Wenn ein Gewitter aufzieht, meist von Südwesten, vom Schwarzwald her, und Hagelschlag droht, hastet ein Pilot am Stuttgarter Flughafen zu seiner zweimotorigen Cessna. Er startet und steuert seine Maschine unter die Gewitterzelle, dorthin, wo die Aufwinde am stärksten sind. Dann beginnt er, seine Ladung zu verbrennen: 36 Liter Silberjodid-Aceton-Gemisch, das in zwei silberne Metallkörper gefüllt ist, unter jeder Tragfläche einer. Eine kleine Flamme sticht aus jedem Rohr.

Im Hochsommer, wenn genügend Feuchtigkeit und Hitze in der Luft liegen, spielt sich diese Szene an vielen Orten der Welt ab. "Hagelflieger" steigen in der Steiermark, in North Dakota, im Süden Argentiniens oder bei Rosenheim auf. Cloud-Seeding , das "Impfen" der Wolke mit Silberjodid, wird überall dort angewandt, wo Hagelschauer drohen, großen Schaden anzurichten: über den Anbaugebieten von Obst, Wein und Getreide, über dicht besiedelten Regionen mit viel Blech und Glas oder dort, wo Millionen Euro geparkt stehen, über den riesigen Außenlagern der Autohersteller.

Und vor allem dort, wo Menschen an die Methode glauben. Denn dass sie tatsächlich funktioniert, ist wissenschaftlich nicht bewiesen.

"Für mich braucht es da keinen Beweis. Ich sehe ja, dass es seit 18 Jahren keinen nennenswerten Schaden mehr gibt", sagt Joachim Hess. Er ist ein gebranntes Kind. In seinem Fellbacher Weinberg, zu dessen Füßen das Daimler-Werk Untertürkheim liegt, verlor Hess im Juni 2000 innerhalb weniger Minuten fast alle Trauben. Das war ein Schaden von 60.000 Euro, die er ohne Hagelversicherung selbst bestreiten musste. Zufrieden beobachtet er jetzt den Hagelflieger bei der Arbeit, wartet zehn, fünfzehn Minuten und sieht dann, wie dicke Tropfen abregnen. Dicke Tropfen statt Hagel. "Die da oben haben ihren Job gut gemacht."

Um notfalls mehrere Einsätze gleichzeitig fliegen zu können, gibt es allein im Schutzgebiet um Stuttgart mittlerweile fünf Flugzeuge. Die jährlichen Kosten von etwa 350.000 Euro teilen sich Landkreise, Obst- und Weinbauern, die Württembergische Gemeindeversicherung – und Daimler. Der Autohersteller schützt so seine Freiluft-Parkplätze.

Cloud-Seeding will den Geburtsprozess der Hagelkörner nutzen: Diese entstehen, wenn sich Wasser an Kondensationskeime bindet, an Schmutzpartikel beispielsweise. Die Aufwinde innerhalb der Gewitterwolke tragen die Wassertropfen nach oben, diese gefrieren, fallen hinunter, binden mehr Wasser, werden wieder nach oben getragen, wachsen dabei zu immer größeren Hagelkörnern heran. Ein "Paternoster-Effekt", der erst dann vorbei ist, wenn die Körner zu schwer sind und aus der Wolke fallen. Mit dem Impfen wird versucht, zusätzliche Kondensationskeime in die Wolke zu bringen. Auch an den Silberjodid-Partikeln, die von den Flugzeugen in die Aufwinde gesprüht werden, bindet sich Wasser und wird zu Eis. Dadurch, so die Idee, verteilt sich die vorhandene Feuchtigkeit auf mehrere Keime, die einzelnen Hagelkörner bleiben kleiner.

Uwe Schickedanz, Leiter des Deutschen Wetterdienstes (DWD) in Stuttgart, ist skeptisch. "Entscheidend ist nicht nur die Zahl der Kondensationskeime, sondern vor allem die Stärke der Aufwinde." Auch eine geimpfte Wolke könne verheerenden Hagel hervorbringen, wenn die Aufwinde stark genug seien und genügend Feuchtigkeit vorhanden sei. Insbesondere fehlt ihm ein wissenschaftlicher Beweis. "Wir bräuchten zwei identische Wolken. Die eine hätten wir geimpft, die andere nicht. Dann könnten wir vergleichen", sagt Schickedanz. Doch da es diese Laborbedingungen in der Natur nicht gibt, bleibt die Hagelabwehr für ihn eine Glaubensfrage.

2013 sorgte Hagelschlag für den größten Schadensfall der deutschen Versicherer

Seitdem Cloud-Seeding angewandt wird, versuchen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Wirksamkeit zu be- oder widerlegen. Viele bestätigen: Die Wahrscheinlichkeit, dass es funktioniert, ist hoch – aber eben nur die Wahrscheinlichkeit. 2015 kommen die Autoren einer Untersuchung zu dem Ergebnis, dass sich die Niederschlagsenergie des Hagels um 50 Prozent reduziert habe. Und auch andere Studien schließen mit einer ähnlichen Einschätzung – immer vorausgesetzt, dass das Silberjodid zur richtigen Zeit am richten Ort platziert wird.

Werden hier statistische Zufälle gemessen? Kann man einer Methode erst dann vertrauen, wenn sie unter wissenschaftlichen Laborbedingungen bestätigt ist?