Wer in diesen Tagen am Tegernsee verweilt, läuft über kurz oder lang Spielern des FC Bayern München über den Weg. In Flipflops und Basketballtrikot sitzt Mats Hummels auf einer Parkbank und schaut auf den See. Niko Kovač, der neue Trainer, ist auf dem Weg zum Baden. Thiago und Javi Martínez schippern übers Wasser. Im Trainingslager am Tegernsee gibt sich der Verein volksnah. Motto: Wir kehren zurück zu unseren bayerischen Wurzeln.

Das Trainingslager dürfte ein weiterer Beleg dafür sein, dass sich Uli Hoeneß nach seiner Zeit im Gefängnis Stück für Stück die Macht im Verein zurückerobert. Dem Präsidenten ist das "Bayern" im Namen des Vereins wichtig, Karl-Heinz Rummenigge hält dessen Internationalisierung für wichtiger. Der Vorstandsvorsitzende Rummenigge scheint Reisen nach China, Katar oder in die USA mehr zu schätzen als Ausflüge nach Oberbayern.

In dieses Bild der Rehoeneßisierung des Vereins passen auch die Aussagen von Sportdirektor Hasan Salihamidžić bei der Vorstellung von Neuzugang Leon Goretzka am vergangenen Donnerstag. Da sagte er: "Wir wollen den Kern unserer Kabine und der Mannschaft deutsch haben. Wir wollen die Tugenden des deutschen Fußballs hier haben und den deutschen Fußball auch in der Welt repräsentieren." Salihamidžić, der als Hoeneß-Gefolgsmann gilt, echot damit einen in der Vergangenheit geäußerten Wunsch des Präsidenten: Bei Bayern München sollten die wichtigen deutschen Nationalspieler kicken.

Nun hat der FC Bayern bereits einige deutsche Nationalspieler unter Vertrag, darunter die Weltmeister von 2014 Manuel Neuer, Mats Hummels, Thomas Müller und (zumindest bei Redaktionsschluss noch) Jérôme Boateng. Wenn diese Spieler die Tugenden des deutschen Fußballs repräsentieren sollen, wüsste man doch gern, was diese Tugenden sind. Auf Leistungsbereitschaft und Kampfeswillen kann sich jeder Fußballprofi einigen. Doch in der Debatte um den aktuellen Rassismusvorwurf gegen den DFB lässt sich eine Haltung der meisten Weltmeister nur schwer erkennen. Im Fall des zurückgetretenen Mesut Özil stellte sich einzig Jérôme Boateng in einem Interview klar hinter den Kollegen, die anderen Weltmeister bei den Bayern blieben in der Debatte wochenlang stumm.

Thomas Müller mag es nicht mehr hören. Die Affäre um das Foto von Mesut Özil, Ilkay Gündoğan und dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan sei von den Medien aufgebauscht worden, sagt der Vizekapitän des FC Bayern und langjährige Kollege Özils in der Nationalmannschaft bei einer Presserunde im Mannschaftshotel. Als "heuchlerisch" bezeichnet er die Debatte. Was aus diesem Thema gemacht werde, sei "kein Problem des Fußballs, sondern es ist ein gesellschaftliches Problem".

Man würde gerne mit Thomas Müller oder Manuel Neuer darüber diskutieren, ob die Özil-Affäre und die vom Spieler erhobenen Vorwürfe die Sportler etwas angehen. Gibt es diesen Rassismus, und was können die Spieler dann tun? Thomas Müller und Manuel Neuer sagen dazu, dass es in der Mannschaft selbst keinen Rassismus gegeben habe, obwohl das niemand behauptet hatte.

Für viele junge Fans haben die Worte Müllers, Özils oder Neuers mehr Gewicht als die Äußerungen der Bundeskanzlerin. Spieler von diesem Kaliber sollten in der Lage sein, ein paar der Komplexität der Debatte angemessene Gedanken zu formulieren. Zumal nach wochenlanger Bedenkzeit.

Stattdessen erläutert Manuel Neuer, warum er sich nicht zum Rücktritt Özils geäußert habe: "Ich habe gelernt, dass man nichts sagen muss, wenn man nicht gefragt wird. Wenn man die Stimme erhebt, dann intern, mit den richtigen Worten." Sagt Neuer, 32 Jahre alt, Kapitän der Nationalmannschaft und des FC Bayern München.

Auf die Frage, ob er persönlich von Özils überraschendem Rücktritt enttäuscht war, erklärt Neuer lediglich, dass er dessen Entscheidung akzeptiere. Auf die gleiche Frage antwortet Thomas Müller, dass die Trainer immer versuchten, die besten Spieler aufzustellen. "Bisher war es so, dass der Mesut aus Trainersicht zu diesen besten 18 immer dazugehört hat. Jetzt ist er zurückgetreten. Und jetzt werden andere diese Rolle ausfüllen."

Ist die Akte Özil geschlossen? Wer seinen ehemaligen Mannschaftskameraden zuhört, spürt demonstrative Gleichgültigkeit und Ignoranz.