Der Hamburger Jens Sroka ist dieser Tage heilfroh, dass er viel an der Küste zu tun hat. Dort ist es kühler als in der Stadt. Sroka, 42, betreibt in St. Peter-Ording und Heiligenhafen mehrere Hotels, die den Tourismus an Nord- und Ostsee aufgemischt haben: Sie heißen Beach Motel oder Bretterbude.

DIE ZEIT: Herr Sroka, ist es okay, wenn wir uns siezen?

Jens Sroka: Klar, warum nicht?

ZEIT: In Ihren Hotels wird der Gast geduzt.

Sroka: Wir haben gemerkt, dass es den Gästen dabei hilft, sich zu entspannen. Und es senkt auch die Distanz zwischen Gast und Mitarbeiter.

ZEIT: Ihre Eltern besaßen in Hamburg ein Hotel am Berliner Tor. Haben Sie einen Teil Ihrer Kindheit an der Rezeption verbracht?

Sroka: An Wochenenden schwamm ich oft im Pool von unserem Hotel Ambassador, ich war aber auch unterwegs im Backoffice, in der Küche, den Lagern. Das war aufregend! Manchmal ließ ich Süßigkeiten mitgehen, Schoki und Gummibärchen von der Hausdame, die als Betthupferl gedacht waren.

ZEIT: Warum der Name "Ambassador"?

Sroka: Mein Vater fand, es muss ein Name sein, der mit A anfängt, damit er im Telefonbuch vorn steht.

ZEIT: Sie sind dann selbst Hotelier geworden. Angefangen haben Sie in den Neunzigern im ehrwürdigen Hamburger Atlantic.

Sroka: Ja, zunächst als Page, als Junge für alles. Ich war gerade 18, hatte kaum den Führerschein und durfte dicke Oberklasseschlitten in die Garage fahren oder Gäste zum Flughafen. Es war erstaunlich, wie gut ich verdient habe. An manchen Tagen erhielt ich mit einem netten Lächeln 100 Mark Trinkgeld. Im Monat kam da einiges zusammen. Weit mehr als mein Azubi-Gehalt von anfangs 400 Mark.

ZEIT: Wie ging es im Atlantic weiter?

Sroka: Nach der Ausbildung, mit 22 als junger Salesmanager, durfte ich mich dort um die Promis kümmern. Ich ging mit Tina Turner shoppen, bin mit Steve Martin um die Alster geradelt, war zwei Wochen lang Mädchen für alles für die Rolling Stones.

ZEIT: Wie kamen Sie zum ersten eigenen Hotel?

Sroka: Ich habe zunächst einige Jahre in Amerika, Thailand und Vietnam gearbeitet. Mein Vater hatte nicht mehr das Hotel in Hamburg, sondern eines in St. Peter-Ording, nun wollte er mit 63 in Rente gehen. Mein Bruder und ich sahen das als Chance, uns selbstständig zu machen. So haben wir unseren Eltern das Hotel für 5,6 Millionen Euro abgekauft.

ZEIT: Woher hatten Sie das Geld?

Sroka: Das Ersparte ging drauf. Unser Vater hat etwas vorgeschossen, das haben wir später mit Zinsen zurückgezahlt. Der Rest kam von der Bank.

ZEIT: Sie hatten keine Angst vor dem Scheitern?

Sroka: Von meinen Eltern habe ich ein Urvertrauen mitbekommen, dass, wer richtig Gas gibt, auch Erfolg haben kann. Und der Erfolg trat ein: Mit Umgestaltungen und guter Werbung haben wir die Belegung im Hotel in zwei Jahren von 57 auf 80 Prozent gesteigert. Mein Bruder war der Mann für Zahlen und Personal. Ich habe mich um Verkauf, Marketing und die Gäste gekümmert.

ZEIT: Seit 2007 haben Sie vier Hotels eröffnet und beschäftigen heute 260 Mitarbeiter. Wie viel Geld steckt in einem Hotelneubau?

