Um kurz vor fünf, noch bevor die Sonne aufgeht, ist es fast still auf der Startbahn. Die Flugzeuge, die spät am Abend angekommen sind, ruhen in ihren Parkpositionen, nur ab und zu gleitet ein Elektroauto fast geräuschlos übers Gelände, Vögel singen.

Im Terminal steht Susana Gomez mit ihren zwei Töchtern, Maria und Nadia, elf und zwölf Jahre alt. Vor, hinter, neben ihnen Hunderte Menschen. Passagiere, die schnaufend ihren hoffentlich nicht zu schweren Koffer auf die Waage hieven, Babys, die in Tragetüchern weinen, Eltern, die aus müden und leicht gestressten Augen schauen. Es ist der 5. Juli 2018, ein Donnerstag, in Hamburg haben die Schulferien begonnen, und Eurowings, die Billiglinie der Lufthansa, hat zehn Schalter geöffnet, dazu acht Self-Check-ins. Das alles reicht aber nicht, um die Massen zu bewältigen. Eine Dreiviertelstunde muss Familie Gomez anstehen. Wenn um 6.40 Uhr der Flieger von Susana, Maria und Nadia abhebt, werden sie nur drei von 33.460 Passagieren sein, die an diesem Tag von Hamburg aus fliegen, in die Welt oder nur in eine andere deutsche Stadt.

Die Flugsicherung zeichnet regelmäßig auf, wie viele Flugzeuge über Deutschland hinwegfliegen. Am 29. Juni dieses Jahres gab es im deutschen Luftraum 11.015 Flüge. Das ist Rekord. Wenn man mit verschiedenen Farben die einzelnen Routen in eine Deutschlandkarte einzeichnet, sieht das aus, als ob ein Kleinkind versucht, etwas auszumalen: Fast alles ist bunt, nur hier und da ein paar weiße Lücken.

Wurden 1997 noch 62 Millionen Passagiere gezählt, die in Deutschland in ein Flugzeug stiegen, sind es heute 119 Millionen pro Jahr. Fast doppelt so viele. Der Flugverkehr wächst und wächst, auch weil die Preise gleichzeitig fallen und fallen.

Längst kann sich Fliegen fast jeder leisten: die Studentin, die mal eben für 30 Euro von Hamburg nach Paris jettet, um sich den Louvre anzuschauen, anstatt nur über ihn zu lesen. Geschäftsleute, die für einen Termin morgens nach London und nachmittags wieder zurückreisen. Jetzt, im Sommer, die Urlauber. Und Familien wie die von Susana Gomez, die Verwandte besuchen.

Susana Gomez stammt aus Marbella, eine gute halbe Stunde Autofahrt von Málaga entfernt. Sie zog vor 13 Jahren nach Hamburg, der Liebe wegen. Sie heiratete, bekam zwei Kinder. Susana Gomez fand eine Arbeit in einem Kosmetikstudio und neue Freunde. Ihr Leben hat seinen Mittelpunkt in Hamburg, doch sooft es geht, fliegt sie nach Spanien, zu ihren Eltern, Geschwistern und Nichten. Fast 3000 Kilometer liegen zwischen Hamburg und Marbella. Das Flugzeug verbindet Menschen und Kulturen über weite Distanzen, es federt die Globalisierung ab – und befördert sie zugleich. Für Susana Gomez, die heute zunächst nach Düsseldorf und dann weiter nach Málaga fliegt, wäre ein Leben ohne Flugreisen kaum noch vorstellbar, wie für so viele.

Dabei war Fliegen einst das Unglaublichste, was man sich vorstellen konnte, ein Menschheitstraum, etwas ganz und gar Übernatürliches. Vor mehr als einem Jahrhundert bauten Luftfahrtpioniere wie Otto Lilienthal und die Brüder Wright die allerersten Flugzeuge. Sie brachten dem Menschen bei, was bis dahin nur Vögel konnten. Danach ging es immer höher, schneller, weiter. Allerdings zunächst nur für einige wenige. Das Fliegen blieb lange etwas für die Reichen, Schönen und Berühmten. Ein Flug von England nach New York mit der legendären Pan Am, der ersten internationalen Airline der USA, kostete in den Fünfzigern 270 Dollar, das entspricht heute ungefähr 2100 Euro. Nicht nur die Preise waren exklusiv. Die Passagiere trugen Anzug oder Cocktailkleid, die Stewardessen – von Scouts handverlesen – servierten Champagner und Gänseleber.

Immer mehr Europaflüge

Starts an deutschen Flughäfen von 1990–2017 in Tausend

Statistisches Bundesamt © ZEIT-Grafik

Es war eine kleine Revolution, als 1958 die Economyclass eingeführt wurde und von nun an auch Menschen mitfliegen konnten, die nicht reich waren wie Hollywoodstars. Das Fliegen wurde, zaghaft noch, aber doch: demokratisiert. Spätestens als die großen Reiseveranstalter Charterflüge anboten und Urlauber nach Mallorca brachten, nach Gran Canaria und Kreta, war es in der Mittelschicht angekommen. Eine Spur von Extravaganz blieb, selbst in den Achtzigerjahren, als im Fernsehen eine schöne Frau mit wallendem Haar aus dem Flugzeug stieg, dazu der Slogan: "Zwischenstopp München, es ist ziemlich windig, perfekter Sitz. Drei-Wetter-Taft." Doch während im Fernsehen noch alles mondän war, trat in der Wirklichkeit Ryanair auf den Plan, der erste große Billigflieger. Und irgendwann war die Frau mit dem wallenden Haar verschwunden, stattdessen warb der Fußballfunktionär Reiner Calmund: "Finde den billigsten Flug!", und machte im Clip Witze über seine eigene Körperfülle.

Heute sitzen die Menschen nicht in Abendgarderobe, sondern im Jogginganzug im Flugzeug. Fliegen ist so normal wie U-Bahn fahren geworden, eine Fortbewegungsmöglichkeit, die man gedankenverloren nutzt und die sich nur ins Bewusstsein drängt, wenn irgendetwas nicht funktioniert.

Urlaub - Fliegen mit gutem Gewissen Der Flugverkehr wächst stetig von Jahr zu Jahr, die CO2-Emissionen belasten das Klima erheblich. Was können wir in der Reiseplanung tun, um den Klimawandel zu bremsen? Ein Vorschlag © Foto: Athanasios Gioumpasis / Getty Images