Fliegen ist aber auch: eine Katastrophe für die Umwelt. Das allein ist keine Neuigkeit. Und doch wusste man nie mehr als heute darüber, wie schädlich das Fliegen wirklich ist – und nie wurde dieses Wissen stärker ignoriert: von Politikern wie von Passagieren.

Andreas Zahn steht in einer Halle auf dem Gelände des Karlsruher Instituts für Technologie und wischt sich den Schweiß vom Gesicht. Hinter ihm ist ein Labor aufgebaut. Drei Meter lang, 1,60 Meter hoch, fast zwei Tonnen schwer – ein Ungetüm aus Metall und lose herunterhängenden Kabeln, das aussieht wie ein überdimensionales ausgeschlachtetes Autoradio. Von oben brennt die Sonne aufs Hallendach, eine kleine, nicht sehr subtile Ermahnung an Andreas Zahn, wie wichtig seine Arbeit ist.

Zahn ist Atmosphärenforscher, seit mehr als 25 Jahren ist es sein Job, herauszufinden, was in neun bis 13 Kilometer Höhe passiert, wenn dort Flugzeuge fliegen. Deshalb schickt er sein Labor, das er mit zehn anderen Forschungseinrichtungen aus den USA und Europa entwickelt hat, auf Reisen. Einmal im Monat lässt Zahn es in den Bauch eines Airbus von Lufthansa laden, in den Frachtraum hinter den Koffern der Passagiere. In zwei Wochen geht es wieder los, von München nach Mexiko und zurück, dann nach Tokio. Hat das Flugzeug die Startphase abgeschlossen, wird, ohne dass die Passagiere irgendetwas davon mitbekommen, Luft von außen in das fliegende Labor geleitet. Dann werden Substanzen gemessen: Fluorchlorkohlenwasserstoffe, Ozon, Wasserdampf, Stickoxide, Aerosole, CO₂. Die Ergebnisse werden später an mehr als 100 Institute in der ganzen Welt übermittelt. Dort speisen Wissenschaftler die Daten in ihre Atmosphären- und Klimamodelle ein.

Flugzeuge setzen beim Verbrennen von Kerosin CO₂ frei, genauso wie Industrieanlagen und Autos. Das CO₂ legt sich um die Erde wie eine die ganze Welt umspannende wärmende Decke: der Treibhauseffekt. Man könnte sich damit beruhigen, dass das Fliegen gar nicht so viel dazu beiträgt, jedenfalls im Vergleich mit dem Auto: Etwa eine Milliarde Tonnen CO₂ werden jährlich durch den Flugverkehr freigesetzt – was nach viel klingt, macht gerade mal drei Prozent aller weltweiten Emissionen aus. Der Straßenverkehr ist für 17 Prozent verantwortlich, fast sechsmal so viel. Die Sache hat aber einen Haken, sagt Zahn: Das ausgestoßene CO₂ ist nicht das einzige Problem. Die Stickoxide und all die anderen Stoffe – Aerosole, Ruß, Kohlenmonoxid – verursachen in der Höhe eine Nebenwirkung, die Zahn "die große Unbekannte" nennt.

Die Unbekannte ist eine Schönheit, die Begleiterin des guten Wetters. Oft sieht sie aus wie gemalt. Verschwörungstheorien ranken sich um sie. Fachleute haben sie im vergangenen Jahr "Homomutatus" getauft. Nichtfachleute sagen Kondensstreifen.

In großer Höhe, dort, wo Flugzeuge fliegen, ist es sehr kalt, bis minus 50 Grad Celsius. Die Luft erreicht oft eine Feuchtigkeit von nahezu 100 Prozent, trotzdem gibt es dort oben normalerweise keine Wolken. Dafür fehlen jene Partikel, um die herum sich die ersten Tröpfchen bilden könnten. Die liefert jetzt das Abgas der Flugzeuge, und so entstehen Wolken in einer Höhe, in der es sie sonst kaum gibt.

Manchmal bleiben die Kondensstreifen nur für Sekunden am Himmel, manchmal für Stunden, manchmal sogar für Tage.

Diese künstlichen Wolken stehen im Verdacht, die Erde aufzuheizen – anders als normale Wolken, die die Erde abkühlen. Die Kondensstreifen wirken offenbar genauso wie das Treibhausgas CO₂ selbst.

"Wahrscheinlich ist", sagt Zahn, "dass der Flugverkehr stärker für den Klimawandel verantwortlich ist, als der reine CO₂-Ausstoß vermuten ließe." Der wahre Wert könnte bis zu dreimal höher sein. Damit wäre der Effekt, den der Flugverkehr verursacht, größer als der gesamte Kohlendioxid-Ausstoß Indiens – des drittgrößten CO₂-Verursachers der Welt.

Meteorologen des Max-Planck-Instituts haben berechnet, dass nur infolge des Flugverkehrs jedes Jahr 6000 Quadratkilometer Meereis in der Arktis schmelzen. Das entspricht ungefähr der achtfachen Fläche Hamburgs. Im Pariser Klimaabkommen – unterzeichnet von 195 Staaten und der EU, die den CO₂-Ausstoß reduzieren wollen, um die Erhöhung der globalen Durchschnittstemperatur zu begrenzen – sind die Emissionen des Flugverkehrs nicht einmal berücksichtigt. Man konnte sich nicht einigen, welchen Staaten man den Ausstoß der Flieger zuordnen sollte.