"Den Bösen sind sie los, die Bösen sind geblieben." So beschreibt Mephisto in Goethes Faust das allmähliche Verschwinden des Teufels aus der Welt nach der Aufklärung. Mit so viel doppelzüngiger Gemeinheit kann nur ein Teufel sprechen. Der jetzige Papst findet schon länger, dass Christen vom Teufel reden sollten, aber die Abschnitte über das Böse in seinen Reden werden in den deutschen Medien selten rezipiert.

Hier glüht das Gemüt nur, wenn von Liebe, Barmherzigkeit oder Demut die Rede ist. Das Böse hat sich ins Vaterunser zurückgezogen, wo es nur denen kurz auffällt, die es sonntags sprechen. Engagierte Diskussionen über seine Bedeutung sind rar geworden. Dabei könnte es sein, dass Francesco nur deshalb als "Papst aller Menschen" spricht, weil er das Böse niemals aus dem Blick verloren hat. Über seine Theologie kann man streiten. Aber vom Bösen sollten wir reden. Denn in der Welt ist immer noch der Teufel los.

Das mythologische Bild vom koboldhaften Ungeheuer mit schwarzem Pelz und Dreizack in der Hand, das die Menschen des Mittelalters in Schrecken versetzte, wirkt angesichts des Bösen in der Welt wie ein harmloses Glanzbild, das Kinder gerne auf Schulhöfen tauschen: eine Figur aus dem jüngsten Fantasy-Bestseller. Schon Kinder haben nämlich einen Sinn für das Böse in der Welt. Das Böse steuert Passagierflugzeuge in Hochhaustürme und sperrt kleine Mädchen jahrelang im Keller ein. Es foltert politische Gegner, lässt Tausende von Frauen deportieren, um den Gegner zu demoralisieren, und erschießt kritische Journalisten. Es wächst im Körper eines Familienvaters oder im Kopf eines 17-Jährigen, der seine Mitschüler erschießt.

Das Böse ist ein kleines, dehnbares Wort, in das alles passen muss, was die Welt schauderhaft und furchtbar macht. Das Böse kann auf die ganz große Geste der Grausamkeit durchaus verzichten. Ein Gerücht am Rande, gezielt gestreut und befeuert, hat schon so manche Lebensgeschichte zerstört. Auch wenn das Gegenteil bewiesen ist, etwas bleibt immer hängen, wenn böse Zungen los sind.

Das Böse ist nicht nur das, was Menschen heimsucht wie eine Katastrophe oder ein Schicksalsschlag. Es sind auch nicht immer die anderen, die für das Übel in der Welt verantwortlich sind. Das Christentum hat immer wieder daran erinnert, dass der Abgrund der Zerstörung in jedem Menschen selbst lauert. Wer hätte nicht schon erschrocken festgestellt, wie Wut oder Enttäuschung Gedanken freisetzen, die man sich selbst nie zugetraut hätte. Das Selbsterschrecken weist auf den Abgrund hin. Wohl dem, der Hemmungen aufgebaut hat, die den Weg vom bösen Gedanken zur Tat ungangbar machen.

Ist das harmlos angesichts des Bösen, das Terroristen, Kinderschänder und Folterknechte über die Welt bringen, irrelevant angesichts der Lügen, die Menschen diffamieren und ins Elend stürzen? Wer sich daran erinnert, dass eine kleine Denunziation des Nachbarn unter bestimmten politischen Umständen einem Todesurteil gleichkommt, der wird vorsichtiger damit, sich selbst sicher und fest bei den Guten einzusortieren. Die Versuchung lauert oft schon in den lässlichen Boshaftigkeiten.

Hannah Arendt, die jüdische Philosophin aus Königsberg, hat als Beobachterin des Eichmann-Prozesses an einer Theorie des Bösen gearbeitet, die ganz nah an der biblischen Einsicht in das Wesen des Menschen ist. Die überlebende Jüdin, die sich gerade noch aus Deutschland retten konnte, fragt sich, wie ein so unauffälliger Zeitgenosse zu einem willigen Vollstrecker des Massenmords an den europäischen Juden werden konnte.

So sieht doch kein Teufel aus. Das Böse entsteht häufig nicht aus dem Beschluss zur bösen Tat, stellt Hannah Arendt fest. Aus Indifferenz und aus der Weigerung, sich selbst ein Urteil zu bilden über das, was passiert, werden Familienväter, Hausmusiker und Goethe-Leser zu Bestien, die die Menschenwürde ihrer Nächsten in Gaskammern verfeuern. Es gibt eine Verbindung von der Trägheit der Gedanken und vermeintlich einfachen Lösungen, die man sich am liebsten vorschreiben lässt, zur Gewissenlosigkeit als Handlungsanweisung.

Dieses Böse agiert offen und bindet sich sogar an vermeintlich gute Ideen für Volk und Vaterland. Hannah Arendt nennt diese Bewegung des Bösen die "Konspiration am helllichten Tag". Die theologische Tradition, auf die sie zurückgreift, hat für die Eskalation des Bösen im Nationalsozialismus noch keine Gedanken zur Verfügung gehabt. Dennoch ist es auch diesem Erbe zu verdanken, wenn die jüdische Gelehrte zur Vorsicht mahnt, wo Menschen das Böse an ein fremdes Prinzip oder eine anonyme Macht delegieren wollen, der normale Alltagsmenschen hilflos ausgeliefert wären.

Das Böse ist, wenn man so will, der Hinterhalt der Freiheit, der gerade da lauert, wo die Entscheidung gefragt ist. Hitler zu dämonisieren ist einfach. Ihn sich als Menschen denken zu müssen, das ist die Zumutung, an der nach den Schreckenserfahrungen des 20. Jahrhunderts keiner vorbeikommt, der über das Böse nachdenkt. Wäre ein fremder Böser oder gar eine fremde Macht für das Böse verantwortlich, wären Deutsche von allen Vorwürfen frei, ein Volk von Verführten, selbst Opfer des Kartells der Dämonen. Diese Selbstentmündigung ist mit dem Christentum nicht zu machen. Deshalb kann das Verschwinden des Bösen als personifizierte Gestalt den Blick auf das Böse in seiner unheimlichen Dimension geradewegs eröffnen. Schon die Bibel findet verschiedene Bilder für das, was sich im Bösen ausdrückt. Das Gerücht, die Moderne habe den Teufel aus dem Christentum getrieben, um es auf diese Weise freundlicher und harmloser zu machen, ist deshalb falsch.