ZEIT: Beide Argumente haben eine Verwertungslogik. Auch Unternehmen werben so für sich. Ist Diversity ein Mittel, seinen Profit zu steigern?

Çağlar: Die Management-Literatur sieht das tatsächlich so. Diversity-Politik lässt sich darauf jedoch nicht reduzieren: Hochschulen müssen diskriminierungsfrei werden, damit sie ihre Originalität weiter entfalten können. Leistung und Gerechtigkeit schließen sich nicht gegenseitig aus.

ZEIT: Manchmal wird Diversity als Minderheitenförderung verlacht.

Çağlar: Es geht um die Förderung derjenigen, die entmutigt werden oder aus dem Blick geraten, wenn man Exzellenz immer nur bei denen vermutet, die den bisherigen Professoren ähnlich sind. Das darf man auf gar keinen Fall verwechseln. Diversity ist nichts, was die Standards senkt. Förderung von Minderheiten steht der Spitzenforschung nicht entgegen, sondern bedingt sie.

ZEIT: Sie selbst sind eine junge und hoch qualifizierte Wissenschaftlerin, geboren in Frankfurt, mit Migrationshintergrund. Werden Sie im Berufsalltag manchmal angefeindet?

Çağlar: Ich bin mir auf jeden Fall meiner Position sehr bewusst. Ich komme aus keiner akademischen Familie, und für mich ist vieles nicht selbstverständlich. Mein Weg war möglich, weil es immer Menschen gab, die mich gesehen und gefördert haben. Gleichzeitig wurde und werde ich aber immer auch unterschätzt.

ZEIT: Und diskriminiert?

Çağlar: Nicht im rechtlichen Sinne und nicht offen. Es ist aber auch eine implizite Botschaft, wenn man als Kind jede Woche von den Nachbarn gefragt wird: Wann gehen deine Eltern eigentlich zurück in die Türkei?

ZEIT: Universitäten sind ziemlich kreativ darin, ihre Diversity zu bewerben. Ist der Kita-Platz für Professorinnenkinder wirklich ein Zeichen für Vielfalt und Fortschritt?

Çağlar: Viele Institutionen möchten beweisen, dass sie Diversity ernst nehmen. Dann zeigt man eben den Behinderten-Beauftragten oder das Familien-Büro. Das ist auch gut so, wenngleich ein Gutteil der Maßnahmen auf gesetzlichen Vorgaben beruht. Aber ein Konzept ist das noch nicht. Wenn Kita-Plätze dazu führen, dass der Anteil der Professorinnen steigt, dann wirkt sich das allerdings auch auf die Studierenden und den wissenschaftlichen Nachwuchs aus. Ich selbst profitiere von solchen Maßnahmen.

ZEIT: Ja?

Çağlar: Ich kann dieses Interview nur führen, weil es inzwischen in den Schulferien eine Kinderbetreuung an der Uni gibt. Das ist sehr zu begrüßen. Am Ziel sind wir damit aber noch nicht.