1. Spiekeroog: Die Strandbar

Die Stadt Laramie, Wyoming, USA, war einst der Außenposten der Zivilisation am Ende der Union Pacific Railroad. Das Old Laramie, Spiekeroog, Ostfriesische Inseln, liegt am Ende der Museumspferdebahn – und ist die Mutter aller Strandbars. Schon 1899 wurde das Gebäude eröffnet, als "Warmbadeanstalt". Nach einem kriegsbedingten Zwischenspiel als Flughafengebäude ist es nun schon lange das, was das schöne Wort Ausflugslokal meinte, bevor es von so einem Speckrand aus Spießigkeit verunstaltet wurde.

Ins Laramie geht man zum Kaffeetrinken, Käsekuchenessen, Kickern, zur Druckbetankung mit Friesisch-Herbem und anderen geistigen Getränken, schließlich zu den Abtanzpartys mit ihrer unnachahmlichen Mischung aus Jugendkeller, Kiezdisco und Ü-30-Fete. Wobei "gehen" wörtlich zu nehmen ist: Autos sind auf der Insel verboten, das Fahrradfahren ist streng reglementiert, also müssen die zwei Kilometer vom Ort in den wilden Westen zu Fuß absolviert werden, was vor allem beim frühmorgendlichen Rückweg den Barbesuch zum Abenteuertrip erweitern kann.

Im Gegensatz zu all den Sansibars dieser Welt gehorcht das Laramie keinerlei gastronomischem System; selbst die Öffnungszeiten sind mitunter fluid. Es ist eine nie endende Frickelarbeit des gelernten Segelmachers und Taklers Dirk Nannen. Jedes Frühjahr aufs Neue erweckt er den von der Düne liebevoll umarmten Laden aus dem Winterschlaf, verbaut frisches Treibgut, rührt aus Rost von einer Feuertonne und Acrylfarbe einen neuen, unverwechselbaren Anstrich an. Schöneren, echteren Shabby Chic findet man entlang der 1200 Kilometer deutscher Nordseeküste kaum.
Christof Siemes

2. Cuxhaven: Die Elbmündung

Die Kugelbake, ein altes Seezeichen, markiert den Ort, an dem die Elbe in die Nordsee mündet. Hier in Cuxhaven, sorry, liebe Hamburger, öffnet sich Deutschlands Tor zur Welt. Schiffe aus aller Herren Länder fahren vorbei, grüne Deiche schützen das Land, bei gutem Wetter sieht man Schleswig-Holstein am gegenüberliegenden Elbufer.

Über die Nordsee schweift der Blick bis zum Horizont. Die Insel Neuwerk, die zu Hamburg gehört, ist zu sehen. Atemberaubende Sonnenuntergänge, blauer Himmel oder auch gewaltige Wolkengebirge, unter denen das Wasser kommt und geht. Beim Höchststand reicht es bis zum Strand, beim niedrigsten Stand zeigt sich das Watt, eine Mondlandschaft voller Leben, von der Unesco zum Weltnaturerbe erklärt. Kinder lachen, Möwen kreischen, manchmal ist es ganz still. An diesem Ort lässt sich wunderbar nachdenken.

Den passenden Sound liefern Otis Reddings Sittin’ on the Dock of the Bay oder – wer es noch wehmütiger mag – Hans Albers’ Ganz dahinten, wo der Leuchtturm steht.
Thomas Kerstan

3. Scharbeutz: Die Strandkörbe

Das maritime Klima, von dem jetzt keiner glaubt, dass es das mal gab, also die sprichwörtlichen frischen Brisen und den berüchtigten kalten Sommerregen, das konnte einem schon aufs Gemüt schlagen. Seit ich aus Mitteldeutschland in den Norden gezogen bin, ist mir die Melancholie des nordischsten deutschen Dichters Theodor Storm nur zu verständlich. Seine ewige Sehnsucht nach Herzenswärme, seine romantischen Plots von der Liebe, die durchkreuzt wird, dass die Geschicke der Helden sich wie von tief hängenden Wolken verdüstern: Storm kam wahrlich vom Meer.

Strandkörbe des Vermieters Bade in Scharbeutz © privat

Aber dasselbe Meer bringt auch das Gegenmittel zum Kühl-bis-ans-Herz-Klima hervor, eine eigene Güte, einen Menschenschlag von beständiger Freundlichkeit. Zum Beispiel Familie Bade. So heißen tatsächlich meine Strandkorbvermieter in der Lübecker Bucht, dort, wo das dünengrüne Seebad Scharbeutz in das Dorf Haffkrug übergeht. Eine weiße Holzhütte, natürlich reetgedeckt, mit bunten Holzfischen verziert, die Herr Bade selbst ausgesägt hat. Davor steht Frau Bade und lächelt einem entgegen wie einem lieben Familienmitglied auf Sonntagsbesuch. Immer! Und immer, auch im Hochsaisontrubel, hat sie noch einen Strandkorb übrig.

Was heißt Trubel. Wer die sandigen Planken zu Bades Strandabschnitt betritt, ist gleich auf einer Insel der Abgeschiedenheit. Das liegt nicht nur an den weiß-blauen Strandkörben, dem tröstlichsten aller Sitzmöbel, Symbol sturmerprobter Gemütlichkeit. Nicht nur an Kaffee, Keksen, Sekt direkt aus der Vermieterhütte. Es liegt an der Badeschen Art, die des Horizontes bedürftigen Stadtmenschen zu betreuen: sich über auflandigen Wind zu freuen, vor ablandigen Quallen zu warnen und bei Dämmerung dezent in den Strandkörben nachzufragen, wie es denn war. Darauf gibt es stets nur die eine ehrliche Antwort: Wunderbar!
Evelyn Finger