Das Meer unterscheidet sich vom Land nicht zuletzt dadurch, dass man dort keine Mauern und keine Friedhöfe errichten kann. Gäbe es so etwas wie schwimmende Friedhöfe, würden die Gräberfelder der im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlinge viele Hektar bedecken.

Am anderen Ende der Welt, im Südchinesischen Meer, könnte man mit Gedenksteinen für Flüchtlinge eine ganze Insel aufschichten. Niemand weiß, wie viele Menschen nach dem Ende des Vietnamkrieges die Flucht über das Meer mit dem Leben bezahlten. Einige Zehntausend waren es mindestens, die auf dem weiten Weg nach Malaysia, Indonesien und den Philippinen verdursteten, verhungerten oder in Sturmfronten ertranken. Man nannte die Flüchtlinge Boatpeople, weil sie auf so kleinen, zerbrechlichen und selten hochseetüchtigen Schiffen – oft waren es alte Fischerboote – vor der kommunistischen Unterdrückung in ihrer Heimat flohen.

Die westlichen Staaten handelten entschlossen, um das Elend zu beenden. Allen Widerständen und Schwierigkeiten zum Trotz schmiedeten sie eine Koalition der Helfer. Und dieser Einsatz Ende der Siebzigerjahre ist nur eines von mehreren historischen Beispielen für eine solche Zusammenarbeit. Umstritten waren die Hilfen auch damals schon; es gab wie heute Stimmen, die eine Abschottung forderten. Dennoch führt die Geschichte der Flüchtlingspolitik vor Augen, dass ein gemeinsames Vorgehen, das sich an humanitären Ideen ausrichtet, keineswegs so unmöglich ist, wie es gern dargestellt wird.

Die Boatpeople bewegten das Gewissen der westlichen Welt. Das hing mit der Niederlage der USA im Vietnamkrieg und der umstrittenen amerikanischen Kriegsführung zusammen – und wohl auch mit der Tatsache, dass sich aus Niederlagen leichter lernen lässt als aus Siegen.

Fluchtursachen gab es damals schon viele: Hunderttausende Südvietnamesen wurden nach dem Sieg Nordvietnams enteignet und in Umerziehungslager gesteckt. Die Kollektivierung der Landwirtschaft verstärkte die durch den langen Krieg verursachte Not, sodass auch wirtschaftliche Motive die Menschen zur Flucht trieben. Außerdem gab es eine ethnische Komponente, denn etwa ein Viertel der Flüchtlinge waren Chinesen, die in Vietnam traditionell einen großen Teil der wirtschaftlichen Elite gestellt hatten.

Am Anfang stehen die Erfahrungen des Kalten Kriegs

Mindestens eine Million Menschen flohen in der zweiten Hälfte der Siebzigerjahre aus Vietnam, viele von ihnen über den gefährlichen Seeweg. Der Exodus begann 1975 mit einer Evakuierungsaktion: Etwa 130.000 Mitarbeiter des südvietnamesischen Regierungsapparats, Militärs und Polizisten, welche die USA lieber nicht in den Händen der Kommunisten sehen wollten, wurden mit dem Abzug der US-Truppen außer Landes gebracht. Die gesetzliche Grundlage dazu bildete der Indochina Migration and Refugee Act, der erstmals einer größeren Zahl asiatischer Flüchtlinge Zugang zu den USA verschaffte. Heute würden die regierenden Rechtsnationalisten wohl davor warnen, dass so Schleusen geöffnet und gefährliche Feinde ins Land kommen würden. Doch 1975 regierte der republikanische Präsident Gerald Ford, der keinen Zweifel daran hatte oder streute wie heute Donald Trump, dass die US-Geheimdienste im Interesse des eigenen Landes wirkten.

Fords demokratischer Nachfolger Jimmy Carter ging 1978 noch einen Schritt weiter. Angesichts der Not in den Flüchtlingslagern an den Grenzen Thailands zu Kambodscha und Laos brachte er den Kongress dazu, der Aufnahme von 25.000 Flüchtlingen zuzustimmen. Bis 1980 immigrierten rund 400.000 Menschen. Mit der Aufnahme der Indochina refugees distanzierte sich die amerikanische Gesellschaft demonstrativ von der Kriegsführung in Vietnam und den diskriminierenden Einwanderungsvorgaben, die bis dahin gegolten hatten.

Wie radikal die Kehrtwende war, lässt sich nur vor dem historischen Hintergrund begreifen. 1882 hatten die USA im Chinese Exclusion Act ein Immigrationsverbot für Ostasiaten erlassen. Das Einwanderungsgesetz von 1924, das zur weitgehenden Abschottung der USA führte, basierte auf nationalen Quoten, die sich vor allem gegen Süd- und Osteuropäer und damit gegen Juden richteten. Nach dem Holocaust machten die USA eine Ausnahme für etwa 300.000 jüdische Displaced Persons und für Osteuropäer, die vor den Kommunisten flohen. Doch im Prinzip richtete sich die Einwanderungspolitik der USA bis Mitte der Sechziger nach utilitaristischen Kriterien – ähnlich in Kanada und Australien. Einwandern durfte nur, wer den USA nützlich zu werden versprach.

Man mag das als amoralisch empfinden, doch ein Vorteil liegt darin, dass man damit einen zwar beschränkten, aber mehrheitlichen Konsens für die Einwanderung erzeugen kann. Das Selbstverständnis der USA als Einwanderungsland ging daher trotz des Bruchs von 1924 nie verloren.

Die Aufnahme der Flüchtlinge aus Südostasien nun wurde vor allem moralisch begründet und gab der internationalen Flüchtlingspolitik über mehrere Jahrzehnte eine normative Ausrichtung, die mit der Wahl Trumps und dem Aufstieg anderer Rechtsnationalisten an ein Ende gekommen ist.