Das kürzlich von der Knesset verabschiedete Nationalstaatsgesetz droht die israelische Gesellschaft offenkundig zu spalten. Trotz großer Proteste weigert sich der Ministerpräsident hartnäckig, das Gesetz zu korrigieren, und erregt damit den Verdacht, er verfolge noch eine weitere, verborgene Absicht: den Wunsch nämlich, die Wunden, die der israelische Staat seiner arabischen Minderheit längst geschlagen hat, nur ja nicht verheilen zu lassen. Als sollten sie für alle Zeit entzündet und drohend offen bleiben.

Was steckt hinter einer solchen Absicht? Warum sollten die Regierung und ihr Chef so etwas anstreben? Man kann es nur erraten: Ist eine Minderheit mit klaffenden Wunden vielleicht verletzlicher? Anfälliger für alle Spielarten der Manipulation, für Hetze, Einschüchterung, Spaltung? Lässt sie sich so besser kontrollieren, nach der Strategie des "Teile und herrsche"?

Mithilfe eines völlig überflüssigen Gesetzes haben Benjamin Netanjahu und seine Regierung einem Fünftel der israelischen Bevölkerung auf einen Schlag den Boden unter den Füßen weggezogen. Warum? Weil sie es können. Weil sie sicher sind, dass keine Macht der Welt sie daran hindern wird. Weil sie möchten, dass die arabischen Staatsbürger beständig im Gefühl existenzieller Unsicherheit leben. Einer ungewissen Zukunft entgegensehen. Auch nicht für einen Augenblick vergessen, dass sie vom guten – oder bösen – Willen der Regierung abhängig sind, dass sie quasi auf Abruf hier sind. Anwesende, die jederzeit zu Abwesenden werden könnten.

Und das Nationalstaatsgesetz verdeutlicht noch etwas: Der israelische Ministerpräsident hat beschlossen, die Besatzung des Westjordanlandes und die damit einhergehende Apartheid nicht zu beenden, sondern diesen trostlosen Zustand noch zu vertiefen und ihn aus den besetzten Gebieten ins Kernland zu transferieren. Anders gesagt: Mit diesem Gesetz hat die israelische Regierung ein für alle Mal darauf verzichtet, den Konflikt mit den Palästinensern jemals beizulegen.

Das Nationalstaatsgesetz sieht unter anderem vor, die arabische Sprache herabzustufen; Arabisch soll keine Amtssprache mehr sein. Eine Sprache aber birgt eine ganze Welt in sich, ein Bewusstsein, eine Identität, eine Kultur. Ihr unendliches Gewebe rührt an die feinsten Fasern des Lebens. Um hinzugehen und die Sprache eines anderen Volkes – wenn auch nur formell, wie der Gesetzgeber sich rechtfertigt – herabzusetzen, muss ein Mann, muss ein Politiker schon unglaublich viel Dreistigkeit und Hochmut besitzen.

Das Hebräische und das Arabische sind Schwestersprachen. Millionen jüdischer Israelis haben das Arabische mit der Muttermilch eingesogen. Der Wortschatz der hebräischen Sprache genügt nicht, um gegen die Demütigung ihrer Schwester gebührend laut zu protestieren.