Ercan Karakoyun ist Sprecher der deutschen "Stiftung Dialog und Bildung", die zur Gülen-Bewegung gehört. Diese Bewegung wird von der türkischen Regierung für den gescheiterten Putschversuch 2015 verantwortlich gemacht und ihre werden Anhänger verfolgt. In diesem Gastbeitrag schildert er seine Sicht auf den Konflikt.

Bei einer Hexenjagd ersetzt Willkür das Recht. Einst, zu Beginn der Neuzeit, traf es Frauen. Jede konnte in den Augen der Kirche eine "Hexe" sein. Der Verdacht genügte. Stritt die Frau ab, hatte sie einen Pakt mit dem Teufel und kam auf den Scheiterhaufen. Gab sie alles zu, landete sie ebenfalls dort. Frauen waren Sündenböcke für jedes Übel, ob Krankheit oder Tod, Hagel oder Hitze.

So gesehen hat Erdoğan eine clevere Wahl getroffen, als er 2016 den muslimischen Geistlichen Fethullah Gülen und seine Bewegung Hizmet als Strippenzieher des Putschversuchs ausmachte – ohne je einen Beweis vorgelegt zu haben. Erdoğan benannte einen Schuldigen und eröffnete die Hexenjagd. Sie betrifft auch angebliche Freunde Gülens, so wie jetzt den US-Pastor Brunson. Wer aber ist Gülen? Ein konservativer Erneuerer des Islams, der einst an der Seite der AKP stand und seit 1998 in den USA lebt. Ein populärer Prediger, der Millionen Türken begeisterte und unter dem Motto "Baut Schulen statt Moscheen" weltweit Gymnasien und Universitäten gründen ließ. Seine Bücher waren Bestseller: Fast jeder Türke hatte eins im Regal. Auf Hunderten "Hizmet-Schulen" machten Menschen Abitur, sogar die Schwiegersöhne Erdoğans.

Die Absolventen kamen Erdoğan zu Beginn seiner Amtszeit als Präsident wie gerufen. Sie unterstützten ihn bei seinem ursprünglichen Vorhaben, die Türkei zur modernen Demokratie zu formen. So errangen viele "Gülenisten" Macht. Doch dann kam es zum Bruch, weil Hizmet und die AKP religionspolitisch nicht konform gingen. Anders als Erdoğan ist Gülen ein Kritiker des politischen Islams: Wer Politik und Religion vermische, mache aus dem Islam eine Ideologie. Religionsfreiheit sei oberstes Gebot.

Ja: Es gibt Hizmet-Leute, die haben den Wandel Erdoğans zum Autokraten zu spät erkannt, seinen undemokratischen Kurs unterstützt und ihm geholfen, politische Gegner auszuschalten. Ein dunkles Kapitel, das noch aufzuarbeiten ist! Aber: Fethullah Gülen selbst predigte stets den Dialog mit anderen Kulturen. Rund um den Globus kooperierten Juden, Christen, Buddhisten, Aleviten und Säkulare mit ihm und seinen Anhängern. Auch das machte ihn in den Augen Erdoğans zum Gegner. Die Folge: Wen auch immer die AKP heute aus dem Weg räumen will, den nennt sie einen Freund Gülens und wirft ihm "Unterstützung einer terroristischen Vereinigung" vor. Seit Juli 2016 wurden in der Türkei rund 130.000 Menschen wegen angeblicher Nähe zu Hizmet festgenommen, mehr als 200.000 Menschen verloren ihren Job. Tausende flüchteten nach Deutschland. Eigentum im Wert von 15 Milliarden Dollar wurde beschlagnahmt. Der türkische Geheimdienst MIT spioniert im Ausland vermeintlichen Gülen-Anhängern nach, um sie, wie im Kosovo oder in Pakistan geschehen, in die Türkei zu entführen. In Deutschland kooperierte der MIT mit türkischen Moscheen und der Rockerbande Osmanen Germania, die inzwischen verboten wurde.

Doch auf solch skandalöses Vorgehen weisen wir Vertreter der deutschen Hizmet-Bewegung meist vergeblich hin. Bei der deutschen Mehrheitsgesellschaft finde ich, obwohl hier geboren und deutscher Staatsbürger, als "Türke" schwer Gehör. Für Deutschtürken bin ich wahlweise Staatsfeind (so sehen es Erdoğan-Anhänger) oder zu frommer Muslim, wenn nicht gar Islamist (so sehen es säkulare Kemalisten). Zugleich ergeht der Vorwurf der Intransparenz und Geheimbündelei, egal, was ich als Vorsitzender der Hizmet-Stiftung Dialog und Bildung sage.

Erdoğans Kalkül geht auf. Die Angst geht um. Seine Gegner verstummen. Vor zwei Wochen ertranken sechs Gülen-Anhänger vor der griechischen Küste auf der Flucht aus der Türkei. Sogar in Deutschland schweigen die Hizmet-Leute. Sie fürchten um ihr Leben. So geht Hexenjagd.