Die Hochschulen bemühen sich um Diversität. Nicht jeder ist davon begeistertet, sagt die Politologin Gülay Çağlar.

DIE ZEIT: Frau Çağlar, Sie sind Professorin für Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Gender und Vielfalt an der Freien Universität Berlin. Dort leiten Sie ein neues Projekt zu "Diversity" an der Uni. Wie oft rollen Menschen mit den Augen, wenn Sie erzählen, was Sie beruflich machen?

Gülay Çağlar: Beim Thema Diversity eigentlich gar nicht. Da treffe ich auf viel Interesse. Sobald ich aber von Gleichstellung rede, bin ich meist mit extrem gelangweilten Gesichtern konfrontiert.

ZEIT: Woran liegt das?

Çağlar: Bei der Gleichstellung der Geschlechter gibt es bereits eine lang anhaltende Auseinandersetzung um Privilegien und Machtansprüche. Für die Universität bedeutet das zum Beispiel: Es sollen nicht nur mehr Frauen Professorin werden – sondern die Frauen, die es werden, sollen wie ihre männlichen Kollegen die Aussicht auf dauerhafte Stellen und höhere Leitungspositionen haben. Effektive Instrumente wie Förderprogramme oder Quoten sind entwickelt worden, mit denen erfolgreich Privilegien angegriffen werden. Das wirkt gerade auf Männer mit durchschnittlichen Leistungen bedrohlich, da sie mit einer neuen Konkurrenz konfrontiert sind. Und so werden durchaus starke Ressentiments entwickelt.

ZEIT: Warum ist die Reaktion bei Diversity anders? Der Verteilungskampf bleibt doch, es konkurrieren sogar noch mehr Menschen um dieselbe Position.

Çağlar: Das stimmt, aber gleichzeitig fühlt sich jeder irgendwie angesprochen. Es geht eben nicht nur um den nervigen Kampf der Geschlechter, wie es leider oft heißt. Die Auseinandersetzung ist komplexer. ner migrantischen Erstakademikerfamilie, die bildungsbürgerliche Frau oder den Jungakademiker mit Behinderung.

ZEIT: Der Begriff "Diversity" ist aus den USA zu uns gekommen. Er meint die Unterschiedlichkeit der Menschen. Den Unis geht es vor allem darum, alle als gleichwertig zu behandeln, unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Hautfarbe, sexueller Orientierung oder Religion. Ist das nicht schon längst so?

Çağlar: Die formale Gleichbehandlung ist gegeben, und wenn nicht, landet die Angelegenheit vor Gericht. Es ist möglich als Frau, Person of Colour, Behinderter oder als Transgender-Person auf eine Professur berufen zu werden. Das geschieht auch. Das heißt aber noch lange nicht, dass alle die gleichen Chancen haben.

ZEIT: Wie sieht die Benachteiligung genau aus?

Çağlar: Gäbe es keine strukturellen Benachteiligungen, müsste die soziale Zusammensetzung der Promovierenden annähernd genauso sein wie bei den Erstsemestern. Das ist aber nicht so. Und dafür ist eine Vielzahl von Mechanismen und Praktiken verantwortlich.

ZEIT: Können Sie welche nennen?

Çağlar: Es gibt zum Beispiel die meist unbewusste Neigung von Lehrenden, die Studierenden besonders zu fördern und zu einer wissenschaftlichen Karriere zu ermutigen, in denen sie sich selbst wiedererkennen. Unter anderem, weil sie eine ähnliche Herkunft und den gleichen Habitus haben. Wir bezeichnen das in der Forschung als "homosoziale Kooptation". Ein anderes Problem ist es, wenn etwa Stipendien als "für Hochbegabte" beworben werden.