Am Tag vor dem zweiten WM-Spiel gegen Schweden saß Joachim Löw mit durchgedrücktem Kreuz in der Pressekonferenz in Sotschi. Er klang dynamisch, als er einen mächtigen Satz formulierte: "Die zwei wichtigsten Waffen sind Energie und eine andere Körpersprache." Das habe er so auch der Mannschaft gesagt. Den Satz hatte sich der Bundestrainer nicht ausgedacht. Er musste ihn schon öfter gehört haben. Claus-Peter Niem benutzt ihn oft. In seinem Büro in Dortmund, wo er mit der Österreicherin Karin Helle die Beratungsagentur "Coaching for Coaches" betreibt, steht der Spruch schon sehr lange auf einem Plakat an der Wand.

Das frühe WM-Aus in Russland hat Niem, 49, nicht verhindern können, obwohl er mit Löw während des Turniers wieder in SMS-Kontakt stand, mit seinem "Weggefährten" – er spricht nicht gern von Klienten. Die frühere Grundschulrektorin Helle und der frühere Grundschullehrer Niem sagen auch nicht "coachen". Sie "arbeiten" mit den Leuten, tauschen sich aus. Als Coach des Bundestrainers leistete der gebürtige Nordhesse Niem keinen unwesentlichen Beitrag zum WM-Finalsieg von Rio 2014. Als nämlich Löw in der 88. Minute der Partie gegen Argentinien dem Einwechselspieler Mario Götze den anspornenden Tipp ins Ohr sprach, er solle der Welt zeigen, dass er besser sei als Messi, da hatte Niem die Idee zu diesem berühmt gewordenen Marschbefehl übermittelt.

Ursprünglich stammte dieses Konzept von Peter Hyballa, einem früheren Juniorentrainer Götzes bei Borussia Dortmund, der sich am Tag vor dem Endspiel bei Niem meldete. Hyballa ist auch so ein Weggefährte. Er wollte etwas loswerden. Ob Niem mit Löw in Brasilien in Kontakt stehe. Denn er, Hyballa, wisse genau, wie man den talentierten Götze anstacheln könne, wenn der in einem Tief stecke wie jetzt offenbar in Brasilien. Götze war nach dem schwachen Achtelfinalspiel gegen Algerien aus der Mannschaft gefallen und nicht mehr in die Gänge gekommen. Damals in der A-Jugend, erinnerte sich Hyballa, habe er den Jungen, dem schon der Ruf des kommenden Stars vorauseilte, nach schwachen Trainingsleistungen mal in einer Partie in Bochum auf der Bank schmoren lassen. Nach der Pause wechselte er ihn ein und rief ihm hinterher: "Jetzt zeig mal allen, dass du das Wunderkind bist!" Und der wütende Götze wandelte den Rückstand seines Teams fast im Alleingang in einen 4:3-Erfolg um. Damals in Bochum.

Niem packte die Geschichte umgehend in eine SMS und schrieb Löw aus dem Heimaturlaub in Bad Wildungen nach Rio: "Wenn Du Götze in einer engen Situation noch von der Bank bringen kannst (er dort schon länger schmoren musste), wird ihn genau das anstacheln, endlich an seine Grenzen bringen. War schon in der Jugend so. Wenn Du ihn dann noch anstachelst: "Zeig der Welt endlich einmal, dass du besser als Messi bist, dass du das Wunderkind bist!", wird er den Unterschied machen. Er braucht diesen Druck! Die Weggefährten."

Löw ließ nur das Wort "Wunderkind" weg. Und das Wunderkind, das sich für den besseren Messi hielt, traf in der 113. Minute ins Tor. Damals in Rio.

Dass Löw später sagte, der Satz sei ihm spontan eingefallen, "aus dem Bauch heraus" gekommen, müsse man ihm nachsehen, sagt Claus-Peter Niem und verschiebt wie zur Ablenkung ein paar farbige Karteikarten. Er sitzt neben Karin Helle im Büroraum eines Dortmunder Anwalts und Personalberaters, mit dem die beiden Coaches kooperieren, hier arbeiten sie auch mit Fußballtrainern. Auf dem Tisch liegen Zettel mit Schaubildern über die Kernkompetenzen von Führungspersönlichkeiten und "die Balance der Bedürfnisse", mit der Hand abgeschriebene Motivationssprüche von berühmten Regisseuren oder Menschen, "die in Führung sind", wie Niem und Helle gern sagen.

Der frühere Götze-Mentor Hyballa ist kürzlich nach nur sieben Wochen als Trainerausbilder beim DFB überraschend zu einem Club in der Slowakei gewechselt, DAC Dunajská Streda. Eine Sportzeitung spekulierte, der Mann sei angeeckt, er habe für den Geschmack des Arbeitgebers DFB zu häufig öffentlich mit seinem Urheberrecht am Finaltor von Rio geprahlt. Aber das stimmt nicht. Er habe sich schlicht beim DFB nicht wohlgefühlt und ohne Chef-Titel nichts verändern können, sagt Hyballa.

Die Pädagogen Helle und Niem, die beide auch Psychologie und Soziologie studierten, fanden Ende der Neunzigerjahre Zugang in die Fußballszene, durch einen Kontakt zum Trainerteam des englischen Clubs Aston Villa. Dort lernten sie den Spieler Gareth Southgate kennen, den heutigen Nationaltrainer Englands. Er war einer der ersten Weggefährten. Der Netzwerker Niem nutzt seine Drähte in alle Richtungen. Helle und er haben ein Buch namens One touch darüber geschrieben, was Führungskräfte vom Profifußball lernen können. Und sie haben Bücher für junge Fußballer geschrieben, zum Beispiel Meine Fußball-Schule mit Jürgen Klinsmann, ein frühes Projekt mit dem Löw-Vorgänger.

Anfangs beriet das Coaching-Duo den Drittligisten Rot-Weiss Essen, später suchte es sich gezielt einen Trainer zur langfristigen Zusammenarbeit aus: Stefan Kuntz, der damals den Karlsruher SC betreute. Der Ex-Nationalspieler und Europameister, heute Trainer der deutschen U-21-Auswahl, könne "die Leute berühren", sagt Niem mit einer Mischung aus Rührung und Ehrfurcht. Kuntz öffnete alle Türen. Er nahm seine Privatberater mit in seine Mannschaftssitzungen, stellte sie den Spielern vor. Die Coaches waren bei Kuntz zu Hause und rieten, das Kind nicht mehr im elterlichen Bett schlafen zu lassen; so habe der Papa wieder kreativer arbeiten können. Noch heute benutze Trainer Kuntz gelegentlich Werkzeug, das sie ihm empfahlen, sagt Niem. Zum Beispiel eine Feedback-Skala, mit der sich seine Spieler bewerten und so untereinander ins Gespräch kommen. Es gehe immer um Kommunikation.