Sroka: In Heiligenhafen sind es 49 Millionen Euro für zwei Hotels. Etwa zehn Prozent steuerte das Land Schleswig-Holstein bei – pro Mitarbeiter, den wir einstellen, gibt es 35.000 Euro Zuschuss. In Büsum investieren wir gerade 35 Millionen Euro in ein neues Haus. Da ist der Hochwasserschutz aufwendig, denn wir bauen eine Tiefgarage in den Deich. Ich habe zwei Geschäftspartner, und wir teilen alles fair auf. Der eine kommt aus der Baubranche, der andere aus dem Geschäft mit Wind- und Solarenergie. Jeder hat ein Drittel.

ZEIT: Die Hotelbranche ist umkämpft. Hatten Sie nie Sorge, ob alles gut geht?

Sroka: In St. Peter-Ording hatte ich Nachbarn, die geklagt haben bis vors Landesverwaltungsgericht. Die erwirkten einen Baustopp, als längst das Fundament lag. Damals hatte ich die eine oder andere nicht so schöne Nacht, meine Existenz war gefährdet. Wir hatten ein Jahr Bauverzögerung, aber es ging noch mal gut aus.

"Willkommen in der Holzklasse"

ZEIT: Als Sie in St. Peter-Ording als junger Hotelier anfingen, war es dort noch nicht hip.

Sroka: Der Ort war eher altbacken, überall Waschbeton, jahrelang war wenig investiert worden. Andererseits: Der Strand ist einmalig! 14 Kilometer lang, zwei Kilometer breit, dazu die Pfahlbauten. Damals wurde die Promenade neu gemacht. Es gab erste Anzeichen von Aufbruchstimmung. Daraufhin haben mein Bruder und ich das Strandgut-Resort konzipiert: "Jung, frisch, bezahlbar". Dadurch kamen andere Investoren und halfen mit, dass St. Peter frischer wurde.

ZEIT: Was war Ihr Konzept?

Sroka: Beim Beach Motel war es die Vintage-Architektur der US-Küste. Und dass jemand, der mit Badehose und Flip-Flops vom Strand kommt, Sand an den Füßen hat und sich trotzdem im Haus wohlfühlt.

ZEIT: Es wohnen dort aber auch viele jenseits der 40. Wie bringt man Büromenschen in ein Surferhotel, ohne dass sie sich albern vorkommen?

Sroka: Wir tun, was wir können. An der Rezeption trägt keiner Krawatte, jeder T-Shirt. Der Gast bekommt einen Willkommensdrink in die Hand gedrückt und gesagt: Schön, dass du da bist.

ZEIT: In Ihrem Hotel Bretterbude wird man begrüßt mit "Willkommen in der Holzklasse"!

Sroka: Die Gäste heißen bei uns Halunken, die Kinder Rabauken. Das ist ein roter Faden, der sich durch die Ansprache zieht.

ZEIT: Gibt es Ideen, die Sie als zu exzentrisch verworfen haben?

Sroka: In der Bretterbude wollten wir das Restaurant Fressbrett nennen. Es sollte Holzbretter geben mit Essen darauf, die Fressbretter. Wir haben gemerkt: Für eine Omi, die da ihren Cappuccino trinken will, ist das ein bisschen zu viel.

ZEIT: Sie sagten mal, der Hotelgast von heute sei anders als der vor 20 Jahren. Inwiefern?

Sroka: In der Bretterbude, wo das günstigste Zimmer mit Meerblick 69 Euro kostet, sehe ich Gäste mit dem Mercedes AMG für 180.000 Euro vorfahren. Es gibt nicht mehr den reinen Drei- oder Fünf-Sterne-Kunden. Sterne sind heute vielen egal. Sie suchen einen bestimmten Lifestyle, sei es Design, Wellness, Yoga oder Öko.

ZEIT: Ihr Hotel in St. Peter-Ording ist bis Januar an den Wochenenden ausgebucht. Klingt irre.

Sroka: Die Jahresauslastung dort beträgt 93 Prozent. Das zeigt mir, es gibt noch viel Bedarf für innovative, spannende Produkte an der Küste. Investoren konzentrieren sich noch auf die Städte, weil sie meinen, dort sei das große Geld zu verdienen, dort sei der sichere Hafen. Ich hingegen sage: An der Küste bin ich genauso erfolgreich.

