du Christ bist? Möglicherweise finden Sie, dass so viel Vielfalt eine Religion unglaubwürdig macht, doch aus christlichem Selbstverständnis heraus ist diese Polyfonie keine Schwäche, sondern nur konsequent. Schließlich berichten gleich vier Evangelien vom Leben und Sterben Jesu und setzen dabei unterschiedliche Akzente.

Der Glaube ist einem Christen heilig. Auch Menschen, die nicht an eine höhere Macht glauben, haben etwas, das ihnen heilig ist. Sie würden dieses religiöse Wort dafür nicht gebrauchen, aber es gibt Personen oder Werte, die ihnen besonders wichtig sind. Vielleicht die Familie, Umweltschutz oder der HSV. Es ist verletzend, wenn jemand die eigenen Kinder angreift oder das Engagement beim Nabu verhöhnt. Gläubige jeder Religion erfahren regelmäßig, dass man sich über ihr Allerheiligstes lustig macht, sei es durch Karikaturen des Propheten oder die dummen Witze meines Fahrlehrers, der das Vorfahrtszeichen immer als "dicken Jesus am Kreuz" bezeichnete.

Als religiöser Mensch muss man Kritik und Spott aushalten. Man sollte sich jedoch als Atheist klarmachen, dass man seinen Anspruch auf einen fairen Dialog durch Aggression und Zynismus verwirkt. Valerie Schönian schreibt, dass man "mit Kant, Knigge oder den Hausregeln von Mutti" als moralischem Kompass ebenso weit komme wie mit Gott. Abgesehen davon, dass sowohl Kant als auch Knigge (und in meinem Fall auch meine Mutter) von der Existenz Gottes ausgingen, scheinen Moral und Sittlichkeit nur zu funktionieren, wenn man nicht nach Belieben eine Ausnahme machen kann. Begegnen Sie, liebe Atheisten und Atheistinnen, dem, was Gläubigen heilig ist, mit Respekt, auch wenn Sie es nicht verstehen. Oder wie Freiherr Knigge sagen würde: "Gehe nie aus einem Gespräch, ohne dem anderen die Gelegenheit zu geben, mit Dankbarkeit an dieses Gespräch zurückzudenken."

Oft reicht es Atheisten nicht, wenn ich von meinem Glauben erzähle. Sie fordern mich heraus und erwarten, dass ich mich dafür rechtfertige. Ein Atheist muss sich heute aber nicht mehr erklären oder gar rechtfertigen. Er weiß daher auch nicht, wie unangenehm es ist, in eine Verteidigungshaltung gedrängt zu werden. Nur bin ich keine linientreue Kirchensoldatin. Ich glaube, so etwas gibt es schon lange nicht mehr. Es gibt viele Fragen, auf die ich keine Antwort habe. Meistens beginnen sie mit "Warum lässt Gott das zu, dass ...?". Es scheint mir, als wären das Auf und Ab, das gelegentliche Hadern und das Glück des Wiederfindens einem Atheisten fremd. Atheismus ist eine Überzeugung, Glauben ein Beziehungsgeschehen. Und natürlich gibt es die Momente, wo es mir nicht leichtfällt, auf das zu vertrauen, was ich doch eigentlich glaube und predige, nämlich dass Gott spürbar Chaos in Leben verwandelt, befreit, beschützt und froh macht.

Hoffnung ist kein Zuckerschlecken. Erklären Sie mir daher bitte nicht, liebe Nichtgläubige, ich machte es mir leicht. In einem Zeitalter, in dem man sich ohne Gott einen Regenbogen oder die Geburt eines Kindes erklären kann, und das Weltall gleich dazu, ist der Glaube keine einfache Option für Denkfaule.

Der Atheismus ist in Mittel- und Nordeuropa längst eine Mehrheitsmeinung. Abgeordnete müssen ihren Eid nicht mehr auf die Bibel leisten, und in staatlichen Schulen hängt kein Kreuz mehr im Klassenzimmer. Atheisten haben sich dafür eingesetzt, dass der Staat die gleiche Emanzipationsbewegung vollzieht, die sie selber durchlaufen haben: weg von der Kirche. Von den christlichen Kirchen fordern sie Toleranz und den größtmöglichen Freiraum. Sie sollen ihnen nicht reinreden in die Bildung ihrer Kinder oder in ihren Anspruch darauf, das Ende ihres Lebens im Krankheitsfall selbst zu bestimmen. Sie nehmen Toleranz in Anspruch und sind doch selber intolerant, zum Beispiel wenn es um das sogenannte "Tanzverbot" geht, das Tanzveranstaltungen am Karfreitag untersagt. Alljährlich sind die sozialen Medien an diesem Tag voll von Wut und Verachtung gegenüber den Kirchen, die die Atheisten für diese Einschränkung ihrer Freiheit verantwortlich machen.

Immer wieder wurde gegen die stillen Feiertage geklagt, mit dem Ziel, an jedem der 365 Tage im Jahr feiern gehen zu können, wenn man denn will. Nun können atheistische Interessenverbände so viel klagen, wie sie wollen, gegen religiöse Symbole oder Ruhetage. Eine starke Zivilgesellschaft aber lebt vom gegenseitigen Verständnis füreinander. Quid pro quo statt eine Verfassungsklage nach der nächsten. Wer Toleranz eingefordert und errungen hat, sollte auch selber dem Andersdenkenden gegenüber tolerant sein – vor allem, wenn eine ehemalige Minderheit – die Kirchenfernen – dabei ist, Mehrheit zu werden.