Seit Monaten wabert eine sonderbare Debatte durchs Geäst: ob es denn einen "progressiven Heimatbegriff" brauche. Oder, wie auch gelegentlich gefragt wird, "ob ein weltoffener Heimatbegriff zurückerobert werden" müsse. Meist fällt die Frage gleich als Imperativ ins Haus: "Die Linken müssen den Heimatbegriff zurückerobern."

Es begann mit Alexander van der Bellens Präsidentschaftswahlkampf und der Notwendigkeit, den Kandidaten volkstümlich zu präsentieren, um das Wählerpotenzial zu erweitern. "Heimat braucht Zusammenhalt", stand da auf den Plakaten, Bergidylle im Hintergrund. Es dauerte dann nicht lange bis zum ersten bizarren Höhepunkt der Herumgeheimatelei. Im Salzburger Landtagswahlkampf verloren die Grünen die Balance, die der Hofburg-Wahlkampf noch wahrte. Sie affichierten Plakate mit lauter blonden Kindern in Lederhosen und Dirndln. Der Slogan lautete: "Heimat beschützen." Eine Bildsprache, welche die FPÖ nicht schöner hinbekäme.

Auffallend ist, dass meist vom "Begriff Heimat" die Rede ist, der zurückerobert werden soll, nicht von der "Heimat". Das scheinen offenbar massiv unterschiedliche Dinge zu sein. Man hat geradezu den Eindruck, dass es weniger um die Heimat ginge als um den Begriff von ihr.

Das Eigentümliche an Heimat ist die deutliche Dissonanz zwischen Begriff und Gefühl.

Heimat ist zunächst noch am ehestens das, wo man sich vertraut fühlt. Eine Gegend, ein Viertel. Geborgenheit gehört vielleicht dazu. Vertrautheit, die man gern Heimatgefühl nennt. Für die allermeisten Menschen ist das etwas sehr Subjektives, fast Intimes. Zärtliches. Für die einen sind es ein paar Straßenzüge. Oder Kleinstädte. Oder das Dorf, aus dem sie kommen.

Eine der Eigentümlichkeiten von Heimatgefühlen besteht darin, dass sie viel mit Erinnerungen zu tun haben. Auch mit Gerüchen, die an Situationen, und Vertrautheiten erinnern. Man denke nur an die legendäre Episode aus Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit , in der es heißt: "Meine Mutter ließ eines jener dicken ovalen Sandtörtchen holen, die man ›Madeleine‹ nennt ... Und dann mit einem Male war die Erinnerung da."

Was wir mit Heimat meinen, ist also sehr oft eher eine Zeit als ein Ort. Manchmal, im besten Fall, eine Mischung aus Vergangenheit und Gegenwart, aus Erinnerung und Aktualität und ein paar Häuserecken und Straßenzügen. Sie ist nie nur reine Gegenwart, aber nie auch nur reine Vergangenheit, außer in der total verlorenen Heimat. Sie zerrinnt einem gewissermaßen in der Hand. Wenn man sie als Kind erlebt, ist sie nicht Heimat, weil die Erinnerung fehlt. Eher ist sie Zuhause – erinnert man sich ihrer, ist man kein Kind mehr. "Die konkrete Heimat des Kindes ist keine heile Welt, aber nichts repräsentiert heile Welt so sehr wie sie", schreibt der Philosoph Christoph Türke. Und: "Erst nachträglich, als verspieltes, verlorenes, ist das Paradies Paradies."

Noch im persönlichsten Heimatgefühl schwingen das Nostalgische und der Verlust mit: die Erinnerung an einen Ort, der sich verändert hat, so sehr, dass er in gewisser Weise verschwunden ist. Über den die Zeit hinweggegangen ist. Aber selbst wenn der Ort völlig unverändert wäre: Wir wären es nicht. Gerade weil Heimatgefühl Vertrautheit und Dauer voraussetzt, sind zumindest wir die Veränderten, über welche die Zeit hinweggegangen ist. Wenn man Nostalgie nach einem Ort empfindet, hat man meist auch eine gegenüber dem Kind, das man einmal war. Vielleicht nach der Naivität, die man früher hatte, oder dem energetischen Beginnergefühl der Jugend. Nach den grandiosen Plänen, aus denen dann nichts wurde. Oder der Beschütztheit durch die Eltern.

Ein anderes Element von Heimatgefühl ist die Zugehörigkeit, die erst Vertrautheit entstehen lässt. Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe etwa. Die Heimat, die eigentlich keinen Ort braucht. Die Zugehörigkeit in einem Verein, einer Bewegung. Jugendliche brechen aus ihren Familienverbänden aus, aber nicht, um alle Bindungen zu zerreißen, sondern um neue Bindungen herzustellen – in der Clique etwa oder in der Jugendgruppe. Fluidere Heimaten. Entbindung und neue Bindung, Befreiung und Unterwerfung, unter die Konventionen der neuen Gruppe beispielsweise, gehen da Hand in Hand. Insofern gab es natürlich immer in der Geschichte progressive Heimaten. Die Sozialdemokratie beispielsweise mit ihrem Vereinswesen, ihrem Netz aus Sektionen in den Wohnvierteln, Gewerkschaftsorganisation im Betrieb, mit ihren Freizeitunternehmungen, dem Leben im Gemeindebau. Die Partei war insofern eine große Heimatproduktionsmaschine, indem sie Zugehörigkeiten, Vertrautheiten und – wichtig – Sicherheit produzierte. Heimat hat man das eher nicht genannt, obwohl es natürlich für viele eine war: Heimat Sozialdemokratie. Aber auch die Kommunisten konnten das gut und andere progressive Bewegungen. Für andere wieder ist die Kirche mit ihrem Gemeindeleben und ihren sozialen Netz Heimat. Wieder anderen reicht gänzlich die "geistige Heimat", also ein verkopftes Zugehörigkeitsgefühl ohne starke soziale Bande mit echten Menschen.

