Warum werden immer mehr Schwimmbäder geschlossen?

Von Mark Schieritz

Es sind merkwürdige Schlagzeilen, die dieser Hitzesommer produziert: In deutschen Städten war zuletzt der Andrang vor den Freibädern so groß, dass sie wegen Überfüllung keine Gäste mehr aufnehmen konnten. Zugleich vermeldete die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft, dass allein in den vergangenen beiden Jahren in Deutschland 40 Bäder geschlossen wurden, 105 droht die Schließung.

Wie passt das zusammen?

Bei dieser Frage geht es um mehr als um ein wenig Abkühlung an heißen Tagen. Das Freibad ist in vielen deutschen Städten und Gemeinden öffentlicher Raum in seiner ursprünglichsten Bedeutung: eine Stätte der Begegnung, in der Reiche und Arme, Rechte und Linke, Ausländer und Einheimische aufeinandertreffen. Der Schriftsteller und Architekt Max Frisch, der in den Vierzigerjahren das Freibad Letzigraben bei Zürich entwarf, notierte in seinem Tagebuch: "Die Rasen sind voll von Menschen, halb nackt und halb bunt, und es ist etwas wie ein wirkliches Fest." Dem Land würden solche Feste guttun – nicht nur, weil es gerade warm ist.

Das Bädersterben ist ein Lehrstück über das, was zuletzt in Deutschland wirtschaftspolitisch falsch gelaufen ist. Dass es hierzulande, gemessen an der Zahl der Einwohner, immer noch mehr Freibäder gibt als in fast jedem anderen Land der Welt, ist nämlich keine Fügung des Schicksals, sondern Ergebnis einer politischen Richtungsentscheidung. Sie führt ins Jahr 1961, in dem die Deutsche Olympische Gesellschaft, ein gemeinnütziger Verein von "Freunden und Förderern des Sports", den sogenannten Goldenen Plan vorstellte: ein Programm zur Förderung von "Stätten der Gesundheit, des Spiels und der Erholung" in dem noch vom Krieg gezeichneten Land. Der Goldene Plan wurde zu einer Art inoffizieller Leitlinie für die Politik. In nur zehn Jahren wurden 1840 neue Hallenbäder und 950 Freibäder gebaut – mit Zuschüssen vom Bund.

Heute fällt es vielen Städten und Gemeinden schon schwer, den Bestand zu erhalten. Mit den Eintrittsgeldern lässt sich im Schnitt nur etwa ein Drittel der Kosten decken, den Rest müssen die Kommunen beisteuern. Das können sich viele finanzschwache Kommunen nicht leisten, wie es beim Deutschen Städte- und Gemeindebund heißt. Obwohl die Steuereinnahmen in den vergangenen Jahren kräftig gestiegen sind.

Ein Freibad ist eine Daueraufgabe: Becken müssen regelmäßig erneuert, die Wasseraufbereitung ausgetauscht, Liegewiesen gepflegt werden. Geschieht das nicht, verschlingt die Sanierung selbst kleinerer Bäder schnell Millionen. So rächt sich in diesem Sommer auch, dass in den vergangenen Jahren die öffentlichen Investitionen in Deutschland zusammengestrichen wurden.

An dieser Stelle wird die Angelegenheit ein wenig kompliziert. Das Freibad ist schließlich auch ein Symbol für kommunalpolitischen Größenwahn. Die vor allem in Ostdeutschland mit viel Steuergeld errichteten Spaßbäder machen sich gegenseitig die Besucher streitig, und wäre das Geld weiter geflossen, stünden noch mehr davon in der Landschaft herum.

Doch wie so häufig wurde im allgemeinen Spareifer irgendwann nicht mehr zwischen sinnvoller und sinnloser Förderpolitik unterschieden. Nach einer Studie der Deutschen Gesellschaft für das Badewesen ist heute jedes zweite Bad sanierungsbedürftig. Mit den Freibädern verhält es sich wie mit dem Rest der Infrastruktur in vielen Kommunen: Sie sind Opfer eines wirtschaftsliberalen Zeitgeists, der für eine staatliche Daseinsfürsorge nicht viel übrig hatte. Einer Erhebung der Staatsbank KfW zufolge beläuft sich der kommunale Investitionsrückstand insgesamt inzwischen auf unfassbare 159 Milliarden Euro.

Die Bundesregierung hat zwar zuletzt wieder Förderprogramme für die Kommunen aufgelegt, aber die helfen nur bedingt. In manchen Fällen reicht das zur Verfügung gestellte Geld nicht, in anderen kann es nicht abgerufen werden, weil in Gemeindeverwaltungen nach jahrelangen Personalkürzungen Planer und Architekten fehlen und Handwerksfirmen voll ausgelastet sind. Es gibt nicht genug Fachkräfte – das gilt auch für die Bäder selbst. In Baden-Württemberg müssen einige Freibäder die Öffnungszeiten einschränken, weil es nicht genügend Bademeister gibt.

Nicht selten werden die Menschen nun selbst aktiv. Überall in Deutschland sind in den vergangenen Jahren sogenannte Bürgerbäder entstanden. Das Konzept: Bürger einer Gemeinde gründen einen Trägerverein, der mithilfe von Spenden und Mitgliedsbeiträgen das Bad finanziert. Das Eisebad in Schwerte oder das Freibad Bornekamp in Unna konnten so vor dem Verfall bewahrt werden. Mit solchem Engagement lassen sich einige Bäder retten, es kann aber nicht die flächendeckende Versorgung sicherstellen. Das wäre Sache der Politik, genau wie in den Sechzigerjahren, als im Land Hunderte neue Bäder gebaut wurden.