In der Schweiz fehlen ausgebildete Bergführer. Immer weniger Junge interessieren sich für diese verantwortungsvolle Arbeit. Carla Jaggi hat die harte Ausbildung durchgestanden. Unser Autor ist mit ihr auf den Mönch gestiegen.

Ich treffe Carla Jaggi an einem sonnigen Morgen Ende Juli in einem Restaurant an der Talstation der Jungfraujochbahn in Grindelwald. Sie ist zierlich, hat die Locken zu einem Zopf geflochten, trägt eine schwarze Schildmütze, Berghosen und eine blaue Jacke. Wäre da nicht das Abzeichen auf ihrem Ärmel, das sie als Bergführerin ausweist, man würde sie kaum als solche erkennen. Auf ihrem Instagram-Profil schreibt sie über sich selbst: "Schweizer Bergführerin (kein Witz)". Wenn man sich online durch ihre Fotos klickt und sieht, wie sie gefrorene Wasserfälle raufklettert und von 4000 Meter hohen Bergen mit dem Gleitschirm springt, denkt man: Die Frau muss verrückt sein.

Ich merke, wie fix das Bild ist, das ich von einem Bergführer habe: Er hat eine irre Kondition, grenzenlos viel Kraft, bewahrt im gefährlichsten Schneesturm die Ruhe und ist verantwortlich für das Leben seiner Gäste. Und: Er ist ein Mann. In 97 Prozent der Fälle ist er das auch, das zeigen die aktuellen Zahlen.

Carla Jaggi ist weder alt noch ein Mann, sie ist kein Kraftpaket, sondern wiegt zurzeit 48 Kilogramm, im Winter sind es 52, aber die Strapazen im Sommer kosten sie stets vier Kilo. Sie ist eine von 31 Frauen in diesem Metier. Und mit 27 Jahren die jüngste Bergführerin der Schweiz.

Wie schafft sie das?

Halb sieben, die Matten schimmern blassgrün im milchig-frühen Sonnenlicht. Das Dorf schläft noch, aber an der Bahnstation wuseln Bergsteiger und japanische Touristen durcheinander, Windjacken streifen Pelzmäntel. Über der Szenerie thront das eindrücklichste Dreiergespann der Alpen: die schneeweiße Jungfrau, der himmelsstürmende Eiger, der gelassene Mönch.

Carla Jaggi bestellt Kaffee und spricht mit ihrem Freund Julian Zanker. Auch er ist Bergführer. Die beiden haben sich während des letzten Kurses ihrer dreijährigen Ausbildung kennengelernt. Im letzten September schlossen sie ab. Wann immer es geht, sind sie zusammen unterwegs. Täte einer etwas anderes, sähen sie sich nie.

© ZEIT-Grafik

Jaggi will heute die deutsche Lena Hellmann auf den 4107 Meter hohen Mönch führen; sie hat die Tour bei Jaggi gebucht, Julian Zanker ist dabei, um mich zu sichern. Der Mönch gilt als leichtester der drei Riesen über Grindelwald. "Das heißt aber nicht, dass er ein leichter Berg ist", sagt Jaggi. In ihrem Rucksack schleppt sie Seile, Klettergurte, Karabiner und Steigeisen, in der Hand hält sie einen Eispickel mit einem Holzschaft, in den ihr Name eingraviert ist. Er wiegt zwar mehr als ein moderner aus Metall, aber Jaggi mag den Gedanken, einen Pickel auf den Gipfel zu tragen, wie ihn Bergführer vor hundert Jahren benutzten.

Mit der Zahnradbahn fahren wir aufs Jungfraujoch. Seit Tagen hat Jaggi die Bedingungen am Berg im Auge, holt bei befreundeten Führern Informationen ein. Kurz steht die Tour auf der Kippe, weil das Gewitterrisiko am Nachmittag hoch schien. Heute ist die Sonne ein Thema, weil sie den Schnee aufweicht und den Berg gegen den späten Nachmittag unbegehbar macht. "Diese Tour hat eine Tücke", sagt Jaggi, "den Grat vom Vorgipfel auf den Hauptgipfel." Schmal sei der, ausgesetzt, links und rechts falle der Berg ins Nichts.

Ein Japaner mit Sneakers fragt, ob er uns folgen dürfe. "Not possible, sorry!"

Vom Jungfraujoch marschieren wir wie viele andere auf sicherer Spur Richtung Mönchsjochhütte. Dann bleibt Jaggi stehen und weist uns an, die Klettergurte anzulegen. Wir verbinden uns mit langen Seilen zu Zweiergespannen. Ein Japaner mit Sneakers an den Füßen und Red-Bull-Dose in der Hand beobachtet uns, fragt, ob er uns folgen könne. "Not possible, sorry!", sagt Jaggi. Sie schlüpft unter einer Absperrung hindurch und geht voran auf ein offenes Gletscherfeld. Wir folgen ihr und müssen 20 Meter Abstand halten. Das Seil schleift locker zwischen mir und Julian Zanker am Boden. Bricht der Schnee ein, weil unter der Decke eine Gletscherspalte klafft, würde ich nur so tief fallen, bis das Seil gespannt ist; mein Seilpartner würde mich halten. So zumindest der Plan. Im schlechtesten Fall reiße ich ihn mit in die Spalte.