Als Feuerqualle kann man in diesen Tagen nur den Kopf schütteln, also: könnte man, wenn man einen hätte. Aber die Feuerqualle hat nicht einmal ein Gehirn, das hat kein Nesseltier, und das ist auch nicht das Problem. Das Problem ist, wie so oft, der Mensch mit seiner Kurzsichtigkeit. Da leuchtet die Qualle schon wie ein glühend heißer Feuerball, und dennoch wird sie übersehen.

"Feuerquallen verletzen Badegäste an der Ostsee", heißt es seit einigen Wochen in den Nachrichten. Mal 50, wie Ende Juli auf Fehmarn, mal 90, wie Anfang August in Heiligendamm. Sommerfrohe Urlauber, die ihre sonnenmilchigen Körper dem Meer anvertrauen, in der Annahme, in dieser Idylle mache auch die Natur Ferien, verschone sie von Gewalt. Und dann aus dem Nichts dieses plötzliche Brennen, dieser stechende Schmerz, elende Feuerqualle, gemeines Ding.

"Das war keine Absicht", würde die Feuerqualle vielleicht sagen, könnte sie etwas sagen. Sie teilt sich aber allein über ihre Tentakel mit, manche sind bis zu 30 Meter lang. Sie hängen an ihrem flachen Schirm wie dünne Fäden aus Gelatine. An jedem davon gibt es Tausende winzige Kapseln, gefüllt mit einem für Menschen unangenehmen, aber ungefährlichen Gift. Kommen diese Nesselzellen in Kontakt mit anderen Lebewesen, entladen sie sich. Eine automatische Reaktion, keine gezielte Attacke.

Quallen sind passive Wesen, wählen stets den Weg des geringsten Widerstands. Sie zählen zum Plankton, das heißt, sie treiben mit dem Wind. Kommt der von Westen, wie zuletzt, dann werden sie von der Nord- in die Ostsee geschwemmt, von Dänemark bis nach Rügen. Eine Plage – für alle Beteiligten. Als ob die Feuerqualle freiwillig wandern würde! Der Salzgehalt in der Ostsee: zu niedrig. Das Angebot an Kleinstkrebsen und übriger Nahrung: zu einseitig. Und dann diese Vorurteile, Strandkörbe gefüllt mit Unwissenheit.

Manche Menschen können die Feuerqualle nicht einmal von der Ohrenqualle, der häufigsten Quallenart in der Ostsee, unterscheiden. Dabei sieht die ganz anders aus, kreisrund, mit eisblauem Schimmer und ohrenförmigen Kringeln in der Mitte, und ohne giftgefüllte Tentakel.

"Obwohl die Quallen älter sind als Dinosaurier, wissen wir sehr wenig über sie", sagt die Frau, die am meisten über Quallen in der Ostsee wissen muss. Jamileh Javidpour leitet am Geomar Helmholtz-Zentrum in Kiel die Forschungsgruppe Quallen. Mit ihrem Forschungsschiff Polarfuchs fahren sie und ihr Team die Küste ab, mehrmals pro Woche, in der Hoffnung, die Tiere zu finden. "Wir haben spezielle Netze, durch die normalen fallen die meisten durch, schließlich sind die für Fische gemacht." Ließe sich die Feuerqualle braten oder grillen, räuchern oder frittieren, stünde sie nun vielleicht auf der Speisekarte. Dann würde sich auch die Gastro-Industrie für sie interessieren. Aber die – und mit ihr die Wissenschaft, die oft auf ihre Mittel angewiesen ist – legte bisher den Fokus auf den Fisch, den größten Feind der Feuerqualle.