ZEIT: Was soll daran schlecht sein?

Çağlar: Das entscheidende Kriterium der Ausschreibung müssten sehr gute Noten sein, nicht Hochbegabung. Denn nicht jeder schätzt sich selbst als hochbegabt ein. Weitere Mechanismen sind Räume, die nicht barrierefrei sind, halbseidene Witze oder herabwürdigende Bemerkungen im Hörsaal. Sie vermitteln, wer dazugehört und wer nicht. Es gibt aber noch viele andere Mechanismen. Das versuchen wir gerade herauszuarbeiten.

ZEIT: Wie kann ein Diversity-Konzept blöde Witze verhindern?

Çağlar: Oft machen alle irgendwie mit. Betroffene und Umstehende scheuen davor zurück, die Stimmung zu verderben, oder sie befürchten, Nachteile zu haben, wenn sie sich beschweren. Wer gibt schon gerne zu, jemanden ausgeschlossen oder unterschwellig beleidigt zu haben, selbst wenn es keine böse Absicht war? Es geht also, salopp gesagt, darum, für blöde Witze zu sensibilisieren und zu ermutigen, den blöden Witz im Zweifelsfall genau als blöden Witz zu bezeichnen.

ZEIT: Wie verhindern Sie, dass jemand an den Pranger gestellt wird?

Çağlar: Einen unpassenden Witz zu erzählen und darauf hingewiesen zu werden wird immer unangenehm sein. Die meisten Menschen wollen nicht diskriminieren oder benachteiligen, auch wenn sie sich manchmal so verhalten. Hier kommt es auf die richtige Ansprache an und nicht auf die einfache Verurteilung: Du Sexist, du Rassistin! Du hast jemanden ausgeschlossen! Deshalb betone ich: Diversity-Politik wird nur als sozialer Prozess erfolgreich sein.

ZEIT: Das klingt etwas schwammig.

Çağlar: Bei Diskriminierung oder sexueller Belästigung haben wir Gesetze. Auch für bauliche Vorhaben gibt es klare Regelungen. Schwieriger ist es mit den täglichen Verhaltensweisen. Es gibt eben kein Diversitäts-Regelwerk, das nur alle befolgen müssten, und dann wäre alles gut. Es geht darum, sich über die Wirkung des eigenen Verhaltens bewusster zu werden. Wir alle müssen uns damit beschäftigen, auch wenn es viel Zeit kostet.

ZEIT: Wie schwierig ist das?

Çağlar: Es wird immer Menschen geben, die sich auf den Prozess nicht oder nur pro forma einlassen werden. Und es wäre naiv, zu denken, dass man alle von etwas überzeugen kann.

ZEIT: Überzeugen wollen Sie aber schon?

Çağlar: Ja, mit zwei Argumenten. Erstens: Diversity an der Uni ist gut, weil durch die Vielfalt der Menschen eine Vielfalt der Perspektiven und somit exzellente Wissenschaft befördert wird. Originelle Forschung entsteht nicht, weil man alles so macht wie immer.

ZEIT: Und zweitens?

Çağlar: Wir wollen die besten Köpfe! Deshalb sollte der Pool, aus dem wir Studierende, Lehrende und Forschende rekrutieren, nicht von vornherein auf einen begrenzten Ausschnitt der Gesellschaft reduziert werden. Wir sollten uns nicht selbst einschränken, indem wir bestimmte Menschen einfach nicht berücksichtigen.