Organisten mit Konzert-Diplom sind im Gottesdienst oft unterfordert: Die drei Akkorde, die nötig sind, um die einfach gestrickten Kirchenlieder zu begleiten und falsche Stimmlagen einzufangen, füllen sie nicht aus. Wohl deshalb gibt es vielerorts die "Orgelsommer", bei denen die Musiker alle Register ihres Könnens ziehen können.

Unter ihnen ragt der eintägige "Berner Orgelspaziergang" heraus, der am 18. August dieses Jahres zum 15. Mal stattfindet. Er ist Kult, weil er die Sphäre des Musikalischen verlässt und sich mit hochrangiger Literatur verbindet. Jedes Jahr laden die Orgelmusiker der Schweizer Hauptstadt einen Schriftsteller oder eine Schriftstellerin ein, ein literarisches Motto zu setzen, zu dem dann die Orgelmusiker passende Musikstücke aussuchen. Die Autoren lesen in den fünf großen Kirchen Berns jeweils eine Stunde kurze Texte aus ihren bereits gedruckten Werken oder solchen, die sie eigens für diesen Anlass verfasst haben. Drei Texte, drei Stücke pro Kirche, dann zieht das Publikum mit dem Autor ins nächste Gotteshaus, wo die nächsten Organisten ihre Stücke zu den Texten aufführen. Dadurch entsteht ein eigentümliches, kreatives Wechselspiel. Das ist alles andere als bloße Lautmalerei von Literatur.

Die Idee zu dem Projekt kam vor eineinhalb Dekaden drei Berner Organisten beim Wein, wie der altgediente Initiator des Projekts, der Organist Erwin Messmer, sagt: "Wir wollten zeigen, dass die Orgel mehr ist als nur ein Instrument zur Erbauung der Frömmler, für die die Orgel nur den Widerhall des himmlischen Jubels bedeutet." Messmer hat als Lyriker selbst schon mehrere Gedichtbände verfasst, ist in der Schweizer Literaturszene vernetzt. Auf dem Solothurner Literaturfestival gewann er die in Berlin lebende Schriftstellerin Zora del Buono, die mit ihrem Roman "Gotthard" über den Bau des Tunnels in der Schweiz Aufsehen erregte. Ihr Motto für den Jubiläumsspaziergang ist der "August", als Assoziationsfeld für biografische, historische und naturwissenschaftliche Kurztexte. Del Buono will zudem die historische Eigenheiten jeder Kirche, in der sie liest, in ihre Arbeit miteinbeziehen. Alle beteiligten Künstler verzichten auf Gage, das Geld, in Kollekten eingesammelt, reicht zur Deckung der Unkosten aus, sodass der finanzielle Überschuss einem humanitären Projekt gespendet werden kann. Dieses Jahr werden die Ärzte ohne Grenzen bedacht. Die Kirchen betonen, dass der Berner Orgelspaziergang zum Abbau der Schwellenangst und zum Ökumene-Gedanken sehr viel beiträgt.

Beim "Schlussbouquet" in der Heiliggeistkirche mit Neukompositionen des Organisten Hans Peter Graf zeigen die Musiker ihre Vielfalt auf verschiedenen Instrumenten und Genres. "Wie in einem Fußballstadion braust da der Jubel", sagt Erwin Messmer stolz. "Und der ist zur Abwechslung dann mal ganz und gar von dieser Welt."

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