San Luca ist ein Nest mit 3500 Seelen in der Spitze des italienischen Stiefels. Hoch über diesem Ort in der Berglandschaft Kalabriens thront ein kleines ehemaliges Kloster, in dessen Mitte eine Kirche steht: Sie ist der "Madonna der Berge" gewidmet. Niedrige Häuser umgeben sie, aus groben Steinen errichtet und unverputzt. Nur das Kloster ist frisch renoviert. San Luca, dieser kleine Ort im äußersten Süden Italiens, war viele Jahrzehnte lang der Treffpunkt zweier Welten: Hier begegneten sich Mafia und katholische Kirche.

In Kalabrien ist die Mafia-Organisation ’Ndrangheta ein Machtfaktor, und San Luca ist eins ihrer Zentren. Von hier aus haben sich die Clans in alle Welt ausgebreitet, bis nach Australien. Auf dem Kirchengrund von Santa Maria di Polsi, unter den Augen von Priestern und Bischöfen, pflegten einige der berüchtigtsten Kriminellen Italiens ihre Geschäfte zu besprechen. Und das nicht etwa hinter verschlossenen Türen: Die Mafia sah Santa Maria di Polsi als ihr Heiligtum an, ihren Pilgerort. Hier bei der Kirche fühlten sich die Mafiosi zu Hause. Das änderte sich plötzlich im Jahr 2009. Beim jährlichen Kirchenfest zu Ehren der Bergmadonna bestimmten die Clans hier damals ihren ranghöchsten Chef – und die Polizei filmte das kriminelle Gipfeltreffen. Seitdem ist nichts mehr, wie es war.

Auch die Kirche wahrt inzwischen Distanz. So lässt sich in San Luca heute das neue, gewandelte Verhältnis der katholischen Kirche zur Mafia besichtigen.

Noch immer feiert der Ort in seinem Kloster das jährliche Fest zu Ehren der Madonna di Polsi. Früher kamen die Teilnehmer der Prozession barfuß über die Berge, heute fahren die meisten mit dem Auto. Aber Ziegen werden immer noch gebraten zur Feier des Tages, und noch immer wird auf dem Platz vor der Kirche die Tarantella getanzt.

Dennoch ist nun vieles anders. Wer vorletztes Jahr das Fest zu Ehren der Bergmadonna erlebte, konnte ein interessantes Schauspiel erleben: Der örtliche Priester Don Pino Strangio aus San Luca, der Hausherrr der Wallfahrtskirche, stapfte missmutig neben seinem Chef einher, dem Bischof Francesco Oliva aus Locri. Beide gingen durch die Menge der Pilger, doch Bischof Oliva wahrte einen deutlich erkennbaren Abstand. Kein Wunder: Die Staatsanwaltschaft hat mittlerweile gegen Don Pino Strangio Ermittlungen aufgenommen – wegen des Verdachts der Mafia-Zugehörigkeit. Sein Anwalt hat die Vorwürfe gegenüber einem Mafia-Blog der Zeitung La Repubblica bestritten.

Als Oliva predigte, machte er unmissverständlich klar, dass Mafia und Katholizismus nichts gemein hätten. "Ich sehe in eurer Anwesenheit das Zeichen und den Wunsch, der Jungfrau von Polsi eure Erwartungen und Hoffnungen zu übergeben!", rief der Bischof den Gläubigen zu – und dann folgten die entscheidenden Worte: Es gehe, sagte der Bischof, um "die Träume von diesem unserem Landstrich, der die Courage sucht, sich über die Kraft der Befreiung und der Reinigung von jeder Form der Illegalität in neue Höhen aufzuschwingen." Und weiter: "Ich bin davon überzeugt, dass es nicht genügt, die Seiten der Zeitungen mit diesem Begriff zu füllen. Es braucht konkreten Einsatz von jedem – keinen ausgenommen – gegen jeden Akt, der die Illegalität fördert!", rief er ins Mikrofon. Auch den Sicherheitskräften dankte der Bischof.

In seiner Predigt entschuldigte sich Oliva später dafür, die ’Ndrangheta nicht beim Namen genannt zu haben. Er kenne die Mafia-Organisation sehr wohl und wisse um deren Gefährlichkeit.

Der Priester und Geschichtswissenschaftler Cataldo Naro hat die Haltung der katholischen Kirche zur Mafia in drei Phasen eingeteilt. Er nennt sie "das Schweigen", "das Wort" und "den Schrei".

"Schweigen" ist noch eine milde Umschreibung jenes speziellen Komplizentums, das Kirche und Mafia jahrzehntelang verband. Die Kirche half Kriminellen bei ihrem Leben im Untergrund, etwa, indem sie flüchtige und untergetauchte Gangster heimlich traute.

Die Mafia wiederum begegnete der Kirche mit tiefster Verehrung. Fast alle wichtigen Mafiosi gerieren sich als Musterchristen: Sie gehen zur Messe, sie lassen ihre Kinder taufen, selbst untergetaucht und auf der Flucht suchen sie noch Kontakt zu Priestern, um ihre Religiosität zu leben. Mafiosi finanzieren kirchliche Feste, sie spenden, manche tragen ihre Bibel stets bei sich. Auch in ihren eigenen Ritualen ahmt die Mafia die Kirche nach: Neue Mitglieder und Ortsverbände werden einer sogenannten Taufe unterzogen.

Noch im Jahr 2010 musste in Sant’Onofrio die Osterprozession verschoben werden, ein Höhepunkt des Kirchenjahres. Die Polizei hatte zuvor kritisiert, dass sich der örtliche Clan zur Demonstration seiner Macht das Monopol gesichert hatte, die drei Heiligenstatuen zu tragen.

Ein sizilianischer Priester seufzte einmal: "Ich wünschte mir, dass meine Gemeindemitglieder eine solche Leidenschaft für Gott und das Evangelium hätten wie viele Mafiosi!" Es fiel der Amtskirche schwer, sich von so viel gelebter Religiosität, von so viel Hingabe zu distanzieren – obwohl es eine Hingabe an eine grundfalsche Sache war.