Ein Hoch auf das Sommerloch. Da fordert ein deutscher Professor die Atombombe, wohl wissend, dass Freunde und Gegner "not amused" wären und die Republik nicht kann, was sie soll: Sie hat in einem Daueranfall von Atom-Allergie alles abgewrackt, was die Bombe erfordert – von der Urananreicherung bis zum "schnellen Brüter", der den Bombenstoff Plutonium produzieren könnte.

Kaum war dieser Kiesel versunken, warf CDU-Generalsekretärin Kramp-Karrenbauer das nächste Steinchen. Sie will "das Thema Wehrpflicht oder Dienstpflicht noch mal intensiv diskutieren". Auch daraus wird nichts werden. Jedes Jahr strömen fast 800.000 Achtzehnjährige auf den Markt. Die Bundeswehr aber ist von einst 680.000 (inklusive DDR-Armee) auf unter 180.000 geschrumpft.

Da passte nur ein Bruchteil der Gezogenen rein, was schon mal das Problem der Wehrgerechtigkeit aufwirft: Wieso ich und nicht der oder die? Überdies müssten die Rekruten beim grotesken Ausrüstungsstand mit Besenstielen exerzieren. Gegen hochtrainierte Berufssoldaten hätten unsere Jungs und Mädchen keine Chance.

Ähnliches trifft auf eine allgemeine Dienstpflicht zu. Pflege, Erziehung, Altenbetreuung erfordern ebenfalls Professionalität, und den Gewerkschaften graust es vor jährlich 800.000 Unbezahlten auf dem Arbeitsmarkt. Und doch machen die Begründungen der Pflichtverächter nachdenklich. Zum Beispiel FDP-Chef Christian Lindner: "Der Staat ist der Freiheit der Bürger verpflichtet. Der Staat dient den Bürgern." Will sagen: Der Bürger dient nicht dem Staat, der "weder Vormund noch Erzieher ist".

Gehen wir zu Kennedys Antrittsrede 1961 zurück: "Frage nicht, was dein Land für dich tun kann – frage, was du für dein Land tun kannst." Dazwischen liegen Lichtjahre, in denen sich der demokratische Staat radikal verändert hat. Der postmoderne Wohlfahrtsstaat gibt, statt zu nehmen. Er fordert nicht, sondern verteilt. Er gewährt dem Einzelnen massenhaft einklagbare Ansprüche, stellt aber selber keine, sei es die Treue zur Fahne oder der Dienst an der Nation. Deren Verehrung war vorgestern (in Deutschland aus den bekannten Gründen); heute schlägt aber im ganzen Westen das Ich das Wir, die Gruppenidentität das nationale Bewusstsein.

In diesem Sinne hat Lindner recht (leider, mögen die Altvorderen monieren). Der Staat ist der größte Dienstleistungsbetrieb im Lande – mit einem Umsatz, der fast die Hälfte des BIP ausmacht. Diesem Staat schulden wir Steuern und Gesetzestreue; dafür schenkt er uns Für- und Vorsorge, eingepackt in maximale Freiheiten. Da ist kein Platz für eine nationale Dienstpflicht.

Wer’s beklagt, sollte freilich preisen, was sich sonst noch verändert hat. Die Verpflichtung hat sich "privatisiert". Stetig steigt die Zahl der Ehrenamtlichen, das Volumen der Freiwilligen-Arbeit. Zuletzt waren es 15 Millionen, geradezu "amerikanische Verhältnisse". Denken wir nur an die Heere der Helfer, die sich 2015/16 um die Flüchtlinge gekümmert haben – ganz ohne staatlichen Ukas. Oder an die Spendenbereitschaft der Deutschen mit 17 Millionen Wohltätern. Dass es keine nationale Dienstpflicht geben wird, mag Kramp-Karrenbauer grämen. Anderseits: Wo die Bürger sich selber verpflichten, bleibt der Staat draußen – was eine große liberale Tugend ist.

Ulrich Schneider - Warum wehren Sie sich gegen ein soziales Pflichtjahr? Ausgerechnet der Chef des Paritätischen Wohlfahrtsverbands will keinen Pflichtdienst für junge Erwachsene. Im Videointerview spricht Ulrich Schneider über die Gründe. © Foto: Zeit Online