Michael Cramer seufzt. Er spricht von Förderrichtlinien, versteckten Subventionen, heimlicher Bevorzugung, von "diskriminierten Verkehrsmitteln".

Seit 14 Jahren ist Cramer Verkehrspolitiker. Er kommt aus Berlin und sitzt für die Grünen im Europäischen Parlament. Was er mit "Diskriminierung" meint, erklärt Cramer gern an einem Beispiel: der Strecke zwischen Berlin und Breslau. Die Bahnverbindung gibt es schon seit den Dreißigerjahren. Damals brauchte man für die Reise zweieinhalb Stunden. Nach dem Zweiten Weltkrieg bauten die Russen die Bahngleise ab, seither fahren die Züge stellenweise bis zur polnischen Grenze nur noch eingleisig und sogar ohne Elektrizität, es muss zwischendrin eine Diesellok vor den Zug gekoppelt werden. In Polen geht es wieder schneller, dort hat die Regierung für den zweigleisigen Ausbau gesorgt. Die Bundesregierung hat die Modernisierung bis heute verschleppt, immer war anderes wichtiger. Heute, mehr als 70 Jahre nach Kriegsende, braucht man von Berlin nach Breslau fünfeinhalb Stunden. Ein Ticket zum nächstgelegenen Flughafen Krakau gibt es schon ab 30 Euro. Der Flug dauert eine Stunde.

Seit Jahren beobachtet Cramer, wie der Flugverkehr zunimmt, wie er immer günstiger wird. Wie Flughäfen, unterstützt von Regierungen, versuchen, sich gegenseitig die Passagiere wegzuschnappen. Airlines, die etwa Berlin als neue Destination aufnehmen, werden in der Anfangszeit von Flughafengebühren befreit. So umgarnen die Städte und Regionen die Fluggesellschaften. Die Subventionen tragen zum Preiskampf der Airlines bei.

Es wäre, sagt Cramer, so einfach. Wer viel CO₂ produziert, müsste viel zahlen. Die Wirklichkeit ist das exakte Gegenteil: Der deutsche Staat verzichtet bei Auslandsflügen auf die Mehrwertsteuer, kassiert sie aber bei Bahntickets und an Tankstellen. Auch eine Kerosinsteuer gibt es nicht, eine Mineralölsteuer für Autos schon.

Fliegen ist nur deshalb so erschwinglich, weil der Staat es unterstützt. Weil er die Schäden ignoriert, die das Fliegen anrichtet. Denn Flughäfen bringen Wirtschaftswachstum, Jobs, Tourismus, Messegäste. Flughäfen machen Städte attraktiv.

Cramer selbst lebt "seit 1979 mobil ohne Auto", aber er weiß, dass man starke Überzeugungen braucht, um so etwas durchzuhalten. Er weiß, dass die meisten Menschen erst dann freiwillig weniger fliegen werden, wenn es gute Alternativen gibt. Wie neuerdings die Strecke München–Berlin, die der ICE in knapp vier Stunden schafft. Solche Verbindungen gebe es viel zu selten. Stattdessen: Hat die Bahn den "wunderbaren" Nachtzug zwischen Berlin und Brüssel eingestellt, sodass jetzt sogar Cramer ab und zu zähneknirschend in den Flieger steigt.

"Meine Damen und Herren, wir sind soeben gelandet, bitte bleiben Sie noch angeschnallt sitzen, bis wir unsere endgültige Parkposition erreicht haben." Um 7.35 Uhr landet die Eurowings-Maschine in Düsseldorf. Eine Stunde Aufenthalt haben Susana Gomez und ihre Kinder, bevor sie in den Anschlussflieger steigen, der sie nach Málaga bringt.

Zweimal starten, zweimal landen, zwei Piloten, zwei Co-Piloten, acht Stewardessen, der Kerosinverbrauch, zweimal Flughafengebühr, all das ist im Ticket mit drin. Insgesamt 515,17 Euro hat die Mutter für den Hinflug bezahlt, für drei Personen. Das klingt nicht nach viel Geld für alle diese Leistungen, aber auch nicht nach wenig, wenn man bedenkt, dass die gleiche Strecke manchmal für unter 100 Euro angeboten wird. Der Preis war für Susana Gomez so hoch, weil in Hamburg Sommerferien sind.

Das Paar, das nun auf dem Weiterflug von Düsseldorf nach Málaga neben der Familie sitzt, hat nur 40 Euro pro Person bezahlt: Düsseldorf–Málaga, hin und zurück. Das Parkhaus, in dem das Ehepaar sein Auto am Düsseldorfer Flughafen für die nächsten zehn Tage abgestellt hat, kostet 140 Euro. Manchmal zahlen die beiden auch nur das Parkhaus. Sie haben Vielfliegerkarten, sie besitzen ein Ferienhaus in der Nähe von Málaga. Früher waren diese Plastikkärtchen ein Statussymbol. Heute besitzt sie fast jeder. Allein Miles & More, das Programm der Lufthansa, hat 30 Millionen Kunden, die mit der Karte bei 40 Fluglinien und in mehr als 300 Geschäften Punkte sammeln können – um sie dann in eine Kaffeemaschine einzulösen, einen Koffer, eine Kiste Wein. Oder in einen weiteren Flug.