DIE ZEIT: Herr Kühnert, Sahra Wagenknecht hat ihre neue linke Sammlungsbewegung "Aufstehen" genannt. Warum bleiben Sie sitzen?

Kevin Kühnert: Weil ich ungern auf Zuruf aufspringe. Und weil ich ebenso wenig über diese neue Bewegung weiß wie die meisten anderen Bürger vermutlich auch. Zu mir oder den Jusos ist auch nie Kontakt aufgenommen worden, weder von Frau Wagenknecht noch von sonst jemand aus dem Kreis der Initiatoren. Insofern hatte ich bisher nicht das Gefühl, dass man sonderlich großen Wert darauf legt, dass wir dabei sind.

ZEIT: Umgekehrt heißt das: Wenn Sie mehr wüssten und Kontakt zu Ihnen aufgenommen würde, dann wären Sie dabei?

Kühnert: Wir machen die Mitarbeit in Bündnissen grundsätzlich von deren Inhalten und Strategien abhängig. Unter den Jusos ist die Stimmung gegenüber dieser Sammlungsbewegung bislang nicht sonderlich euphorisch, um es mal vorsichtig zu sagen.

ZEIT: Warum?

Kühnert: Manche Personen wirken nun mal integrierend und manche weniger. Und manche sind in der Vergangenheit nicht zwingend dadurch aufgefallen, für eine gute Zusammenarbeit links der Mitte zu stehen.

ZEIT: Eine linke Sammlungsbewegung hätte größere Chancen, wenn sie jemand anders vorantreiben würde als Sahra Wagenknecht?

Kühnert: Ich rede nicht nur von Frau Wagenknecht. Ich bin einfach skeptisch, wenn Leute, die seit vielen Jahren in der Politik unterwegs sind, auf einmal generalstabsmäßig eine Bewegung gründen wollen. Ich dachte immer, Bewegungen entstehen dynamisch, von unten, aus der Bevölkerung heraus.

ZEIT: Sie sagten mal, dass die politische Linke in Deutschland eine Ansammlung verschiedener Gruppen sei, ohne Machtperspektive. Jeder kämpfe für sich allein. Und dann sagten Sie: "Das können wir uns nicht länger erlauben." Warum sperren Sie sich nun gegen eine gemeinsame neue Gruppierung?

Kühnert: Mir geht es darum, eine rot-rot-grüne Machtperspektive in den Parlamenten zu entwickeln, getragen von gesellschaftlicher Unterstützung. Drei Parteien links der Mitte, die gemeinsam regieren können und wollen. Worum es mir nicht geht: die Unterschiede zwischen diesen drei Parteien so einzuebnen, dass sie identisch werden. Das wird nicht funktionieren. Man muss doch eine gewisse Vielfalt abdecken. Nur so maximiert man die Reichweite in der Bevölkerung.

ZEIT: Was glauben Sie, wie viele Sozialdemokraten sich eine andere, linkere Politik wünschen: Mehr als die Hälfte? Mehr als zwei Drittel? Oder viel weniger?

Kühnert: Das ist schwer in Zahlen zu fassen, ich würde mich da auch nicht an den Abstimmungsergebnissen zur großen Koalition orientieren, nach dem Motto: Nur wer gegen die Groko war, wollte auch eine linkere Politik. Was ich aber sicher weiß, ist: Es gibt eine Mehrheit in der SPD, die den Status quo für unbefriedigend hält.

ZEIT: Abgesehen von den miserablen Umfragewerten, was ist für Sie der Status quo?

Kühnert: Wir waren in den letzten Jahren vor allem mit Gesetzentwürfen und Anträgen beschäftigt, wir sind Weltmeister des Tagesgeschäfts geworden, und das ist ein Problem. Das ist notwendige politische Arbeit, aber nur eine Hälfte davon. Darüber ist die nötige Zuspitzung in der Öffentlichkeit verloren gegangen. Mir geht es dabei nicht um Vereinfachung, aber darum, Menschen erst mal zu packen, auch emotional. Da fehlt das Feuer. Stattdessen sind wir seit Jahren nur noch dabei, Schlimmeres zu verhindern. Das ist der rote Faden, der sich durch viele Maßnahmen der großen Koalition, aber auch durch die Auseinandersetzungen mit AfD oder Pegida zieht. In der Auseinandersetzung mit Seehofer: Schlimmeres verhindert. Verhandlungen um den Familiennachzug: Schlimmeres verhindert. Dafür macht man eigentlich nicht Politik, und dafür brennen auch keine Herzen. Was überhaupt nicht stattfindet, zumindest nicht öffentlich wahrnehmbar, sind die kernlinken Fragen, die Verteilungsfragen: Wer hat eigentlich Zugang zu diesem unglaublichen Reichtum, den es gibt?

ZEIT: Und woran liegt das?

Kühnert: Wir alle haben uns jahrelang mit einer Ideologie beschallt, die objektiv gescheitert ist: der Ideologie des Neoliberalismus und der stärkeren Marktmechanismen. Der hat vielen Menschen nicht die Verheißungen gebracht, die damit verbunden wurden. Aber es fällt enorm schwer, sich davon wieder zu verabschieden. Weil viele, die daran beteiligt waren, heute immer noch tätig sind. Mein Eindruck ist, dass es große Abwehrreflexe dagegen gibt, mit dieser Logik zu brechen. Weil man glaubt, dass das eine Diskreditierung der eigenen politischen Lebensleistung bedeuten würde.

ZEIT: Von wem sprechen Sie, wen meinen Sie damit genau?

Kühnert: In Union und FDP lebt diese Ideologie weiter. Aber auch links der Mitte, inklusive der SPD, ist es mir zu still. Milliardenvermögen werden fast unversteuert vererbt, und Dax-Chefs bekommen heute das 71-Fache ihrer Angestellten, während Mietern ihre Wohnkosten um die Ohren fliegen und Kinderarmut um sich greift. Ist unsere Gesellschaft so abgestumpft, dass der Aufschrei ausbleibt? Ich jedenfalls bin gewillt, diese Konflikte einzugehen.

ZEIT: Sind Sie das wirklich? Seitdem Sie vor einigen Monaten öffentlich gegen die Groko kämpften und verloren, ist es um Sie ziemlich still geworden.

Kühnert: Ich beteilige mich intensiv an der Erneuerung der SPD. Das macht einen großen Teil meines politischen Alltags aus. In der ersten Etappe des Erneuerungsprozesses haben wir Impulspapiere erstellt, die die Partei jetzt diskutiert. Zum Beispiel über die Frage, was nach Hartz IV kommt.

Kevin Kühnert - »Haben Ihnen die Rechten die Wut geklaut?« Die Linke hat ihre eigenen Themen verpennt, sagt Kevin Kühnert, der Bundesvorsitzende der Jusos. Ein Video-Interview