Mal überfallen sie die Luxusabteilung eines Kaufhauses und rauben teuren Schmuck und Rolex-Uhren im Wert von fast einer Million Euro. Mal brechen sie ins Berliner Bode-Museum ein und stehlen eine 100 Kilo schwere Goldmünze. Sie beherrschen mancherorts Drogenhandel und illegale Wettspiele, treiben Schutzgeld von Prostituierten und Restaurantbesitzern ein. Ihre Mittel sind Erpressung, brutale Gewalt, notfalls Mord.

Die Rede ist von kriminellen Familienclans. Von den Remmos, den Al-Zairs, den Miris, den Abou-Chakers – Großfamilien mit arabischen, kurdischen, türkischen und libanesischen Wurzeln. Viele von ihnen flohen in den 80er-Jahren aus dem vom Bürgerkrieg heimgesuchten Libanon nach Deutschland und dominieren seit Jahren vor allem in Berlin und Bremen, in Nordrhein-Westfalen und einigen Landstrichen Niedersachsens lukrative Bereiche der organisierten Kriminalität.

Wie viele Mitglieder haben sie? Und was genau sind eigentlich Clans?

Seit Montag dieser Woche kursiert eine alarmierende Zahl. "200.000 kriminelle Clan-Mitglieder in Deutschland!", titelte die Bild-Zeitung. Das ist mehr, als die Bundeswehr an Soldaten hat, und entspricht der Einwohnerzahl einer Großstadt wie etwa Kassel oder Erfurt.

Die schrille Schlagzeile führt allerdings in die Irre. Die Zahl stammt vom Bundeskriminalamt (BKA) und beruht auf einer Schätzung von 2015. Doch keineswegs wolle man damit sagen, heißt es im BKA, dass in Deutschland 200.000 kriminelle Angehörige von Großfamilien lebten. Es gehe, so ist beim Dienstherrn des BKA, dem Bundesinnenministerium, zu erfahren, lediglich um "das Personenpotenzial der Clanfamilien". Das stellt auch Bild in ihrem Artikel klar.

Die Fachleute des BKA haben 2015 geschätzt, wie viele Personen insgesamt zu diesen Großfamilien zählen, also verwandt oder verschwägert sind. Etliche Angehörige, gibt ein BKA-Experte, der nicht namentlich genannt werden möchte, unumwunden zu, lebten wahrscheinlich unbescholten, gingen einem ordentlichen Beruf nach und trügen nicht mehr als den inkriminierten Familiennamen.

Im Bundesinnenministerium weist ein Beamter außerdem darauf hin, dass es neben den geschätzten 200.000 Angehörigen arabisch-türkisch-libanesischer Großfamilien auch viele Mitglieder russischer, georgischer, tschetschenischer, albanischer, rumänischer oder bulgarischer Familien gebe, die kriminelle Geschäfte betrieben, ohne gleich kriminellen Clans zugerechnet zu werden. Das gelte ebenso für die in Deutschland sehr aktive italienische Mafia, auch hier tauchten des Öfteren dieselben Familiennamen auf.