Zu Beginn kam sich Hiltrud Werner wie eine Giraffe vor. 1991 war das, Werner – damals 24 Jahre alt – war gerade von Thüringen nach München gezogen, um dort in einer IT-Firma zu arbeiten. Und nun begutachteten die Kollegen sie skeptisch – so erinnert sich Werner heute: "Ich hatte das Gefühl, dass meine Firma mich wie einen Quoten-Ossi eingekauft hat. So wie man eine Giraffe für den Zoo kauft. In dem Fall sagte man sich wohl: Wollen wir doch mal sehen, am lebenden Objekt, wie der Osten tickt!"

An ihrem DDR-Auto, einem Wartburg, habe einmal in München ein Zettel gehangen, darauf dieser Satz: "Fahrt doch wieder nach Hause und räumt erst mal euren Saustall auf." Mit der Zeit habe sie all das sportlich genommen, sagt Werner. "Aber am Anfang fand ich’s krass."

Als Auszubildende nähte sie 200 Pullover am Tag

Das, was Hiltrud Werner erlebt hat, haben viele erlebt. Zahlreiche Ostdeutsche erzählen von einer unerwarteten Entfremdung, von einem schwierigen Beginn in Westdeutschland Anfang der Neunzigerjahre. Aber die Lebensgeschichte von Hiltrud Werner hat doch einen besonderen Twist genommen. Denn diese Frau ist nicht nur in den Westen gegangen, um dort Geld zu verdienen. Sie hat es nach ganz oben geschafft. Sie ist Vorstandsmitglied des Volkswagen-Konzerns geworden, zuständig für Integrität und Recht. Die 52-Jährige ist damit Teil einer Elite geworden, in der Ostdeutsche bis heute äußerst selten anzutreffen sind. Rund 200 Menschen sitzen in den Vorständen der 30 Dax-Konzerne. Nur vier von ihnen sind Ostdeutsche, davon drei Frauen.

Von diesen drei Frauen wollte öffentlich lediglich Hiltrud Werner die Geschichte ihrer Herkunft, ihres Aufwachsens in der DDR, ihrer Familie in den neuen Ländern erzählen. Die Geschichte der anderen beiden, Hauke Stars und Kathrin Menges, muss man sich aus rarem Archivmaterial rekonstruieren. Offenbar gilt: Wer ostdeutsch ist und Erfolg hat, redet nicht über die Vergangenheit.

Aber Werner redet, erstaunlich offen: angefangen von ihrer Zeit als Auszubildende, in der sie 200 Pullover am Tag nähte. Bis hin zu ihrer Stellung heute, da sie beim VW-Konzern, in der Diesel-Affäre, ausgerechnet für Integrität zuständig ist.

Wie ist es ihr gelungen, in einem Weltkonzern so weit aufzusteigen?

Ihr Führungsstil ist umstritten

Werner, das kann man gleich eingangs sagen, ist als Chefin nicht unumstritten; ihre Führungskultur und – ja – Strenge wurden schon öffentlich thematisiert. Wer sie trifft, spürt gleich diese eigenartige Ambivalenz, die Hiltrud Werner umgibt. Ein ständiges Changieren zwischen Nahbarkeit und Härte, zwischen Anpassen und Auffallen.

Ein Mittwoch im Juni, sie empfängt im Vorstandsgebäude des Konzerns: ein eigentlich unspektakuläres Backsteinhaus in Wolfsburg, 5. Stock. Von hier hat man aber einen Blick über das Werksgelände, der es einem schwer macht, sich nicht irgendwie erhaben zu fühlen. Werner trägt einen unauffälligen dunkelblauen Hosenanzug, das ist so weit normal. Aber ihre Nägel! Die funkeln, wie man es bei Frauen, die so weit gekommen sind, selten sieht. Daumen und Ringfinger sind raffiniert mit kleinen Steinchen in Szene gesetzt. So dezent Werners Kleidung ist, so exzentrisch ist ihr Nageldesign.

Wie hat ihre Karriere angefangen, zur Zeit des Mauerfalls?

"Ich hatte gar nicht vor auszuwandern", sagt sie, aber das "Auswandern" müsse man bitte in Anführungsstriche setzen, denn eine Auswanderung sei es ja streng genommen nicht gewesen.