ZEIT: Sind Sie heute ein gemachter Mann?

Sroka: Am Monatsende muss ich glücklicherweise nicht über Geld nachdenken. So ist das aber erst, seit das Strandgut sehr gut läuft.

ZEIT: Zahlen Sie sich ein festes Gehalt aus?

Sroka: Ja. Und alles, was an Gewinn anfällt, investieren wir wieder in neue Projekte.

ZEIT: Wann gab es zuletzt eine Gehaltserhöhung?

Sroka: Jetzt gerade habe ich mir eine gegönnt. Um eine Wohnung zu bezahlen, die ich mir privat in Hamburg gekauft habe. Aber das ist natürlich mit meinen Partnern abgesprochen.

ZEIT: Ist Ihr weißer Porsche ein Zeichen dafür, dass Sie es geschafft haben?

Sroka: Überhaupt nicht, eher die Erfüllung eines Jugendtraums. Ein wunderschöner Oldtimer von 1984 – leider wurde er mir geklaut.

ZEIT: Können Sie gut mit Geld umgehen?

Sroka: Geschäftlich ja, da achte ich aufs Geld. Wir machen viel Umsatz, haben aber auch hohe Kosten. Was ich privat verdiene, gebe ich meist aus – für Reisen oder gutes Essen. Ich bin auch großzügig gegenüber Freunden und meinem Partner.

ZEIT: Was haben Sie in Ihrer Familie über den Umgang mit Geld gelernt?

Sroka: Von meinem Vater habe ich haushalten gelernt. Als ich sein Hotel übernahm, war ich beeindruckt, wie gut er die Kosten im Griff hatte. Meine Mutter, die aus Curaçao stammt, hat mir karibische Großzügigkeit vorgelebt. Ich habe also beides mitbekommen.

ZEIT: Jobs im Hotel sind oft hart und schlecht bezahlt. Wie finden Sie gute Leute?

Sroka: Indem wir weit übertariflich bezahlen. Wir bieten Extras wie Autos und Wohnungen für unsere Mitarbeiter, sie können unsere Spa-Bereiche nutzen, wir zahlen ihnen Yogakurse. Wir geben auch vielen Aus- und Umsteigern eine Chance. Bei uns zählt Lust an der Arbeit mehr als etwa perfekte Kenntnisse darüber, wie man eine Scholle filetiert.

ZEIT: Auf was achten Sie als Gast in Hotels?

Sroka: Darauf, ob der Service schnell und freundlich ist, ob er dabei echt wirkt oder maskenhaft. Bei mancher Einrichtung frage ich mich, was der Architekt sich dabei gedacht hat: zum Beispiel bei weißem Teppich oder Waschbecken aus Aluminium, beides ein Albtraum für Reinigungskräfte!

ZEIT: Lassen Sie privat als Hotelgast Geld zurück für die Zimmermädchen?

"Ein Snackautomat neben der Rezeption tut es genauso"

Sroka: Immer! Zwischen zwei und zehn Euro, je nach Aufenthalt. Einst im Atlantic habe ich ein halbes Jahr lang täglich 14 Zimmer geputzt. Ich weiß, was für eine Arbeit das ist.

ZEIT: Womit verdient ein Hotel Geld?

Sroka: Eindeutig mit der Logis. Nicht umsonst gibt es in Städten immer mehr Hotels ohne eigene Restaurants. Gastronomie ist nun mal sehr personalaufwendig. In unseren Hotels macht das Personal bis zu 40 Prozent der Kosten aus.

ZEIT: Was verschlingt noch besonders viel Geld?

Sroka: Ein Außenpool. Den im klirrenden Winter auf 30 Grad zu heizen ist, als würden Sie mit Geldbündeln danebenstehen und einen Fünfeuroschein nach dem anderen reinwerfen.

ZEIT: Welche Dinge fehlen in Ihren Hotels, weil sie sich für Sie nicht rentieren?

