Knapp sechs Tonnen wiegen 300 Millionen Euro, wenn sie in 50-Euro-Noten ausgeliefert werden. Würde man die Geldscheine übereinanderstapeln, wäre der Turm 720 Meter hoch. Man brauchte fast 400 Aktenkoffer und einen Schwerlaster, um eine solche Summe Geld zu transportieren.

Die 300 Millionen Euro stehen im Mittelpunkt eines Politkrimis, in dem ein amerikanischer Geheimdienst, die deutsche Bundesbank und ein kleines Finanzinstitut in Hamburg die Hauptrolle spielen. Er handelt davon, wie eine ganz normale Banküberweisung zu einem Gegenstand der Weltpolitik geworden ist, weil sie letztlich darüber entscheiden könnte, ob eines der ambitioniertesten und umstrittensten internationalen Sicherheitsabkommen eine Zukunft hat: der Atomvertrag mit dem Iran.

Darin verpflichtet sich die Regierung in Teheran, auf Nuklearwaffen zu verzichten. Im Gegenzug hat der Westen seine Wirtschaftssanktionen gelockert. Donald Trump hat das Abkommen aufgekündigt und am Dienstag dieser Woche neue Sanktionen gegen den Iran verhängt, um die dortige Regierung zu weitreichenderen Zugeständnissen zu bewegen. Die deutsche Bundesregierung hält Trumps Vorgehen für völkerrechtswidrig und will den Deal retten.

Die Geschichte der 300 Millionen Euro zeigt, wie aggressiv die Amerikaner ihre Interessen durchzusetzen versuchen. Die folgende Rekonstruktion der Ereignisse basiert auf der Einsicht in amtliche Unterlagen und Gesprächen mit mehr als einem halben Dutzend Beteiligten.

Sie beginnt in den Geschäftsräumen der Europäisch-Iranischen Handelsbank im Hamburger Börsenviertel. Die Bank gehört dem iranischen Staat, genau wie die 300 Millionen Euro, die auf einem der Konten liegen. Es handelt sich um Einnahmen aus Erdölverkäufen. Es gibt solche Konten auch in Österreich, Frankreich und weiteren europäischen Ländern.

Anfang Juni meldet das Institut der Bundesbank, dass die 300 Millionen Euro in bar abgehoben und nach Teheran gebracht werden sollen – vermutlich mit Flugzeugen. Solche Meldungen sind bei größeren Beträgen nicht unüblich. Die Bundesbank ist für die Bargeldversorgung in Deutschland zuständig. Sie lässt die Scheine drucken und reicht sie an die Banken weiter. Deshalb benötigt sie genaue Angaben über die Höhe des Betrags und die gewünschte Stückelung. Die Iraner begründen ihren Auszahlungswunsch damit, dass sie das Geld benötigen, um es an iranische Geschäftsleute weiterzugeben. Die seien bei Auslandsreisen auf Bargeld angewiesen, weil sie keinen Zugriff auf Kreditkarten hätten.

Tatsächlich ist die Beschaffung von Euro und Dollar für die iranische Regierung ein Riesenproblem. Zwar dürfen auch normale deutsche Banken Überweisungen in den Iran tätigen. Die meisten großen Institute tun das aber nicht, weil sie Repressalien der US-Regierung fürchten. Durch die neuen Sanktionen dürfte sich die Lage noch verschärfen, denn die Amerikaner haben es sich zum Ziel gesetzt, den Iran finanziell so weit wie möglich zu isolieren.

Als die Anfrage bei der Bundesbank eingeht, nehmen die politischen Ereignisse ihren Lauf. Die Bundesbank schaltet die Financial Intelligence Union (FIU) mit Sitz in Bonn ein, eine Spezialeinheit des Zolls. Die prüft, ob mit dem Geld Terrorgruppen finanziert werden. Auch die ebenfalls in Bonn ansässige Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) wird aktiv. Sie untersucht, ob die Europäisch-Iranische Handelsbank selbst alle Anti-Terror-Gesetze einhält.

Während in Bonn noch geprüft wird, greift in Washington Sigal Mandelker zum Telefon. Mandelker ist im amerikanischen Finanzministerium für Terrorabwehr zuständig. Die amerikanischen Geheimdienste haben ihr gemeldet, dass die iranische Regierung in Deutschland einen größeren Geldbetrag abheben will. Mandelker ist alarmiert. Wenn der Iran frisches Geld aus Deutschland erhält, dann wäre das für die amerikanischen Sanktionsbemühungen ein schwerer Rückschlag. Das macht sie gegenüber ihren deutschen Kontaktleuten in Berlin deutlich.

Die Telefonate werden flankiert von einer gewaltigen Informationsoffensive. Richard Grenell, der amerikanische Botschafter in Berlin, trifft sich mit Johannes Geismann, dem Geheimdienstkoordinator im Kanzleramt. Am 9. Juli berichtet Bild über einen "Millionen-Plan" der Bundesbank. In dem Artikel heißt es, "amerikanische und israelische Geheimdienste" hätten Hinweise, dass das Bargeld "zur Terrorfinanzierung" verwendet werden soll. Einen Tag später fordert Grenell – ebenfalls in der Bild – die deutsche Regierung auf, "das Vorhaben zu stoppen".