Am Ende, nach vielen Stunden Gespräch, kramt Albert Schmoll ein gerahmtes Schwarz-Weiß-Foto hervor. Behutsam trägt er es aus dem Wohnzimmer auf die Terrasse, hält es in die Runde: Zwei Häuser sind zu sehen, rund 100 Meter voneinander entfernt, daneben ein paar Bäume, sonst nur Acker. "So sah es hier früher aus", sagt Schmoll. Seit den Fünfzigern ist viel passiert in seinem Dorf, in Dangast, und mit dem meisten war Schmoll einverstanden. Seit ein paar Jahren aber tun sich Dinge, die er nicht mehr gutheißen kann. Entwicklung sei wichtig, sagt er. "Aber was jetzt passiert, sind die größten Veränderungen, die ich in Dangast je erlebt habe." Und Schmoll hat einiges erlebt, am Tag nach dem Gespräch feiert er seinen 89. Geburtstag.

Gleich hinter seiner Grundstücksgrenze liegt zurzeit eine Baustelle, die Dangast entzweit. Sie hat Gräben ins Dorf gerissen, auch dort, wo nicht gebaut wird. Sie sorgt dafür, dass manche Dorfbewohner nicht mehr miteinander sprechen. "Nordsee Park" heißt die Ferienanlage, die hier entsteht und 700 Betten für Touristen bieten soll. Ein Dorf im Dorf, Dangast hat knapp 600 Einwohner. Für Schmoll und andere klafft diese Baustelle wie eine Wunde im Herzen des Orts, eine Wunde, die, so fürchtet Schmoll, das schöne Dangast zerstören könnte.

Was, wenn ein Dorf nicht noch mehr Touristen haben möchte? Das Dangaster Beispiel zeigt, wie schwer es ist, einen Ausgleich zu finden zwischen den Wünschen der Einheimischen und den Bedürfnissen jener, die nur für ein paar Tage im Jahr kommen, die für die Orte an der Küste jedoch von existenzieller Bedeutung sind.

Die Geschichte, die für Albert Schmoll die größte Veränderung seines Lebens auslösen sollte, beginnt im Jahr 2011 mit einem Mann namens Johann Taddigs. Dangast ist eines der ältesten Nordseebäder, seit Jahrhunderten kommen Menschen zum Schwimmen und zur Erholung hierher. In den vergangenen Jahrzehnten allerdings geriet Dangast zunehmend in die Krise: Während andere Orte an Ost- und Nordsee explodierende Besucherzahlen hatten, stagnierte Dangast eher. Der Stolz des Orts, das Jod-Sole-Bewegungsbad mit Sauna, war in die Jahre gekommen, es zog nicht ausreichend Touristen an, kostete aber eine Menge Geld. Irgendwann war es der Stadtverwaltung von Varel, zu der Dangast gehört, zu viel: Jemand sollte aufräumen und das Dangaster Defizit reduzieren. Johann Taddigs wurde zum Kurdirektor ernannt und erhielt den Titel "Restrukturierungsmanager".

Taddigs ist ein nüchterner Ostfriese, Diplomkaufmann, gelernter Finanzbuchhalter, früher arbeitete er für eine Unternehmensberatung. Der 57-Jährige empfängt in seinem Büro, auf dem Schreibtisch nicht viel mehr als ein Stempelhalter und einige Formulare, ganz oben eines mit der Überschrift "Kontierungsbogen Einnahmen für die Stadtkasse Varel". Taddigs ist ein Mann der Zahlen, er will nur eins: die Zahlen in Dangast wieder besser aussehen lassen.

Als er 2011 nach Dangast gerufen wurde, machte er sich zuerst an eine Bestandsaufnahme. Schwer fiel ihm das nicht, Analysen und Studien gab es genug, es hatte sie nur niemand ausgewertet. "Ich habe emotionslos aufgenommen: Was ist der Status quo?", sagt er. Taddigs kam zu zwei Ergebnissen. Erstens: Es gab nicht genügend professionell organisierte Unterkünfte, kaum größere Hotels, sondern vor allem private Einzelvermieter. Und zweitens: "Wir hatten eine enorme touristische Infrastruktur mit grottenschlechten Auslastungsquoten." Auf der einen Seite zu viel Angebot, aber keine Nachfrage – auf der anderen Seite zu wenig Angebot und stockende Nachfrage.

Taddigs beschloss, so formuliert er es, "einige Unpraktikabilitäten abzuschneiden" und dafür "anderswo anzubauen". Er ließ das Jod-Sole-Bewegungsbad schließen und verkaufte den alten Kurpark, eine über sechs Hektar große Grünfläche, um dort Touristenunterkünfte bauen zu lassen.

An dieser Stelle hilft es, sich Dangast von oben vorzustellen. Der Ort liegt an der westlichen Seite des Jadebusens, entlang des Ufers kann man sich innerhalb des Dorfs eine Linie vorstellen mit zwei Polen an den Enden, als würden sich die Fronten im Dorf auch geografisch widerspiegeln. An einem Ende, im Osten und gleich am Strand, befindet sich das neue Touristeninformationszentrum, in dem auch Taddigs Büro liegt. Taddigs hat es "Weltnaturerbeportal" nennen lassen, weil es gleich am Wattenmeer liegt, das Weltnaturerbe ist. Hier gibt es Imbissbuden in Containern, aus den Boxen klingt Popmusik, ein Kiosk verkauft Deutschlandfahnen für den angrenzenden Campingplatz. Der Osten repräsentiert, wenn man so will, das neue Dangast. Am anderen Ende der imaginären Linie liegt nur wenige Hundert Meter entfernt das alte Kurhaus, ein verwittertes Backsteingebäude, von Efeu berankt und mit Moos bewachsen, eine Gaststätte, die für den dort servierten Rhabarberkuchen berühmt ist. Hier hockt ein Mann im Campingstuhl an einem langen Tisch und bietet selbst geschnitzte Holzskulpturen an, im Schatten eines Baumes kann man Batikhosen kaufen, und unten am Strand steht ein in Granit gehauener Phallus, den Künstler mal dorthin gestellt haben. Das Weltnaturerbeportal nennen sie hier nur abfällig "Strandsparkasse".

Der Streit in Dangast ist auch ein Streit um die Frage: Welchen Tourismus wollen wir? Und wie sehr dürfen die Einheimischen bei der Antwort mitentscheiden?