Sroka: Minibars zum Beispiel. Ich denke, ein Snackautomat neben der Rezeption tut es genauso. Dort gibt es bei uns auch rund um die Uhr Getränke. Minibars kosten um die 500 Euro pro Stück, sind klein, schlecht belüftet, oft kaputt und bereiten ständig Ärger, weil viele Gäste die Preise überteuert finden ...

ZEIT: ... oder bei der Abreise nicht dafür zahlen?

Sroka: Ja. Aber wenn ein Gast mehrere Hundert Euro für seinen Aufenthalt dalässt, schickt man ihm keine Rechnung für die fehlende Cola nach.

ZEIT: Gibt es noch anderswo Schwund?

Sroka: Bademäntel waren ein Riesenproblem. Inzwischen haben wir in den Zimmern Mietwäsche, die wir pro gewaschenes Kilo bezahlen. Heute kommt vor allem hochwertige Deko abhanden. Entwendete Coffee-Table-Books zu ersetzen kostet uns allein um die 1.500 Euro im Jahr – pro Hotel. Zweimal konnten wir im letzten Moment Gäste aufhalten, die einen 2,50 Meter großen, 600 Euro teuren Kuschelhasen in ihr Auto stopfen wollten. Denen sagten wir: Der Dekohase ist leider nicht zum Mitnehmen. Beim dritten Mal hat jemand nachts zugeschlagen, seitdem ist der Hase weg. Wir vermissen auch viele Decken aus Ruheräumen.

ZEIT: Ihre Hotelgäste zahlen für ein Basispaket, Extras kosten extra, beispielsweise Pool und Sauna pro Tag sieben Euro. Finden das alle okay?

Sroka: Der eine oder andere nicht, klar. Aber so können wir einen günstigen Grundpreis fürs Wesentliche anbieten: ein gutes Bett, ein Bad. Bei uns bezahlt der Gast, was er nutzt. Bei einem 39-Euro-Zimmer kann ich nicht auch noch eine tägliche Reinigung bieten. Die kostet mich neun Euro. Wenn der Gast sie wünscht, zahlt er dafür 6,90 Euro, ich zahle also immer noch drauf. Für Gäste, die längere Zeit dableiben, haben wir auf dem Flur einen Bereich, der heißt "Mach’s dir selber". Da ist ein Besen, eine Schaufel. Das wird auch genutzt.

ZEIT: Was kostet bei Ihnen Meerblick?

Sroka: Das macht 30 bis 50 Euro aus. Was mich wundert: Die Gäste sind sogar bereit, für den vierten Stock mehr auszugeben als für den ersten.

ZEIT: Wofür ist Ihnen als Hotelgast Ihr Geld zu schade?

Sroka: Zu teures Frühstück. Ich war auf Hawaii vor zwei Jahren, da sollte ein Frühstück 60 Dollar kosten. Um Gottes willen! Was muss das für eine Käseauswahl sein, was für ein Kaffee, dass der das wert ist? Für mich ist 25 Euro für ein Frühstück die Schmerzgrenze. Sonst gehe ich lieber nebenan zum Bäcker und hole mir belegte Brötchen.

ZEIT: Es heißt, Sie planten ein Hotel in Hamburg.

Sroka: Ja, einen Neubau in der Nähe des Hauptbahnhofs. Mehr als 140 Zimmer, zwölf Etagen, mit Rooftop-Bar. Geplant ist ein junges, frisches Konzept zusammen mit einer Hamburger Marke. Mehr ist aber noch nicht spruchreif.

ZEIT: Sie raten Hoteliers, sich nicht auf die Städte zu fixieren. Warum tun Sie das nun selbst?

Sroka: Weil ich aus Hamburg komme. Ich hatte immer den Traum, dort ein Hotel zu bauen.

ZEIT: Sie fahren demnächst mit Ihrem Mann in die Flitterwochen. Was haben Sie vor?

Sroka: Insel-Hopping in der Karibik. Schlafen werden wir in Vier- und Fünf-Sterne-Häusern.

ZEIT: Nicht in Surferhotels?

Sroka: Nein. Ich hole mir auf Reisen gern neue Inspirationen und mag es, neue Hotels kennenzulernen. Außerdem war mir nach einem Kitesurf-Kurs klar, dass ich leider selbst kein Surfer bin.