Das Eigene gegen das Fremde

Wie steht es aber jetzt um den Heimatbegriff, den es angeblich zu erobern gelte? Es ist ja ganz offensichtlich, dass nicht alle Heimaten durch den Heimatbegriff völlig abgedeckt sind. Die Straßenzüge in der Metropole, die Gewerkschaftsjugend – ja, sie können Heimat sein, man kann sie auch Heimat nennen, aber das Bild, das der Begriff Heimat evoziert, ist ein anderes. Eher Dorf als Stadt, eher Natur als Metropole. Wenn man von Heimatliedern spricht, dann meint man nicht unbedingt den Ethno-Rap, der in den Kneipen auf der Ottakringer Straße ertönt, und auch nicht Arbeiterlieder. Sondern eher das Trachtenjanker-und-Lederhosen-Geschunkle. Wienerlieder, die mindestens hundert Jahre alt sind, gehen vielleicht gerade noch durch.

Etymologisch war Heimat ursprünglich ein emotional belangloser juristischer Begriff, nämlich dafür, in welcher Gemeinde man beheimatet war – denn im 19. Jahrhundert blieb man Bürger oder Bürgerin der Gemeinde, in der man geboren war. Ein Fachbegriff des Meldewesens gewissermaßen. Das Wort in einer ähnlichen Bedeutung wie der heutigen trat da und dort auf, setzte sich aber erst dann allgemein durch, als man die Heimat mit anderem konfrontierte. Die deutsche Medienwissenschaftlerin Alena Dausacker hat das so formuliert: "Während der industriellen Revolution wurde der Begriff Heimat an Natur gekoppelt, vor allem an die Berge, die mit ihrer Weite und klaren Luft die Antithese zur engen, dampfmaschinenschmutzigen Stadt waren." Echtheit der rustikalen Welt gegen die Künstlichkeit der Stadt mit ihren neuen modernen Ideen, den räudigen Straßenzügen, dem moralischen Verfall im Asphaltdschungel

Im Heimatbegriff steckt daher von Beginn an: das Hergebrachte gegen das Neue, die Tradition gegen die Moderne, das Dorf gegen die Stadt, das Eigene gegen das Fremde, das Reine gegen das Vermischte.

Dann kam aber noch etwas hinzu, und wenn man es recht überlegt, etwas vollkommen Verrücktes: der Heimatbegriff, der ja, wenn er irgend einen Sinn ergeben soll, an einen konkret erfahrbaren Raum gekoppelt ist, wurde mit der Nation verbunden. Völlig absurd, anzunehmen, dass für den Nordseemenschen die Alpen Heimat sein sollen. "Heimat ist subjektives Geborgenheitsempfinden, das mit einem konkreten, erfahrbaren Raum gekoppelt ist. Einem Dorf, einem Straßenzug, einer Landschaft. Keiner nimmt den Nationalstaat als Raum wahr", schreibt Alena Dausacker. Nur mehr grotesk sei es daher, ein Bundesministerium wie in Deutschland als Heimatministerium verstehen zu wollen. Das funktioniert nicht einmal in kleinen Ländern wie Österreich. Für einen Wiener ist Vorarlberg nicht Heimat und umgekehrt. Aus dieser Absurdität folge eine Reihe neuer Absurditäten. Jemand wie Mesut Özil, der gerade damit hadert, ob Deutschland, wo er geboren wurde, je echte Heimat sein wird, hat natürlich überhaupt keine Probleme damit, zu sagen, dass Gelsenkirchen seine Heimat ist – die Straßenzüge seiner Kindheit, für die er ein zärtliches Gefühl hegt.

Zurückerobern kann man den Begriff der Heimat schon alleine deshalb nicht, weil er nie ein progressiver Begriff war. Aber vielleicht kann man ihn mit zusätzlicher Bedeutung aufladen, das Konzept der Heimat mit mehr vom Subjektiven, Intimen von Heimat versehen. Heimat als all das, was Nahwelt ist. Womöglich muss als Erstes erkämpft werden, was als Heimat zugelassen ist: Stadtviertel, nicht nur Dorf. Kulturraum, nicht nur Natur. Mehr reale Heimaten als kostümierte Surrogat-Heimaten, zu denen einer wie Andreas Gabalier den Soundtrack liefert.

Als politisches Konzept ist der Begriff Heimat toxisch. Das, was für den Einzelnen seine private, intime Heimat ist, wofür er Heimatgefühle empfindet, ist nur beschränkt politisierbar. Der Heimatbegriff dagegen ist massiv politisiert und hat mit den konkreten, kleinteiligen Heimaten meist nicht sehr viel zu tun.

Aber vielleicht ist auch das alles ohnehin eine Kapitulation und vielleicht gar nicht so sehr vor rechten Heimattümlern, sondern vor der Angst. Denn warum sollte man denn gerade heute die intimen Heimat hochhalten, die Vertrautheiten, die Nahwelt? Weil die Welt als Ganzes außer Kontrolle zu geraten scheint. So gesehen ist der Heimatdiskurs vielleicht vor allem eine instinktive Gegenreaktion auf die existenzielle Unbehaustheit des modernen Subjektes in einer als Kontrollverlust empfundenen Turbomoderne.

Man kann dieses Bedürfnis gut verstehen. Aber ob all das die richtige Antwort ist?